Fake-Dokus im Fernsehen Wenn der Zottel-Lehrer mit der Messie-Mutter...

Richtig dumm, echt gemein, wirklich falsch - mit Fake-Dokumentationen wie "Familien im Brennpunkt" erzielen die Privatsender sensationelle Quoten. Eine neue Studie zeigt: Die Mehrheit der jungen Zuschauer hält die frei erfundenen Fälle für real.

RTL

Von Stefan Niggemeier


Die Folgen heißen "Zottel-Lehrer stalkt Schülerin", "Messie-Mutter ist kaum zu bändigen" oder "Abgebrühtes Mutter-Tochter-Gespann geht über Leichen". Eine typische Handlung geht so: Toni betrügt seine Frau Marleen und wirft sie samt Tochter Jana aus dem Haus. Beide flüchten zu Marleens Schwester Rebekka und deren Tochter Tiffany, die sie aber nicht ausstehen können und ihnen das Leben zur Hölle machen. Tiffany macht heimlich Nacktfotos von Janas ungleichen Brüsten und verschickt sie von deren E-Mail-Postfach an die halbe Schule, Rebekka macht sich an Toni heran und nimmt ihr den Job weg. Großes Geschrei, nach einer Stunde Happy End.

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Heft 50/2011
...und wer regiert das Geld?

Es sind groteske Geschichten um extrem eskalierende Konflikte, mit denen RTL nachmittags um 16 Uhr unter dem Reihentitel "Familien im Brennpunkt" sensationelle Quoten einfährt. Wie bei den ähnlichen RTL-Formaten "Verdachtsfälle", "Betrugsfälle" und "Die Schulermittler" werden die Rollen von Laiendarstellern gespielt, dennoch sind die Episoden konsequent wie Dokumentationen inszeniert: mit Wackelkameras, unkenntlich gemachten Namen oder Kennzeichen oder Sätzen eines Off-Sprechers wie: "Der Schulpsychologe bittet alle Beteiligten zum Gespräch. Wir dürfen mit der Kamera dabei sein." Nur winzige Einblendungen am Anfang und Ende weisen darauf hin, dass alles frei erfunden ist. In der Branche wird das Format Scripted Reality genannt.

Doch nur 22 Prozent der Zuschauer zwischen 6 und 18 Jahren nehmen das Gezeigte auch so wahr. Knapp die Hälfte glaubt, hier würden echte Fälle nachgespielt; 30 Prozent sind sogar überzeugt, dass das Kamerateam die tatsächlichen Erlebnisse der gezeigten Familien dokumentiert. Das ergab eine neue Studie, für die die Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens insgesamt 861 Schüler befragt hat.

"Nicht realistisch"

Vor allem jüngere Kinder und Hauptschüler erkennen laut der Umfrage den fiktiven Charakter der "Familien im Brennpunkt"-Folgen nicht. Wer die Sendung häufiger guckt, hält das Gezeigte mit größerer Wahrscheinlichkeit für "echt".

Die RTL-Sendung ist außerordentlich beliebt: Schon bei 6- bis 12-Jährigen kennt und sieht ein gutes Viertel das Format; bei älteren Schülerinnen und Schülern nimmt der Anteil deutlich zu. Die große Zahl sehr junger Zuschauer sei zunächst überraschend, sagt die Studienleiterin Maya Götz, die Chefin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), das dem Bayerischen Rundfunk zugeordnet ist: Eigentlich würden Kinder ungern zusehen, wie sich Erwachsene anschreien.

Auf die Frage, warum sie die Sendung gucken, stimmte eine große Mehrheit der Kinder dem Satz zu: "Weil man da sehen kann, dass auch andere in der Familie oder mit ihren Freunden streiten". Sehr viele schauten die Sendung, "weil da auch Kinder und Jugendliche ihre Meinung sagen dürfen". Etwa die Hälfte der befragten 6- bis 18-jährigen Zuschauer meinte: "Seitdem ich 'Familien im Brennpunkt' schaue, weiß ich, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt."

