Kultur

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Doku über Migration

Gegen das Abstumpfen

In "Als Paul über das Meer kam" wird aus einem Geflüchteten ein Mensch - und ein Freund des Filmemachers. Eine Doku, die bewusst Grenzen überschreitet.

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Montag, 18.06.2018   17:29 Uhr

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Geflüchtete verlassen ein Schiff, gerettet zwar, aber sichtbar gezeichnet von der Katastrophe, der sie auf dem Meer ausgesetzt waren. Erschütternde Fernsehbilder, die man zu oft hat sehen müssen in den letzten Jahren, die den Horror in Routine auflösen. Den Dokumentarfilmer Jakob Preuss allerdings elektrisieren sie. Er erkennt in dem TV-Bericht einen Mann mit zitternden Händen und entsetztem Blick. Paul.

Dieser Anblick wird nicht nur den Film komplett verändern, an dem Preuss gerade arbeitet. Sondern auch sein Leben. Vor allem aber das von Paul.

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Das Schicksal des 39-Jährigen aus Kamerun macht aus einer geplanten Doku über europäische Außengrenzen und Abschiebepraxis einen ergreifenden Film, der irgendwann bewusst Grenzen überschreitet, die eine Doku eigentlich nicht überschreiten sollte. Und gerade dadurch jenem Gewöhnungseffekt entgeht, der oft Reportagen über Geflüchtete torpediert.

Zurückhaltend, aber freundlich

Jakob Preuss und Paul Nkamani begegnen sich 2014 in einem Flüchtlingscamp in Marokko, wo Paul auf eine Möglichkeit wartet, nach Europa zu gelangen. Zelte stehen dort unter dürren Bäumen, Frauen kochen auf Gaskochern Nudeln. Zurückhaltend, aber freundlich führt Paul den Deutschen durch das Lager und gibt ganz nebenbei eine abgeklärte Einschätzung der europäischen Migrationspolitik ab.

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Er weiß, wie schwierig sein Unterfangen wird, sich in Europa ein neues Leben aufzubauen. Dass die Landsleute wahrscheinlich lügen, die auf Facebook Fotos von schicken Autos posten und behaupten, hinter der Grenze warte Reichtum und Luxus. Paul will es dennoch versuchen.

Er sagt, er habe keine Wahl. Armut und Diskriminierung wegen seiner Stammeszugehörigkeit verbauen ihm in Kamerun die Zukunft, obwohl er Jura und Politik studierte. Notgedrungen macht er sich zu Fuß auf den Weg durch Nigeria und den Niger; dann durch die Wüste bis nach Algerien, wo er drei Jahre lang auf Baustellen schuftet, um das Geld für die Schleuser zu verdienen, die ihn illegal nach Europa bringen sollen.

Brauchen Dokumentarfilme Distanz zu ihren Protagonisten?

Als es dann wirklich losgeht, Hals über Kopf über Nacht, verliert Preuß Paul aus den Augen. Er entdeckt ihn erst auf den Fernsehbildern wieder, auf denen der so sanfte Mann völlig verstört wirkt. Der Motor des Schiffes war ausgefallen, tagelang trieb es auf offener See. Einige Insassen starben, darunter Babys. Auch Paul wäre fast verdurstet.

Jetzt ist er in Europa, aber traumatisiert. Aufgeben will er dennoch nicht, auch wenn ihm jederzeit die Abschiebung droht. Seine Reise geht weiter, von Spanien nach Paris, von dort nach Berlin. Irgendwann auf dieser Reise, unmerklich zunächst, dann immer offensichtlicher, wird Jakob Preuss vom Filmemacher, der Pauls Weg dokumentiert, zu dessen Freund. Und darüber zum Helfer. Was den Grundsatz, Dokumentarfilme bräuchten Distanz zu ihren Protagonisten, auf den Kopf stellt.

Und den Filmemacher in einen inneren Konflikt stürzt. "Pauls Leben zu dokumentieren, ist das eine. Seine Zukunft zu organisieren, etwas ganz anderes", sagt Preuss. Und: "Paul hat Erwartungen an mich." Tatsächlich ist es schließlich Preuss, der ihn mit seinem Auto nach Berlin fährt. Und zunächst bei seinen Eltern unterbringt.

Aber Preuss hat auch Erwartungen an Paul. Der soll Kronzeuge sein für seine politische Überzeugung, dass es ein Recht auf Migration geben soll. Aber Paul macht dabei nicht mit. Er verstehe Europas Bedürfnis nach Abschottung sehr gut, sagt er. Und dann sagt ausgerechnet er diesen Satz, den man so oft gehört hat in den letzten Jahren: "Es können schließlich nicht alle kommen."

Die Konflikte, die sich zunehmend zwischen Protagonist und Filmemacher ergeben, reflektiert Preuss ganz offen. Und so wird "Als Paul über das Meer kam" eben doch kein aktivistisches Pamphlet, sondern verschiebt den dokumentarischen Fokus auf eine sehr persönliche Ebene.

Gewaltiger Apparat zur Grenzsicherung

Zudem stellt Preuss Pauls Fall in einen größeren Kontext, der noch Spuren des Films zeigt, der ihm ursprünglich vorschwebte: Er dokumentiert den Irrsinn des Grenzzauns an der spanischen Enklave Melilla; ist beim Einsatz eines Frontex-Patrouillenbootes dabei; begleitet deutsche Bundespolizisten auf Schleierfahndung.

Er zeigt also den gewaltigen Apparat, der verhindern soll, dass Menschen illegal Grenzen überwinden. Und kontrastiert ihn mit dem Schicksal eines Einzelnen, den er dem Zuschauer ganz nah vor Augen führt. In "Als Paul über das Meer kam" wird aus einem "Flüchtling" ein Mensch mit Sehnsüchten, Hoffnungen, mit einer Geschichte und einer Zukunft. Die aber, so zeigt dieser Film eindrucksvoll, bleibt ungewiss. Trotz der Freundschaft zwischen Jakob und Paul.


"Als Paul über das Meer kam". ZDF, 18.6., 23.55 Uhr. Ab Montag auch in der ZDF-Mediathek. Auftakt zu der Reihe "Auf der Flucht - 4 Filme über eine Welt in Bewegung", in der jeweils montags ein Film zum Thema Migration läuft.

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