Jauch-Talk zum Fall Edathy Was hilft wirklich gegen Kindesmissbrauch?

"Wegschließen für immer" - ist das die Lösung im Kampf gegen Kindesmissbrauch? Bei Günther Jauch gab ein Sexualtherapeut eine erstaunliche Antwort: Wenn Pädophile Bilder betrachten, ohne dass Kinder gedemütigt werden, dann sei das okay. Nur eine SPD-Frau hielt mit Law and Order dagegen.

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Bemüht um Differenzierung: Pädophilie-Talkrunde bei "Günther Jauch"
imago/ Müller-Stauffenberg

Bemüht um Differenzierung: Pädophilie-Talkrunde bei "Günther Jauch"


Da war sie wieder, die vielbeschworene "moralische Dimension", die von der strafrechtlichen Dimension im Falle Edathy zu unterscheiden sei. Diesmal war es Manuela Schwesig, die die beiden Dimensionen schied. Bedeuten sollte die Gegenüberstellung: Kann ja sein, dass die Bilder und Filme, die Sebastian Edathy mutmaßlich aus Kanada bestellt hat, nicht pornografisch und damit nicht strafbewehrt sind. Doch auf den Umstand, dass einer sich überhaupt an Material erregt, für das Kinder manipuliert wurden, muss der moralische Imperativ der Ächtung folgen. Oder, wie es die sozialdemokratische Familienministerin ausdrückte: "Solch ein Verhalten passt nicht zu SPD" - weshalb man Edathy aus der Partei ausschließen solle.

Edathy böse - Edathy weg - SPD wieder gut? So einfach geht's nicht. Trotz des sensationsheischenden Titels ("Lustobjekt Kind - was tun gegen das böse Geschäft mit nackten Jungen und Mädchen?") war der sonntägliche Talk durchaus bemüht, Pädophilie und das Geschäft mit dieser sexuellen Neigung differenziert in den Blick zu nehmen.

Für die Differenzierung sorgten zum einen der Rechtsanwalt Udo Vetter, zum Beispiel mit einer Begriffsschärfung, was das titelgebende "böse Geschäft" betrifft: Richtiges Business lasse sich in Wahrheit nur mit Posing-Bildern und -Filmen machen. Kinderpornografie - in vielen Länder verboten und verfolgt - lasse sich schlecht vermarkten, weil die Zahlungsströme die Täter überführten. "Die harte Kinderpornografie ist nichts anderes als der dokumentierte Kindesmissbrauch", so Vetter - und deshalb gäbe es dieses Material eben überwiegend auch nur in klandestinen Internetforen zum Tausch gegen anderes Material.

Badehosen-Reklame ist okay

Zum anderen hatte Jauch mit Christoph J. Ahlers jemanden eingeladen, der als Sexualtherapeut zu verhindern versucht, dass es zum Missbrauch kommt: Als Mitbegründer des "Präventionsprojekts Dunkelfeld - kein Täter werden" behandelt der Sexualpsychologe in Berlin pädophile Männer mit dem Ziel, dass sie über ihr sexuelles Verhalten Kontrolle behalten. Jauch ließ sich von ihm das "Ampel-Modell" erklären: Grün und damit okay seien Bilder, die existierten, ohne dass Kinder gedemütigt oder gefährdet würden - die Badehosen-Reklame etwa.

Gelb und damit nicht mehr in Ordnung seien die "Posing"-Bilder, weil dort Kinder zu aufreizenden Haltungen manipuliert werden. Und eben das müssen die Patienten sich klarmachen: Jeder, der solche Bilder konsumiere oder gar die Stufe Rot zum kinderpornografischen Material überschreite, sei mittelbar am Missbrauch beteiligt. Die sexuelle Neigung sei nun mal keine "Wahlentscheidung, sondern Teil des Schicksals", so Ahlers. Entscheidend sei, dass niemand Kindern gegenüber sexuell übergriffig werde.

"Wegschließen - und zwar für immer" hatte der damalige Kanzler Gerhard Schröder anno 2001 der "BamS" zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern in die Feder diktiert. Für derlei Populismus gab's am Sonntag in der ARD wenig Platz. Zwar stellte sich Schwesig leicht beifallsheischend in die schröderianische Tradition, als sie von "falscher Toleranz" warnte, den "gewerblichen Handel von Nacktfotos" unter Strafe stellen lassen wollte und ein ums andere Mal erklärte, der Schutz der Kinder habe Priorität.

Warum hat Gabriel Edathy nicht direkt angesprochen?

Doch der TV-Journalist Sebastian Bellwinkel, der schon länger zum Thema Kindesmissbrauch und Kinderpornographie recherchiert, konnte dem entgegensetzen: Die politischen Forderungen und Ankündigungen kämen immer dann, "wenn es opportun ist". Die in vergangenen Fällen wie etwa dem Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg von der Politik versprochenen Maßnahmenpakete seien später nie wirklich auf den Weg gebracht worden. Und beim Dunkelfeld-Projekt in Leipzig, so Therapeut Ahlers, gebe es inzwischen Wartelisten für zwei weitere Therapiegruppen, die nicht zustande kämen, weil die Mittel fehlten.