Darin sieht Eva Radlicki, die beim ZDF die Informationsprogramme für Kinder und Jugendliche verantwortet, eine Gefahr der Sendungen und ihrer Rezeption: "Es wird immer eine leichte Lösung präsentiert, die beim Zuschauen ein warmes Gefühl macht, aber nicht realistisch ist."

"Verzerrtes Menschenbild"

Auch Maya Götz hält die Ergebnisse für höchst problematisch. Die Scripted-Reality-Sendungen am Nachmittag hätten durch ihre extrem schnelle und billige Produktionsweise zudem den Nachteil, dass die Verantwortlichen noch weniger als bei anderen Sendungen die Möglichkeiten hätten, überhaupt zu reflektieren, welche Botschaften über das Leben sie mit ihren Programmen vermitteln.

Vor allem für Hauptschüler sei das Format interessant, sagt sie, weil deren Lebenswelt sonst kaum stattfinde im Fernsehen - "umso heikler ist es, dass die Ausnahme ausgerechnet dieses Genre ist".

Die Forscherin fürchtet, dass Kinder und Jugendliche, die die auf maximalen Effekt konstruierten Pseudo-Dokumentationen für ein Abbild der Realität halten, ein "verzerrtes Bild von Menschen und Milieus" bekommen könnten: "'Familien im Brennpunkt' vermittelt kein humanistisches Menschenbild, sondern suggeriert, dass es Menschen gibt, die einfach böse sind." Die Hälfte der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer hat nach eigenen Angaben aus der Sendung gelernt, "dass es viele Leute gibt, die echt gemein sind". "Familien im Brennpunkt" lege zudem eine Abwertung von bestimmten Menschen nahe: Nur ein Fünftel widersprach der Aussage: "Seitdem ich 'Familien im Brennpunkt' schaue, weiß ich, dass es viele Leute gibt, die so richtig dumm sind."

Maya Götz sagt, sie sei selbst überrascht, in welchem Maße die Kinder und Jugendlichen die Sendung mit der Realität verwechselten und fordert: "Wir brauchen dringend eine Medienkompetenzschulung."

"Kein Kinderprogramm"

Die Studie, die in Kooperation mit der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt entstand, ist in der vergangenen Woche im Rahmen einer Tagung des IZI in München vorgestellt worden. Steffen Kottkamp, Geschäftsführer des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals KiKa, nannte das Genre dabei "höchst problematisch": "Kindern wird hier eine echte Realität vorgegaukelt." Die Wirklichkeit werde durch Scripted Reality diskreditiert; echte Dokumentationen könnten mit den Sendungen kaum konkurrieren, weil sie die behauptete Realität nicht vorfinden. Er hofft allerdings, dass das Genre seinen Höhepunkt überschritten hat, weil sich die Inflation der Reize kaum noch steigern ließe.

Georg Bussek, der mit seiner Firma E+U für den KiKa unter anderem die Doku-Soap "Die Mädchen-WG" produziert, fürchtet, dass Scripted Reality das Format Dokumentation zerstört, weil die Sehgewohnheiten des Publikum und die Erwartungen der Redaktionen in den Sendern dadurch konditioniert würden. "Wenn das die Krassheit ist, die nötig ist - dann kommt eine normale Dokumentation ziemlich bescheiden daher."

RTL verweist auf Anfrage auf eine Forsa-Umfrage, wonach nur 18 Prozent aller Über-14-Jährigen glaubt, dass bei "Familien im Brennpunkt" und ähnlichen Sendungen Geschehnisse gezeigt werden, "die tatsächlich passieren." Über 60 Prozent sagten: "Für mich spielt es keine Rolle, ob die Geschichten tatsächlich so passiert sind."

Ein RTL-Sprecher sagt: "Eltern sollten ihren sechs- oder siebenjährigen Kindern erklären, was um sie herum passiert - das gilt vermutlich nicht nur für eine TV-Sendung bei RTL nachmittags um 14 Uhr." Woher sonst sollten Kinder in einem Alter, in dem sie Vor- und Abspann noch nicht einmal lesen können, selbst wenn sie wollten, Einordnung bekommen? Was jedoch zu Hause geschaut werde, sei Sache der Eltern. Allerdings, so der RTL-Sprecher, sei "RTL kein Kinderprogramm."



