Fernseh-Doku "Die digitale Bombe" Werber im YouTube-Rausch

Das Internet ist aufregend, kreativ und überhaupt total super: In Zeiten von Netzsperren und Online-Betrügereien ist so eine Botschaft erfrischend. Leider feiern in der Arte-Doku "Die digitale Bombe" vor allem Vertreter der Kreativwirtschaft das Web - und übersehen dabei alle Schattenseiten.

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ZDF / Hermann Vaske

Flauschige Kätzchen, ein niesender Panda, Kinder mit tanzenden Augenbrauen: Am Montagabend holt Arte die Videoplattform YouTube ins Fernsehen, um das Internet zu erklären. In der Dokumentation "Die digitale Bombe" werden populäre Clips im Dutzend abgefeuert. Die lustigen Filmchen künden von der überbordenden Kreativität und dem knallbunten Wildwuchs im Netz.

"Was wäre das Internet ohne Kätzchen? Nichts als eine leere, seelenlose Hülle", sagt Simon Waterfall, Kreativdirektor bei Poke London, über die Kulttiere des Web. Er ist einer der vielen Werber, die der Regisseur Hermann Vaske für seinen Dreiteiler über die Sprengkraft des Netzes befragt hat. Das Internet, wie es Vaske in seiner insgesamt zweistündigen Collage aus Interviewschnipseln vorstellt, ist dann alles andere als seelenlos. Es ist eine neue Welt, an der jeder mitbauen kann.

Ob nun virale Werbevideos oder die Wikipedia, bei Vaskes Befragten überwiegt eine geradezu euphorische Netzbegeisterung. Phänomene wie das Musikernetzwerk MySpace werden erklärt und wie dadurch Musikindustrie und Werbebranche durcheinandergewirbelt werden. Was früher über Zwischenhändler zum Kunden kam, holt sich dieser jetzt selber aus dem Netz, ob Nachrichten, Videos oder Unterhaltung. Der Flurschaden, den die digitalen Revolutionäre und Amateurkünstler dabei anrichten, ist dem Filmemacher allerdings kaum Sendeminuten wert. Es bleibt keine Zeit für Sentimentalitäten, denn erst die Zerstörung schafft das schöne Neue.

"Wovon zum Teufel redest Du?"

"Die digitale Bombe" ist optimistisch, zeigt erfolgreiche Internetkampagnen für Politiker (Obama) und Produkte (Oasis-Album). Im Vergleich zu den alltäglichen Warnungen und Mahnungen vor dem Internet ist das geradezu erfrischend. Denn hört man die Vertreter traditioneller Ordnungen, ob nun wirtschaftlicher oder staatlicher, über das Netz reden, man könnte meinen, Anarchie stünde unmittelbar bevor.

Die Wissenschaftler David Weinberger von der Universität Harvard und Bernard Stiegler vom Pariser Centre Pompidou helfen, die Botschaft vom Kreativnetz und vom Ende des traditionellen Wissensbegriffs zu untermauern. Das Internet ist mehr als nur eine riesige, immer verfügbare Bibliothek: Es ist ein soziales Medium, dessen Nutzer das Wissen der Welt sortieren, vernetzen und bearbeiten.

Damit die Zuschauer in dem Strom aus Interviewausschnitten nicht ertrinken wie Informationssuchende im Internet, stellt ihnen Vaske den Tron-Guy zur Seite; einen ältlichen, dicken Programmierer aus den USA, der sich ein weißes Kostüm mit blauen Lichtern gebastelt hat. Als Vorlage diente ihm der Science-Fiction-Film "Tron" aus dem Jahr 1983.

Driften die beiden Wissenschaftler zu sehr in ihren Fachjargon, den künstlich-komplizierten Soziologensprech, ab, taucht Tron-Guy auf. "Wovon zum Teufel redest du?", ätzt er zum Beispiel, was sich anhört wie ein beliebiger, hingerotzter Kommentar im Internet, aber Zuschauer mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne wieder mit an Bord holt.

Innere Leere nach drei Stunden YouTube-Gucken

Bei dem Versuch, in zwei Stunden das Internet zu erklären, muss zwangsläufig viel weggelassen werden. So fehlt eine kritische Haltung zum Thema Datenschutz und Überwachung. Nur wenige Minuten werden auf den Ärger verwendet, den Google mit dem Abfotografieren von Straßenzügen für sein Street-View-Projekt vor allem in Deutschland hat. Ein Kreativer lacht kurz und erklärt, das sei ja nun wirklich kein Problem und längst veraltetes Denken. Auch die YouTube-Berichte von den Protesten der iranischen Opposition bekommen nur eine kurze Sequenz.

Bei aller Freude über diesen angstfreien Blick auf die schöne, neue Welt, ist das eine Schwachstelle des Films. Der Fokus auf die Kreativindustrie mit den Agenturmenschen von Ogilvy, M&C Saatchi oder Kolle Rebbe ist für zwei Stunden zu wenig, die Sprengkraft des Internets beschränkt sich nicht auf Werbung. Andere Dimensionen werden leider nur angedeutet, all zu schnell ist Vaske wieder bei seinem Steckenpferd: der Werbung und der Kreativität.

