Von Harald Keller
Der nächtliche Einbruch in das aufgegebene Einkaufszentrum ist natürlich eine dumme Idee. Aber was soll man machen als No-Budget-Regisseur, der Requisiten für seinen ersten selbstgedrehten Horrorfilm benötigt? Mac weiß genau, was er sucht: "Artefakte, komische Sachen, kybernetische Lebewesen, Titanbauteile, ektoplastische Abfallprodukte." Paul, eher zögerlich bei der Sache, wird als Erster fündig. "Du hast was Totes gefunden?", freut sich Mac. "Gut gemacht."
Erst einmal handelt es sich nur um eine verwesende Ratte. Doch dann wird ein weiblicher Körper von der Galerie geworfen, im düsteren Untergeschoss taucht ein schießwütiger Paranoiker auf, der sogleich von etwas überfallen wird, das ihm die Lebenskraft auszusaugen scheint.
Panisch macht sich Paul davon, doch diese Nacht wird Folgen haben. Der Junge muss erfahren, dass er über eine besondere Fähigkeit verfügt: Er kann Tote sehen - jene armen Seelen, denen der Übertritt ins Jenseits verwehrt blieb. Man nennt sie "The Fades". Sie irren durch die Natur, auf der Suche nach Schlupflöchern, die ihnen den Übergang zur anderen Seite ermöglichen. Früher existierten jede Menge davon. Bis die Menschen den Beton erfanden.
In sechs Teilen erzählt die britische Serie "The Fades" - ab Freitag auf ZDFneo -, wie es der 17-jährige Paul (Iain De Caestecker) mit den Schattenwesen aufnimmt. Nicht alle nächtlichen Wanderer sind nämlich friedlich. Unter ihnen sind auch finstere Rebellen, die wieder fleischliche Gestalt annehmen wollen. Ihr Messias ist der monströse John, der die "Fades" gegen die Menschen ins Feld führt, um diese auf die zweite Stelle in der Nahrungskette zu verweisen. Was die Sache so fatal macht: Man kann sich der "Fades" kaum erwehren. Denn sie sind ja schon tot.
Geister übernehmen die Nervenheilanstalt
Fantasy-Serien haben Konjunktur - in den USA, von wo aus Titel wie "Vampire Diaries", "True Blood" oder "The Walking Dead" bereits nach Deutschland gelangt sind, aber auch in Großbritannien, wo "The Fades" Serien wie "Torchwood", "Misfits" oder "Being Human" die Zuschauer und Kritiker begeistern. Wie ihre US-Pendants zielen die britischen Produktionen auf ein junges Publikum ab. Doch in Themen und Optik unterscheiden sie sich erheblich - und nicht zuletzt auch bei den Kosten.
Wenn es sich nicht, wie aktuell bei der vierten Staffel des BBC-One-Welterfolges "Torchwood" (ab 17. August bei RTL II), um internationale Co-Produktionen handelt, müssen die britischen Fernsehmacher mit erheblich geringeren Budgets auskommen. Kenner der Branche schätzen, dass für die sechs Folgen von "Bedlam" (Sky Living) - einer Serie, die in einer zum luxuriösen Apartmentkomplex umgewandelten und von Geistern bewohnten ehemaligen Nervenheilanstalt spielt - knapp 3,8 Millionen Euro aufgewendet wurden. Zum Vergleich: Eine einzige Folge der HBO-Serie "True Blood" soll rund drei Millionen Euro kosten.
Britische Produktionsfirmen verstehen sich allerdings bestens darauf, knappe Finanzen durch innovative Drehbücher und Settings wettzumachen. Gerade das Fantasy-Genre bietet Gelegenheit für Experimente. "Unsere Autoren suchen ständig nach neuen Arten des Erzählens, und fraglos bietet ihnen das Sci-Fi-/Supernatural-Genre die Möglichkeit, unkonventionelle Ideen zu testen", sagt Caroline Torrance, bei der kommerziellen BBC-Tochter BBC Worldwide Leiterin der Abteilung Drama, Content & Production.
Der deutsche Schauspieler Tom Wlaschiha, derzeit in der zweiten Staffel der US-Serie "Game of Thrones" zu sehen, hat in Großbritannien unter anderem in der Fantasy-Serie "The Sarah Jane Adventures" mitgewirkt. Er berichtet über seine Erfahrungen: "Man hat schon den Eindruck, dass in England größerer Mut herrscht, in die Extreme zu gehen. In alle Richtungen. Während man in Deutschland oft das Gefühl hat, sämtliche Zuschauer sollen gleichzeitig angesprochen werden, trauen sich die Produzenten in England, auch Abseitiges zu produzieren."
