Kultur

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Eskalationskomödie "Familie Lotzmann"

Mit Eierlikör Richtung Hysterie

Die DDR ist weg, das Hallenbad bald auch - da kann man den Geburtstag der Gattin schon mal vergessen. Im neuen Fernsehfilm von Axel Ranisch führt der Fauxpas direkt in die Familien-Apokalypse.

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Dienstag, 28.08.2018   17:13 Uhr

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Was macht das eigentlich mit Menschen, wenn ihr Land vom Erdboden verschwindet? Und wenn die Zeit auch danach einfach nicht stillstehen will, wenn sie unmäßig immer weiter rast und alles verschlingt, wo man sich auskannte und zu Hause war? Jetzt wollen die auch noch das Städtische Schwimmbad schließen. Hubert Lotzmann (Jörg Gudzuhn), ehemaliger Volkspolizist in Boizenburg, macht da nicht mehr mit. Auf die Barrikaden!

Nein, nein, der ARD-Fernsehfilm "Familie Lotzmann" ist nun nicht gerade eine lupenreine Klassenkampf-Komödie - auch wenn davon durchaus was drinsteckt. Das preisgekrönte Drehbuch von Sönke Andresen gibt dem Regisseur Axel Ranisch den Raum, damit zu spielen. Ranisch, das ist der mit den Impro-"Tatort"-Folgen ("Babbeldasch" und "Waldlust") und Kinofilmen wie"Alki Alki", der eigentlich immer ohne Drehbuch arbeitet, also Dialoge mit seinen Darstellern weitestgehend improvisiert. Für "Familie Lotzmann" hat er das bisher erste und einzige Mal eine Ausnahme gemacht.

Zwischen "Falling Down" und "Weihnachten bei Hoppenstedts"

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Das mit dem "Tatort" war ein Reinfall für Ranisch, die Kritiker unwillig, das Publikum fremdelte. Schwer zu sagen, ob der Sendetermin von "Familie Lotzmann" nun als eine Art Bestrafung der ARD zu verstehen ist. Seltsam jedenfalls, dass dieser Film, lange gedreht vor den beiden "Tatort"-Episoden, erst volle zweieinhalb Jahre später läuft. Noch dazu erst um 22.45 Uhr. Gedacht war Ranischs erste Arbeit für die ARD-Schwulstschmiede Degeto für die 20.15-Uhr-Schiene. Und da gehört sie eigentlich auch hin.

Denn "Familie Lotzmann" ist eine köstliche Eskalationskomödie, in der die Nerven der Figuren schon zu Beginn blank liegen und von Viertelstunde zu Viertelstunde stärker unter Strom gesetzt werden. Schrill und schwankend kapriolt der Film gleich auf mehrere Höhepunkte zu und begräbt die Lotzmanns unter einer sich ständig überschlagenden Dramaturgie. Angesiedelt irgendwo zwischen dem Michael-Douglas-Rachethriller "Falling Down" und Loriots "Weihnachten bei Hoppenstedts", angetrieben von reichlich Eierlikör, Sahnetorte und tiefsitzendem, über Jahrzehnte angefressenem Frust.

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Man könnte den Beginn dieser Geschichte auch ganz anders erzählen, nicht aus Sicht von Hubert, sondern Annemarie Lotzmann (Gisela Schneeberger). Die interessiert das Hallenbad nicht die Bohne, zumindest nicht solange, wie ihr Göttergatte es vorzieht, sich nicht an den eigentlich wichtigen Termin dieses Tages zu erinnern. Ihren 70. Geburtstag nämlich. Stattdessen denkt er nur an diese dämliche Unterschriftenliste gegen die Schließung und schafft es auch noch, den hoch betagten Staubsauger ausgerechnet heute kaputt zu machen.

Beim Kaffeekränzchen mit ihren Schwestern hängt der Haussegen also verdammt schief, zumal Hubert noch immer nicht schaltet und Tochter Bille (Eva Löbau) lieber gegen den neuen Elektro-Discounter um die Ecke protestiert, als an Mamas Ehrentag zu denken. Als sich dann noch herausstellt, dass Wellensittich Herr Neumann durch Huberts Schuld aus seinem Käfig entfleucht ist, sieht Annemarie rot: Sie setzt Hubert vor die Tür. Sollte er nicht pünktlich zum Abendessen um 18 Uhr mit dem reparierten Staubsauger und Herrn Neumann im Schlepptau zurück sein, war's das nach 40 Jahren Ehe.

Ranisch liebt seine Darsteller bedingungslos und bereitet die Bühne für zwei Großschauspieler, die hier ein Paar jenseits des Randes der Hysterie zelebrieren dürfen: Jörg Gudzuhn und Gisela Schneeberger. Brummelig-bärig und mit aufgeblasenen Backen er, schnippisch-schneidend und mit eingekniffenen Mundwinkeln sie; ein Duo von überbordender komödiantischer Kraft.

Der Zuschauer darf sich durchaus kräftig gedrückt fühlen

Die beiden sind es denn auch, die dieser Geschichte über einige Untiefen hinweghelfen. Denn Grenzen testet "Familie Lotzmann" nun wirklich nicht aus, weder geschmacklich noch erzählerisch. Das Ganze wirkt eher ein bisschen tranig und tantig: Die meisten Gags winken schon mal aus dem Hintergrund, bevor sie vor der Kamera erscheinen, und manchmal dauert es doch etwas lang, bis die nächste Eskalationsstufe zündet. Und das hier mal jemand auf eine Keramik-Gans im Vorgarten kotzt, ist das Äußerste, was Ranisch dem Zuschauer zumutet.

Das macht aber fast gar nichts. "Familie Lotzmann" will nicht Fernseh-Avantgarde sein, sondern weckt eher Erinnerungen an selige Fernsehspiel-Sternstunden der Vergangenheit, vor allem eben Loriot, dessen Geist gütig über diesem Film schwebt. Und so jaulen auf dem Soundtrack die Geigen, während die Figuren auf das Herrlichste aneinander vorbeireden und immer neue Missverständnisse zwischen sich aufschichten.

Gute Sache auch, dass Ranisch sich diesen Stoff zum Ende hin ganz zu eigen macht. Loriots feinsinnige Ironie ist ja dann doch nicht so ganz seine Sache; eher die mit ausgebreiteten Armen zelebrierte, bedingungslose Menschenliebe. So darf sich der Zuschauer dann durchaus kräftig gedrückt fühlen von diesem Film. Gibt Schlimmeres am späten Fernsehabend.


Familie Lotzmann auf den Barrikaden, Dienstag 28.08., 22:45 Uhr, ARD

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