Trotz reichlich verpixelter und päderastengesättigter Einspielfilme kam auf diese Weise ein durchaus nachdenklicher Abend zustande - eine Art Klippschule für Empörungsmüde, der auch ein wenig die allgemeine Tragik des Falls Edathy erahnen ließ: Je mehr wir den Pädophilen als Aussätzigen, Nichtswürdigen und Ekelhaften taxieren, desto weiter weg führt uns die Empörung von einem sinnvollen, therapeutischen Angebot - und damit auch weg von der wohl effektivsten Form der Prävention.

Ganz am Ende des sonntäglichen Talks, als Gastgeber Jauch schon die "Tagesthemen" angekündigt hatte, fand der TV-Journalist Bellwinkel, eine sehr einfache, aber nicht simple Replik auf den Ächtungsimperativ: Warum denn Sigmar Gabriel, nachdem er vom damaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich bereits im Oktober 2013 von den Ermittlungen erfahren hatte, nicht auf seinen mutmaßlich pädophilen Genossen zugegangen sei und ihn gefragt habe, ob er Hilfe brauche? "Das wäre vielleicht eine Alternative gewesen", so der Vorschlag von Bellwinkel.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 337 Beiträge
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Seite 1
tucku 24.02.2014
1. Bitte 50.000 neue Gefängnisse bauen
Zitat von sysop"Wegschließen für immer" - ist das die Lösung im Kampf gegen Kindesmissbrauch? Bei Günther Jauch gab ein Sexualtherapeut eine erstaunliche Antwort: Wenn Pädophile Bilder betrachten, ohne dass Kinder gedemütigt werden, dann sei das okay. Nur eine SPD-Frau hielt mit Law and Order dagegen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/fall-edathy-bei-guenther-jauch-was-hilft-gegen-kindesmissbrauch-a-955234.html
So viele in etwa benötigt man, würde man alle Pädophile im Land wegsperren lassen. Noch viele mehr, sollten alle Steuerbetrüger, Internetkriminelle,Hartz 4 Abzocker,Prostituierte,Lüstlinge usw. den Koscheren und selbsternannten Moralsheriffs in die Hände fallen. Es blieben kaum noch Arbeitskräfte übrig. Somit ist klar, eine Diskussion, die so hilfreich ist, wie ein Regentropfen im Pazifik.
Windlerche 24.02.2014
2. Gott sei Dank
endlich mal eine vernünftige Herangehensweise an das Thema!
chuwie 24.02.2014
3.
Was der konkrete Fall Edathy - reduziert auf den Vorwurf, unsittliche oder auch strafbare Videos bzw. Bildmaterial bezogen zu haben - zeigt, ist doch, dass härtere Strafen oder auch strengere Gesetze nichts bringen werden. Man muss sich das mal vorstellen! Ein aufstrebender Stern am Politikhimmel sitzt am PC und will gerade seine Bestellung abgeben. Was muss diesem Mann durch den Kopf gehen! Es kann doch nur etwa sind er Richtung sein, wie: "Wenn das rauskommt bin ich, nicht nur beruflich sondern auch sozial erledigt!!" Und was macht der Kerl? Er bestellt dennoch!
Dramaturg 24.02.2014
4. Das Naheliegendste
Und wieder einmal wird das Naheliegendste in solchen Fällen nicht konsequent zu Ende gedacht und mit Taten umgesetzt. Ein System, in dem es nur darum geht, mit allen erdenklich legalen und illegalen Mitteln Geld zu machen, muss moralisch neu gedacht werden. Konsum und der Profit, der damit bezweckt wird, sind allerdings ein Merkmal dieser Gesellschaftsform. Und solange diese "Motivation" in allen Zellen dieser Gesellschaft vorherrscht, solange wird es auch ungehemmte Steuerhinterziehung, Korruption, Missbrauch, Lug und Betrug geben. Dazu kommt, dass Politiker und die sogenannten Eliten dem kleinen Mann in ihrem Trachten nach Macht und Besitz nichts anderes vorleben. Denken wir nur an das jüngste Beispiel: Diätenerhöhung um 10%, während man sich bei den Verlierern dieses Systems wegen 5€ in die Haare kriegt. Edathy ist wahrscheinlich nicht nur Täter, sondern er ist wie diese Minderjährigen auch ein Opfer dieses Systems.
penie 24.02.2014
5. Fein, dass es noch ein paar denkende Menschen gibt.
Die meisten haben bei diesem Thema ja schon Schaum vor dem Mund. Frau Schwesig gehört offensichtlich dazu. Und nein, es darf keine "Ächtung" geben. Das wäre eine Strafe außerhalb des Strafrechts. Wenn das persönliche Umfeld eines Pädophilen, diesen moralisch abstraft, ist das in Ordnung. Und wenn nicht, eben auch. Den Rest der Welt geht diese Dimension nichts an.
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