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Feminismus-Talk bei Maischberger: Aufstand der Power-Töchter

Von Jan Feddersen

Über "Machofrauen" wollte Sandra Maischberger mit Alice Schwarzer diskutieren, aber auch mit Sonya Kraus und Lady Bitch Ray. Wer in der Runde ist lesbisch? Wer mag Pornos? Die Sendung zeigte: Zwischen den jungen Frauen und der Ur-Feministin liegen Welten - wobei Schwarzer der größere Macho ist.

Lady Bitch Ray bei Maischberger: "Vagina-Power-Fotzen-Kleid" Zur Großansicht
WDR

Lady Bitch Ray bei Maischberger: "Vagina-Power-Fotzen-Kleid"

Möglicherweise müssen Sendetitel so gestrickt sein, dass sie Grelles versprechen - aber rechtfertigt das Irreführung? "Machofrauen - Müde Männer: Letzte Runde im Geschlechterkampf?" lautete die Überschrift des "Maischberger"-Talks: Richtiger wäre gewesen: "Alice Schwarzer als Vorreiterin des Feminismus - eine gemischte Huldigung".

Ein Allerweltsthema, dürfte man meinen, geschlechterdemokratische Fragen werden inzwischen bis in die Niederungen der Big-Brother-Container offen und beherzt verhandelt. Sie werden nicht mehr diffamiert als schlechter Herrenwitz wie in den Siebzigern, als die Journalistin Alice Schwarzer Aversionen von Männern (und Frauen) ausgesetzt war. Aber erstens hatte keine andere ARD-Talkshow dieses Thema auf der Agenda (wie läuft wohl die Abstimmung mit den Kollegen von JauchPlasbergWillBeckmann?), außerdem ist Feminismus immer talkshowtauglich: Unterhaltsamer Streit ist garantiert.

Aber war es wirklich glücklich, neben Schwarzer, der TV-Produzentin Gisela Marx, ProSieben-Moderatorin Sonya Kraus, der Rapperin und Wissenschaftlerin Reyhan Sahin (aka Lady Bitch Ray) auch den TV-Reklame-bekannten Unterwäschefabrikanten Wolfgang Grupp einzuladen? Gab es in der Gästebank des Senders neben diesem Mann nicht noch andere Gäste, die der Schwarzer so etwas wie Paroli hätten bieten können? Erst am Ende der 78 Minuten "Maischberger" stellte sich heraus: Warum hätte es ein anderer sein sollen - wenn die Schwarzer nicht einmal in der Lage ist, eine irritierend kluge Lady Bitch Ray ausreden zu lassen?

Ein Franzose namens Bruno und die Liebe

Zunächst allerdings begann alles mit einer viertelstündigen Femmage an die Schwarzer, sie allein saß Sandra Maischberger gegenüber. Es galt, die Erinnerungen des "Macho im Rock" (SPIEGEL) vorzustellen, Schwarzers jüngst erschienenes und in allen Zeitungen gepriesenes Buch "Lebenslauf". Die Moderatorin war gut präpariert, fragte Schwarzer präzise aus und spielte die Überraschte gut: Ach, Sie hatten eine langjährige Beziehung zu einem Mann? Da erzählte die Schwarzer in feinsten Farben über ihre Liebe zum Franzosen Bruno, allerdings habe sich die Kraft dieser Liebe an den Erfordernissen der Frauenbewegung als zu schwach erwiesen.

So kam die Maischberger auf die Beziehungen der Schwarzer zu Frauen zu sprechen. Eine Politlesbe sei sie nicht, ordnete Schwarzer ein. Also keine, die das erotische Begehren exklusiv auf das eigene Geschlecht richtet, weil es politisch am glaubwürdigsten die Idee des Feminismus verkörpere. Aber am Ende, hakte Maischberger nach, doch lesbisch? Nein, das dann auch nicht. Mit Bruno jedenfalls habe sie kein Kind gewollt, denn sonst hätte sie nicht die "Emma" gründen können, Mitte der Siebziger. Und da hatte sie recht - damals wäre nicht denkbar gewesen, einen missionarisch im Sinne der Frauen angelegten Beruf mit der Existenz eigener Kinder unter einen Hut zu bringen.

