Schweizer Fasnacht-"Tatort": Allein unter Aliens

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Die Kollegin hat ihr lesbisches Coming-out, DJ Bobo zertrümmert ein Auto, Luzern feiert Fasnacht - nur der ernsthafte Kommissar Flückiger wirkt unter den Enthemmten wie ein Aussätziger. Ein stark startender Verkleidungs-"Tatort" - der das Versprechen auf Anarchie allerdings nicht einhält.

"Tatort" aus Luzern: E. T. trifft DJ Bobo Fotos
SWR/ SRF

Coming-out im "Tatort"? 15 Jahre nach den ganz, ganz zaghaften lesbischen Flirts von Lena Odenthal muss daraus offensichtlich kein großes Thema gemacht werden. Wo sich die Verantwortlichen bei der Ludwigshafener Kommissarin noch in Andeutungen und Geraune verloren, da geht es bei der Luzerner Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) klar zur Sache. Am Anfang gibt es eine leidenschaftliche Bettszene mit einer anderen Frau, aus der die Ermittlerin durch einen leidigen Dienstanruf gerissen wird. Wäre die Sache mit ihrer sexuellen Präferenz also geklärt.

Für Schweizer Verhältnisse strebt dieser "Tatort" am Anfang mit enormer Geschwindigkeit voran. Eine Prostituierte wacht nach einer Vergewaltigung in einem Hotelzimmer auf, ein Mann wird von einem anderen Mann mit Totenmaske auf offener Straße erstochen, der Polizeichef torkelt angeheitert im Sträflingskostüm in eine Lagebesprechung, Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) brüllt Besoffene zusammen. Luzern feiert Fasnacht, aber dem zugezogenen Bullen aus dem Thurgau fehlt der Sinn für die Veranstaltung.

Wer kann es ihm verdenken, denn wie soll man zwischen Engeln und Außerirdischen, zwischen Zwergen und Clowns einen Mörder finden? In der sonst so aufgeräumten Stadt riecht es nach Bier und Erbrochenem, jeder fummelt an jedem rum, einmal wird dem Kommissar sogar von ein paar jungen Damen die Dienstwaffe aus dem Halfter genestelt, ein anderes Mal wird er blöde von E. T. angequatscht. So unglücklich wie unter all diesen enthemmten Gestalten sah der Schweizer Bulle noch nie aus.

Kollegenantreiber und Spaßbremse

Nüchtern unter Betrunkenen: Der Schweizer Dani Levy ("Das Leben ist zu lang") betont in seinem ersten "Tatort" und seinem ersten Film überhaupt, den er in seinem Heimatland gedreht hat, das Tragische und Isolierte am Ermittler. Flückigers Ernsthaftigkeit provoziert, sein Pochen auf Ordnung lässt die anderen Polizisten empört auflachen. Einmal regt er sogar an, die Fasnacht abzubrechen.

Kollegenantreiber und Spaßbremse, eine unangenehme Kombination. Ist Flückiger verrückt? Oder ist es der Rest der Stadt? Oder ist er einfach nur neidisch auf Menschen, die Spaß haben, wie einer seiner Mitarbeiter sagt? So einem muss man schon was spritzen, damit er mal aus seiner Haut kommt. Bei der Jagd nach dem Mörder wird Flückiger ein Mittel injiziert, das ihn halluzinieren lässt: Da sieht er den Schweizer Techno-Softie DJ Bobo ein Auto zertrümmern, während E. T. dazu tanzt.

In hohem Tempo treibt Regisseur Levy seinen Ermittler durch eine entfesselte Welt, in der die Gesetze außer Kraft gesetzt scheinen. Der Plot von "Schmutziger Donnerstag" (Buch: Petra Lüschow) kann das Versprechen auf Anarchie dann aber doch nicht ganz einhalten: Der Mord an einem Fasnachtteilnehmer führt zur Zunft "der Wächter am Pilatus", einem Männerverein, bei dem hinter wohlanständiger Fassade herzlos agiert wird. Das Spießer-Bashing ist vorhersehbar - und zudem umständlich erzählt.

Was so wunderbar wortlos mit dem Coming-out der Kommissarin begann, wird am Ende zu einem nicht enden wollenden Dialog über die Bigotterie des Schweizer Bürgertums. Verrückt geht anders.