Außerdem scheint das Internet bei Vaske eine ganz schön männerlastige Angelegenheit zu sein. Nur eine Handvoll Frauen hat er für seinen Film befragt. Wenn sie darüber hinaus auftauchen, dann oft als zurechtgemachte Werbefigur. "Eine Tussi mit großen Brüsten, phantastisch", freut sich einer der Kreativmänner.

Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, wie das Interview mit der Schauspielerin und Musikerin Jana Pallaske zeigt. Die schwärmt erst von den Vorzügen der Online-Zusammenarbeit mit Musikern und von Konzerten, die sie über ihre MySpace-Seite organisiert. Dann erzählt sie von der Leere nach drei Stunden YouTube-Gucken. Ihre Botschaft: "Get a fucking life!"


"Social Galaxy", "Commercial Galaxy" und "Media Galaxy", Montag ab 22.45 Uhr, Arte

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Walter Sobchak 19.07.2010
1.
Welche Schattenseiten? Etwa die, die es auch im Real-Life gibt?
pulegon 19.07.2010
2. Mal die andere Seite zeigen
Zitat von sysopDas Internet ist aufregend, kreativ und überhaupt total super: In Zeiten von Netzsperren und Online-Betrügereien ist so eine Botschaft erfrischend. Leider feiern in der Arte-Doku "Die digitale Bombe" vor allem Vertreter der Kreativwirtschaft das Web - und übersehen dabei alle Schattenseiten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,707250,00.html
Die Schattenseiten werden einem ja auch jeden Tag weltuntergangsmäßig von etlichen Qualitätsmedien vorgebetet. Da ist es schön auch mal einen eher alltäglichen Blick auf das Netz zu werfen. Oder um aus einem Text (http://www.malte-welding.com/2010/07/19/das-internet-der-groste-tatort-der-welt/?utm_medium=bt.io-twitter&utm_source=direct-bt.io&utm_content=backtype-tweetcount) von Malte Welding zu zitieren: Im virtuellen Raum liegt der Blutzoll seit Bestehen im übschaubaren Rahmen von Null Millilitern.
VPolitologeV, 19.07.2010
3. Netze
Obwohl ich ein Befürworter des freien Internets bin, treiben mich Sätze wie: "Ein Kreativer lacht kurz und erklärt, das sei ja nun wirklich kein Problem und längst veraltetes Denken." auf die Palme. Diskussionsallergiker oder gleich Intelligenzallergiker? Das veraltete Denken herrscht in den Köpfen dieser "Kreativen", die davon ausgehen, daß sie wirklich alles machen können, was sie wollen. Wenn man das mal in die reale Welt zurücküberträgt - naja, denken Sie sich Ihren Teil.
pulegon 19.07.2010
4. Auf schmalen Brettern tanzt es sich schlecht
Zitat von VPolitologeVObwohl ich ein Befürworter des freien Internets bin, treiben mich Sätze wie: "Ein Kreativer lacht kurz und erklärt, das sei ja nun wirklich kein Problem und längst veraltetes Denken." auf die Palme. Diskussionsallergiker oder gleich Intelligenzallergiker? Das veraltete Denken herrscht in den Köpfen dieser "Kreativen", die davon ausgehen, daß sie wirklich alles machen können, was sie wollen. Wenn man das mal in die reale Welt zurücküberträgt - naja, denken Sie sich Ihren Teil.
Ich würde mich nicht von Sätzen auf die Palme treiben lassen, die mir im HörenSagen eines solchen Artikelkontextes geliefert werden. Wer grundsätzlich schon so unverblümt seine Negativgrundmeinung in den Artikel fließen lässt, dem muss man auch zumindest zutrauen solche Sätze in den falschen Kontext zu setzen. Selber gucken, danach Urteil fällen.
fallobst24 19.07.2010
5. komischer artikel
einerseits vermittelt er mir, dass diese doku sich vor allem um die werbebranche und deren möglichkeiten im netz dreht, und anderseits wird kritisiert, dass nicht alle aspekte und möglichkeiten und folgen und einflüsse etc. des internets dargestellt und erwähnt werden. was ist denn nun die genaue thematik, idee und ziel bzw. sinn des filmes? denn eins ist ganz klar: 2 stunden sind viel zu wenig, um das thema internet mit all seinen facetten auch nur ansatzweise zu erfassen. erst recht, wenn man noch unterhaltungsdinger wie diesen tron-heino einbaut. ich persönliche sehe es mit dem internet wie mit allen anderen dingen im leben: man kann die möglichkeiten nutzen, man muss sie aber nicht nutzen und letztlich kann man sie auch missbrauchen. und alles unter der prämisse: wir sind doch individuelle und halbwegs rationale menschen. wer nicht autofahren kann, wird doch nicht das auto für das eigene unvermögen verantwortlich machen (können), oder?
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