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marthaimschnee 15.12.2011
1. RTL im Visier
Über die Mißstände im deutschen Fernsehen und im Speziellen über die gezielte Verblödungsstrategie der Privatsender, insbesondere RTL: Fernsehkritik-TV (http://fernsehkritik.tv/)
A&O 15.12.2011
2. wie in echt
Zitat von sysopRichtig dumm, echt gemein, wirklich falsch*- mit Fake-Dokumentationen wie "Familien im Brennpunkt" erzielen die*Privatsender sensationelle Quoten. Eine neue Studie zeigt: Die Mehrheit der*jungen Zuschauer*hält die frei erfundenen Fälle für real. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803846,00.html
Tja, das muss wohl doch mit dem föderalen Bildungssystem zu tun haben, dass sich unsere Jugend so schlecht entwickelt. Aber immerhin glauben ja auch die Mehrzahl aller Deutschen egal welchen Alters, dass es sich bei Angies Riege um echte Politiker handelt.
kastenmeier 15.12.2011
3. ...
Zitat von marthaimschneeÜber die Mißstände im deutschen Fernsehen und im Speziellen über die gezielte Verblödungsstrategie der Privatsender, insbesondere RTL: Fernsehkritik-TV (http://fernsehkritik.tv/)
Ich glaube nicht, dass eine Verblödungsstrategie verfolgt wird. Das ginge ja noch. Die könnte ja an fehlenden Abnehmern scheitern. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass ein Privatsender, der einzig über die Quote geld einnimmt, diesen Schwachsinn senden muss, um die Quote, die er benötigt, zu erreichen. Und das ist viel schlimmer, denn hier muss man keiner Verblödungsstrtegie folgen, das Publikum ist ja offenbar schon verblödet.
MPeter 15.12.2011
4. Unglaublich
Zitat von sysopRichtig dumm, echt gemein, wirklich falsch*- mit Fake-Dokumentationen wie "Familien im Brennpunkt" erzielen die*Privatsender sensationelle Quoten. Eine neue Studie zeigt: Die Mehrheit der*jungen Zuschauer*hält die frei erfundenen Fälle für real. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803846,00.html
Was um Himmels willen haben 6 bis 7 jährige Kinder Nachmittags um 14.00 Uhr vor dem Fernseher verloren. Was sind das für brunzdumme Eltern die ihren Kindern das erlauben. Was haben Hauptschüler um diese Zeit vor dem Fernseher verloren. Wenn sie auf der Hauptschule sind sollten sie nachmittags für die Schule lernen. Und dann das:Wir brauchen dringend eine Medienkompetenzschulung. Nein, wir brauchen eine Zensur, damit solche Schwachsinnssendungen erst gar nicht gesendet werden dürfen. Gibt es eigentlich nicht den Straftatbestand der Volksverdummung? Wenn nicht sollte man ihn einführen.
K:S:: 15.12.2011
5.
Zitat von sysopRichtig dumm, echt gemein, wirklich falsch*- mit Fake-Dokumentationen wie "Familien im Brennpunkt" erzielen die*Privatsender sensationelle Quoten. Eine neue Studie zeigt: Die Mehrheit der*jungen Zuschauer*hält die frei erfundenen Fälle für real. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,803846,00.html
"Georg Bussek, der mit seiner Firma E+U für den KiKa unter anderem die Doku-Soap "Die Mädchen-WG" produziert, fürchtet, dass Scripted Reality das Format Dokumentation zerstört, weil die Sehgewohnheiten des Publikum und die Erwartungen der Redaktionen in den Sendern dadurch konditioniert würden." Das sagt gerade der richtige. Zu "Die Mädchen-WG" sag ich nur: Fernsehkritik-TV Blog » Blog Archiv » Missbrauch light (http://fernsehkritik.tv/blog/2010/04/missbrauch-light/)
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