Mit "Mork vom Ork" gegen Zombies
Die Ergebnisse überzeugen - nicht nur in Großbritannien. "Misfits" und "Being Human" wurden bereits in die USA verkauft und dort adaptiert. Die erfolgreiche US-amerikanisch-kanadische Version von "Being Human" startet in Deutschland am 16. August 2012 bei Sixx.
Das Geheimnis des Erfolges liegt nicht zuletzt in jenen Stärken, die auch in britischen Serien anderer Genres zur Geltung kommen: Die Autoren verwenden viel Mühe darauf, facettenreiche Charaktere und psychologisch stimmige Identifikationsfiguren zu schaffen. Paul beispielsweise, die Hauptfigur in "The Fades", ist kein Superheld, sondern kämpft mit den Nöten des Erwachsenwerdens. Der Vater hat die Familie verlassen, in Anwesenheit von Mädchen gerät Paul ins Stottern, er wird von Albträumen geplagt - schlimmer noch: Er ist Bettnässer. Daran konnten auch die regelmäßigen Sitzungen beim Psychotherapeuten nichts ändern.
Problembewusstsein und auch gelegentliche sentimentale Passagen werden aufgefangen durch anarchischen Witz. Bei "The Fades" ist dafür Pauls Kumpel Mac (Daniel Kaluuya) zuständig, der zu Beginn jeder Episode als Erzähler auftritt und Merksätze aus dem popkulturellen Kanon von "Star Wars" über "A Nightmare on Elm Street" bis "Mork vom Ork" von sich gibt. Und auch augenzwinkernde Hochkulturanspielungen sind erlaubt, etwa wenn sich Mac und Paul in einer Szene à la "Cyrano de Bergerac" wiederfinden.
All das geschieht vor präzise entworfenen Milieus. Das Übernatürliche zeigt sich in den vernachlässigten Vierteln mit kommunalen Nachkriegswohnbauten, verwahrlosten öffentlichen Räumen, zwischen bröselnden Wänden, die, scheint's, nur noch von wild gekleisterten Plakaten und Graffiti zusammengehalten werden. Darin erinnert "The Fades" an die exzellente Serie "Misfits" (E4), in der fünf durch einen Sozialdienst zusammengewürfelte Jugendliche nach einem seltsamen Unwetter übernatürliche Fähigkeiten entwickeln. Kelly (Lauren Socha) beispielsweise hört die Gedanken ihrer Gegenüber, Curtis (Nathan Stewart-Jarrett) kann in Stresssituationen die Zeit zurückdrehen.
Eine Frage des Sounds
Die Superkräfte machen die Jugendlichen freilich nicht zu Übermenschen, sondern potenzieren ihre vorhandenen Probleme - und werfen jede Menge neue auf. "Misfits" ist realistisch, phantastisch und allegorisch zugleich, die Sprache auf authentische Weise vulgär, durchsetzt von sardonischem Witz und damit der jugendlichen Zielgruppe sehr nah.
Auf teure Spezialeffekte kann bei solchen Konzepten verzichtet werden, auf technische Raffinesse aber nicht. "Bei anspruchsvollen Formaten, die wenig Geld zur Verfügung haben, merkt man, wie wichtig Musik und Soundeffekte sind", sagt "Bedlam"-Produzentin Nicola Shindler im Interview mit dem "Guardian". "Wir verwenden bei 'Bedlam' mehr Zeit auf den Tonschnitt als für alles andere sonst. Wenn man mit dem Sound zu dick aufträgt, ist es nicht gruselig. Aber manchmal reicht ein Knarren aus, um einen fürchterlich zu erschrecken."
"Being Human"-Autor Toby Whithouse beschreibt seine Arbeit ganz ähnlich. "Horror besteht häufig aus Andeutungen. Man hört, wie das Monster an etwas kratzt, aber man sieht es nicht. Was man sich vorstellt, ist in jedem Fall unendlich viel schlimmer als jeder Spezialeffekt. Wenn man fürs Fernsehen arbeitet und nur ein kleines Budget hat, hat so etwas erheblichen Reiz."
Manchmal hilft aber auch der sparsamste Umgang mit Produktionsmitteln nichts. Unter massiven Spardruck musste der britische Sender BBC 3 in diesem Sommer entscheiden, welche seiner Fantasy-Serien er fortsetzen wollte - und entschied sich für "Being Human" und gegen "The Fades". So wird es von dieser tollen Produktion wohl bis auf weiteres nur eine Staffel geben.
"Being Human" (US-Version), ab 16.8., 21.00 Uhr, Sixx
"Torchwood: Miracle Day", als Event-Programm am 17., 18. und 19.8., RTL II
"Misfits", Staffel 1 und 2 auf Deutsch auf DVD erhältlich
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