"Tatort: Schmutziger Donnerstag", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 13 Beiträge
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1. tragisch, enttäuschend.
Belsatzar 08.02.2013
wie schlimm, dass bei dem fotoalbum zu diesem artikel der wunderbare jean-pierre cornu als "corrmus" benannt wird. wie noch wesentlich tragischer, dass man nach kurzer googlesuche dieses verstümmelten namens feststellt, dass alle - ARD, WDR, SWR, tvspielfilm etc. - die offenbar falsch formulierte pressemeldung einfach übernehmen. mindestens dreißig oder vierzig menschen, kulturjournalisten hauptsächlich, versagen kläglich, alle wundern sich nicht über diesen namen, sondern übernehmen ihn einfach. wie sehr wertet das in meinen augen die journalistische qualität ab. ich bin ehrlich traurig.
2. Gut, dass es Alternativen gibt
zaam 08.02.2013
Was soll das denn? DJ Bobo covert den Dortmund-Komissar und ansonsten gibt es auch eine Menge Halbseidenes? Nein, da mache ich nicht mit. ARD, streng dich an: Auf ARTE gibt es Injustice (in der Mediathek und bei fernsehstrom.de), bei SAT1 Homeland und das ZDF bringt die Kommissarin Lund. Da taugt kein Klamauk.
3. Tätä Tätä Tätä
ogniflow 08.02.2013
Zitat von sysopSWR/ SRFDie Kollegin hat ihr lesbisches Coming-out, DJ Bobo zertrümmert ein Auto, Luzern feiert Fasnacht - nur der ernsthafte Kommissar Flückiger wirkt unter den Enthemmten wie ein Aussätziger. Ein stark startender Verkleidungs-"Tatort" - der das Versprechen auf Anarchie allerdings nicht einhält. http://www.spiegel.de/kultur/tv/fastnacht-tatort-aus-der-schweiz-mit-stefan-gubser-a-882199.html
[QUOTE=sysop;11967991]Ein stark startender Verkleidungs-"Tatort" - der das Versprechen auf Anarchie allerdings nicht einhält. Gott sei Dank habe ich diesen Sonntag besseres zu tun. Sonst könnte man nach 30 Minuten einschalten.
4. Seltsam
zorro_ot 09.02.2013
Ich finde es reichlich seltsam, das SPON den aktuellen Tatort immer bereits zwei Tage VOR seiner Ausstrahlung bespricht. Dies schränkt den Kreis der Diskussionsteilnehmer doch ziemlich ein. Bitte den Tatort NACH seiner Ausstrahlung besprechen, das macht mehr Sinn. Außerdem fand ich die Tatort Besprechungen von SPON in der Vergangenheit eher wenig gelungen. Hochgelobte Folgen, z.B. mit Herrn Tukur, waren zwar von der schauspielerischen Leistung her gut, aber ansonsten völlig wirr und insgesamt sehr sehr schlecht. Ähnliches gilt für Herrn Müffelt, äh Verzeihung, Herrn von Meuffles. Gute Rezension, schlechter Film.
5. Irrtum.
monty54 09.02.2013
Zitat von zorro_otIch finde es reichlich seltsam, das SPON den aktuellen Tatort immer bereits zwei Tage VOR seiner Ausstrahlung bespricht. Dies schränkt den Kreis der Diskussionsteilnehmer doch ziemlich ein. Bitte den Tatort NACH seiner Ausstrahlung besprechen, das macht mehr Sinn. Außerdem fand ich die Tatort Besprechungen von SPON in der Vergangenheit eher wenig gelungen. Hochgelobte Folgen, z.B. mit Herrn Tukur, waren zwar von der schauspielerischen Leistung her gut, aber ansonsten völlig wirr und insgesamt sehr sehr schlecht. Ähnliches gilt für Herrn Müffelt, äh Verzeihung, Herrn von Meuffles. Gute Rezension, schlechter Film.
Kommissar Hanns von Meuffels ist kein Tatortkommissar. Er tritt im Polizeiruf auf. Im Gegensatz zu ihnen finde ich ihn sehr gut. Matthias Brandt ist ein toller Schauspieler. Der kann von Drama bis Komödie alles.
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.