Könne sie sich denn heute noch eine Beziehung zu einem Mann vorstellen? Das ließ die Schwarzer wiederum offen - nur das sagte sie: "Ich bin weder das noch das." Und man spürte für einen Moment die böse Kraft des bösen L-Worts: Bloß nicht das eigene Begehren im Privatesten mit dem landläufig als Schreckenswort verstandenen "lesbisch" identifiziert wissen.

Das allein hätte eine Stunde Erörterungen verdient - aber der Vorhang musste für die anderen Gäste geöffnet werden: Wolfgang Grupp gab wie zu erwarten den Kasper, der sich als Depp der Runde nicht erkennt. Zwar war er in dem, was er sagte, viel weniger antifeministisch als angekündigt. Aber er gab sich sprachlich die Blöße, als er davon erzählte, dass die Ehe mit seiner Frau auch von Abhängigkeit lebe, er von ihr und sie von ihm. Da fuhr ihm Gisela Marx in einer Art Spontanbelehrung in die Parade, dieses Wort - Abhängigkeit - sei doch für moderne Frauen ganz unangemessen. Ob er denn davon gehört habe, dass Frauen mit Zärtlichkeit und Vernunft, jedenfalls ohne die Idee der Abhängigkeit, zu begegnen sei? Grupp, der eigentlich nur schilderte, wie moderne Beziehungen funktionieren - dass die Bindungsmacht beidseitig sein möge -, hatte keine Chance. Schwarzer und Marx behandelten ihn wie einen störrischen Schuljungen, der Takt und Ton der Lehrerin nicht trifft.

Lob für einen Stofffetzen

Am Ende erwies sich, dass Grupp - hätte man ihn nur gelassen - durchaus Freundliches über moderne, feminismusaffine Frauen zu sagen gewusst hätte. Aber er blieb Ornament der Runde, der schon sprachlich mit dem Sound des Schwarzer-dominierten Gesprächs überfordert war. Erzählte der Trigema-Mann aus seiner Heimat ("In Burladingen..."), kamen die urban gebildeten und gestählten Frauen mit Besserwissereien.

Spannend war immerhin Sonya Kraus, die offen bekannte, mit dem Look des steilen Blondchens nur zu spielen. Ob sie damit nicht hadern müsse, fragte Maischberger daraufhin, immerhin bediene die Kraus doch bekennenderweise Männerphantasien? Nein, wiegelte Schwarzer ab, es handele sich zwar um eine Gratwanderung, aber es sei okay, was sie mache, sie unterwerfe sich den Phantasien der Männer nicht, sondern spiele mit ihnen. Schwarzer-Weggefährtin Gisela Marx blieb blässlich - und ansonsten ihrer feministischen Überschwester tief verbunden.

Interessant aber wurde es, als Lady Bitch Ray zu Wort kam. Einen Moment bekam die Sendung Fahrt, als sie berichtete, dass sie als Wissenschaftlerin nicht recht ernst genommen werde - sie promoviert in Linguistik zum Thema "Muslimische Frauen und ihre Kopftücher". In der Runde trug sie dazu eine Amy-Winehouse-Gedenkfrisur und ein ziemlich knappes Stück Textil, das sie selbst "Vagina-Power-Fotzen-Kleid" nannte. Was für ein kultureller Unterschied zu den Siebzigern, als Alice Schwarzer die öffentliche Szene betrat: Nicht mal ein Naserümpfen erntete die Künstlerin und Wissenschaftlerin - und gar, wenigstens zunächst, ein bisschen Lob der Schwarzer. Nur Unternehmer Grupp wies zart darauf hin, dass sie, wenigstens in akademischen Zusammenhängen, sich anders kleiden möge, der Vorbildfunktion wegen. Lady Bitch Ray wies das erwartbar heftig zurück. Setzte sogar noch einen drauf, als sie meinte, sie sei für Porno und insofern gar nicht mit der ideellen Gesamtmutter des Feminismus einverstanden.

Wer kennt mehr Musliminnen?

