Einflussreicher Filmemacher: Harun Farocki ist tot

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Harun Farocki: Im Alter von 70 Jahren gestorben

In seinen Dokumentarfilmen legte er die Mechanismen des Kapitalismus frei und analysierte die moderne Arbeitswelt: Harun Farocki gehörte zu den intellektuell schärfsten und einflussreichsten Filmemachern Deutschlands. Jetzt ist er im Alter von 70 Jahren gestorben.

Berlin/Hamburg - Der Autor, Filmemacher und Medientheoretiker Harun Farocki ist tot. Das bestätigte seine Familie am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Er starb am Mittwoch in der Nähe von Berlin.

Farocki zählte zu den avanciertesten Dokumentarfilmern seiner Generation und drang mit seinen Arbeiten in verschiedene Mikrowelten ein: 2001 etwa erkundete er in "Die Schöpfer der Einkaufswelten" die Strategien, die hinter der Gestaltung von Shoppingmalls stehen. 2004 ging er in die Geldbranche und begleitete in "Nicht ohne Risiko" Menschen auf der Suche nach Kapital zu den Verhandlungen mit Investoren. Für seine Filmdokumentation über die innere (deutsche) Einheit, "Die Umschulung" (1994), erhielt er 1995 den Adolf-Grimme-Preis.

Zuletzt arbeitete Farocki häufig mit dem Regisseur Christian Petzold zusammen, unter anderem schrieb er am Drehbuch von Petzolds im September in die Kinos kommenden Film "Phoenix" mit.

Farocki wurde während des Zweiten Weltkriegs am 9. Januar 1944 im damals von den Deutschen annektierten Neutitschein (heute: Nový Jičín, Tschechien) als Sohn eines indischen Arztes, der in den Zwanzigerjahren nach Deutschland eingewandert war, geboren. 1958 kam die Familie über Umwege nach Hamburg, 1962 zog Farocki nach Westberlin und holte dort sein Abitur nach. Ab 1966 studierte er im ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Mit dem Film "Die Worte des Vorsitzenden" erregte er 1967 erstmals Aufmerksamkeit, ehe der linksbewegte Farocki 1967/68 an Helke Sanders Anti-Springer-Film "Brecht die Macht der Manipulateure" mitarbeitete.

In der Filmszene blieb Farocki zunächst ein Außenseiter. Mehr als zehn Jahre arbeitete er für die Zeitschrift "Filmkritik", er produzierte Hörfunkbeiträge und arbeitete als Dramaturg am Theater. Sein minimalistischer und realistischer Stil machte ihn dann aber ab Ende der Siebzigerjahre zu einem profilierten Dokumentarfilmer: 1978 drehte Farocki die aufsehenerregende Dokumentation "Zwischen zwei Kriegen", in der er die für die Genese des Zweiten Weltkriegs entscheidenden technischen und wirtschaftlichen Prozesse am Beispiel der Vereinigten Stahlwerke AG reflektierte.

Farocki erhielt mehrmals den Preis der deutschen Filmkritik, zum Beispiel 1990 für sein Filmessay "Leben-BRD". Insgesamt drehte er etwa 90 Essay-, Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme. Ab 1990 wirkte Farocki auch im Kunstbetrieb, vor allem seine Videoinstallationen hielten Einzug in die Galerien. Es war kein Zufall, dass Farocki irgendwann auch auf der documenta zu Gast war: 1997 stellte er in Kassel seinen Essayfilm "Stillleben" aus. Auf der documenta 12 im Jahr 2007 war er dann mit "Deep Play" vertreten, einer Installation aus Plasmabildschirmen, auf denen Szenen des Fußball-WM-Endspiels 2006 zwischen Frankreich und Italien abwechselnd konkret und abstrakt gezeigt wurden.

Als Weltreisender in Sachen Medientheorie und Kunst machte sich auch der Dozent Farocki einen Namen: Er lehrte unter anderem in München, Düsseldorf, Manila und Berkeley. 2006 kuratierte er zusammen mit seiner Ehefrau Antje Ehmann in Wien die Ausstellung "Kino wie noch nie", die 2007 auch in Berlin gezeigt wurde. Zurzeit ist im Hamburger Bahnhof in Berlin Farockis Schau "Ernste Spiele" zu sehen.

Farocki war in zweiter Ehe verheiratet und hinterlässt zwei Töchter.

tha/dpa

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