Von Christian Buß
Coming-out im "Tatort"? 15 Jahre nach den ganz, ganz zaghaften lesbischen Flirts von Lena Odenthal muss daraus offensichtlich kein großes Thema gemacht werden. Wo sich die Verantwortlichen bei der Ludwigshafener Kommissarin noch in Andeutungen und Geraune verloren, da geht es bei der Luzerner Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) klar zur Sache. Am Anfang gibt es eine leidenschaftliche Bettszene mit einer anderen Frau, aus der die Ermittlerin durch einen leidigen Dienstanruf gerissen wird. Wäre die Sache mit ihrer sexuellen Präferenz also geklärt.
Für Schweizer Verhältnisse strebt dieser "Tatort" am Anfang mit enormer Geschwindigkeit voran. Eine Prostituierte wacht nach einer Vergewaltigung in einem Hotelzimmer auf, ein Mann wird von einem anderen Mann mit Totenmaske auf offener Straße erstochen, der Polizeichef torkelt angeheitert im Sträflingskostüm in eine Lagebesprechung, Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) brüllt Besoffene zusammen. Luzern feiert Fasnacht, aber dem zugezogenen Bullen aus dem Thurgau fehlt der Sinn für die Veranstaltung.
Wer kann es ihm verdenken, denn wie soll man zwischen Engeln und Außerirdischen, zwischen Zwergen und Clowns einen Mörder finden? In der sonst so aufgeräumten Stadt riecht es nach Bier und Erbrochenem, jeder fummelt an jedem rum, einmal wird dem Kommissar sogar von ein paar jungen Damen die Dienstwaffe aus dem Halfter genestelt, ein anderes Mal wird er blöde von E. T. angequatscht. So unglücklich wie unter all diesen enthemmten Gestalten sah der Schweizer Bulle noch nie aus.
Kollegenantreiber und Spaßbremse
Nüchtern unter Betrunkenen: Der Schweizer Dani Levy ("Das Leben ist zu lang") betont in seinem ersten "Tatort" und seinem ersten Film überhaupt, den er in seinem Heimatland gedreht hat, das Tragische und Isolierte am Ermittler. Flückigers Ernsthaftigkeit provoziert, sein Pochen auf Ordnung lässt die anderen Polizisten empört auflachen. Einmal regt er sogar an, die Fasnacht abzubrechen.
Kollegenantreiber und Spaßbremse, eine unangenehme Kombination. Ist Flückiger verrückt? Oder ist es der Rest der Stadt? Oder ist er einfach nur neidisch auf Menschen, die Spaß haben, wie einer seiner Mitarbeiter sagt? So einem muss man schon was spritzen, damit er mal aus seiner Haut kommt. Bei der Jagd nach dem Mörder wird Flückiger ein Mittel injiziert, das ihn halluzinieren lässt: Da sieht er den Schweizer Techno-Softie DJ Bobo ein Auto zertrümmern, während E. T. dazu tanzt.
In hohem Tempo treibt Regisseur Levy seinen Ermittler durch eine entfesselte Welt, in der die Gesetze außer Kraft gesetzt scheinen. Der Plot von "Schmutziger Donnerstag" (Buch: Petra Lüschow) kann das Versprechen auf Anarchie dann aber doch nicht ganz einhalten: Der Mord an einem Fasnachtteilnehmer führt zur Zunft "der Wächter am Pilatus", einem Männerverein, bei dem hinter wohlanständiger Fassade herzlos agiert wird. Das Spießer-Bashing ist vorhersehbar - und zudem umständlich erzählt.
Was so wunderbar wortlos mit dem Coming-out der Kommissarin begann, wird am Ende zu einem nicht enden wollenden Dialog über die Bigotterie des Schweizer Bürgertums. Verrückt geht anders.
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