Aber macht das der Schwarzer was? Nein, gegen Lady Bitch Rays Verständnis vom Pornographischen sei nix einzuwenden - sie halte ja den Männern nur den Spiegel vor. Eine durchaus entwertende Geste, denn genau das wollte die Rapperin zwar auch, aber ebenso, dass Frauen sich des Pornographischen bedienen, um der eigenen Lust aufzuhelfen.

So dümpelte die Sendung fast vor sich hin, als es dann doch noch zum furiosen Finale kam. Lady Bitch Ray berichtete nämlich von ihren Forschungen im Zuge ihrer Doktorarbeit und davon, dass Kopftuchträgerinnen keineswegs alle Islamistinnen seien; man müsse differenzieren, betonte sie wissenschaftlich sattelfest. Schwarzer aber, immer lauter werdend, fiel ihr unentwegt ins Wort, belehrte sie, korrigierte sie, schurigelte sie gar, als sie meinte, Lady Bitch Ray wisse gar nicht, wovon sie rede, sie selbst kenne viel mehr muslimische Frauen als diese.

Das mag sein: Erschreckend war nur, dass in der Schwarzer plötzlich keine umgängliche Frau kenntlich wurde, die auf ein erfolgreiches öffentliches Leben blicken kann, sondern tatsächlich das, was der Sendetitel verhieß: ein Macho. Ein Mensch, der andere im Gespräch übergeht, überlärmt und für inkompetent erklärt.

Das Besondere war nur: Lady Bitch Ray und die anderen wirkten nicht, als ließen sie sich einschüchtern. Das ist womöglich die Pointe des Feminismus dieser Tage: Die tonangebenden Mütter der Nation, von denen die Schwarzer eben eine der wichtigsten ist, haben ziemlich selbstbewusste Töchter, die vor deren Macht nicht mehr kuschen. Lady Bitch Ray sprach von "Power-Vaginen", die in der Runde säßen - und sie war die erfrischendste von ihnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 272 Beiträge
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1. Schwarzer
nebenjobber 28.09.2011
"Erschreckend war nur, dass in der Schwarzer plötzlich keine umgängliche Frau kenntlich wurde, die auf ein erfolgreiches öffentliches Leben blicken kann, sondern tatsächlich das, was der Sendetitel verhieß: ein Macho" wieso erschreckend? Ich habe die Schwarzer noch nie anders erlebt.
2. Wer hätte das gedacht?
Ty Coon, 28.09.2011
Die Gleichberechtigung kommt, aber ganz anders, als die Schwarzer sich das ausgemalt hat. Selbstbewußte Frauen laufen heute bauchnabelfrei im Avril-Lavigne-Schlampenlook durch die Gegend, Männer rasieren sich an allen möglichen Stellen und trainieren ihre Körper zur Pin-up-Tauglichkeit: meistens kommt es anders, als man denkt. :)
3. .
BlakesWort 28.09.2011
Danke für den guten Artikel, der den Nagel vor allem in Bezug auf Schwarzer trifft. So klug sie in einigen Dingen argumentiert, so angreifbar ist sie, wenn jemand anderer Meinung ist. Das ist allerdings kein Wunder, denn jahrelang wurde ihr Mut bewundert und kritisiert und ganz oben ist es zuweilen so einsam, dass man sich daran gewöhnt. Auf Nachfolgerinnen reagiert sie schon seit längerem mit dem gleichen Beissreflex, den man von ihr nur gegenüber ihren "Gegnern" kennt.
4. Gleichberechtigung
Dazzle, 28.09.2011
Gleichberechtigung ist ein Segen für Mann und Frau. Es ist nichts langweiliger als mit einem unterlegenen Menschen liiert zu sein. Egal ob Mann oder Frau. Geschlechterrollen sind überholt und das ist gut so! Leider ist die Vorkämpferin der Gleichberechtigung am Ende jemand geworden ist der die alten Verhältnisse umkehren möchte? Zumindest stellt es sich so dar.
5. Der Alice S. - Effekt
spügel 28.09.2011
Interessanter Bericht. Sendungen mit Alice Schwarzer schaue ich schon lange nicht mehr, von da her vermisse ich mehr Informationen und Bilder(!) von den anderen Personen ;-)
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