"Maischberger" zur Flüchtlingskrise "Dann ist kein Stein mehr auf dem anderen"

Gibt es in Deutschland eine "Wortpolizei"? Muss man die Pöbler von Clausnitz wegsperren? Sandra Maischberger hat gezeigt, wie man zu einem Dauerthema eine interessante Sendung macht.

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WDR/ Melanie Grande

Zur Sendung: Die Pöbelnacht von Clausnitz und die brennende Unterkunft in Bautzen - die jüngsten Fälle von Fremdenhass verschärfen die Flüchtlingsdebatte. Sandra Maischberger widmete sich in ihrer Sendung auch dem Streit in der Regierung und fragte: " Spaltet Merkel das Land?"


Allmählich wird es schwierig für die Moderatoren, ihre Talkshows zum Flüchtlingsthema so zu gestalten, dass der TV-Zuschauer nicht jedes Mal mit einem leichten Déjà-vu-Gefühl zurückbleibt. Aber unmöglich ist es nicht, wie sich bei "Maischberger" zeigte.

Zwar klingt es kaum mehr sonderlich originell, wenn abermals gefragt wird, ob Angela Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik das Land spaltet. Oder wenn erneut flagranter Fremdenhass und Rechtsextremismus aufs Tapet müssen, weil wieder einmal etwas Empörendes passiert ist, so wie gerade im notorischen Sachsen. Aber dank einer Runde, die nicht nur aus Stammgästen bestand, gelang letzten Endes doch eine ganz interessante Sendung.

Wer war da? Schauspieler Jan Josef Liefers ("Ich bin hier als Bürger."), Merkel-Fan, gebürtiger Dresdner und trotz allem immer noch nicht an seiner Heimat und der Welt verzweifelt; Natascha Kohnen, Generalsekretärin der Bayern-SPD, die per Internet eine gewisse Berühmtheit erlangte, indem sie der CSU mal so richtig die Meinung sagte ("populistisches Geplärre"). Der frühere Chef der "Bild"-Zeitung, Hans Hermann Tiedje, gefiel sich zunächst in der Rolle des polternden Boulevard-Raubautzes, kriegte aber später noch die Kurve, um einige seriöse Kommentare beizusteuern. Peter Ramsauer (CSU) und der als Kanzlerin-Fürsprecher wohl tatsächlich unentbehrliche CDU-Vize Armin Laschet durften den unionsinternen Konflikt verkörpern, schafften das allerdings in erstaunlich netter Form ("Wir kennen uns seit 30 Jahren."). Dann saß da noch Pegida-Mitbegründer und -Aussteiger René Jahn und versuchte zu erklären, weshalb er immer noch zum Protest auf die Straße geht.

Wie lief es? Es ging teilweise ziemlich hoch und heiß her. Bei dieser Besetzung waren bestimmte Kollisionen praktisch programmiert - ebenso wie einige Schwadronaden ganz eigener Art. Ramsauer sprach angesichts der "realen Gefechtslage" von dringend erforderlichen "nationalen Notfallmaßnahmen" und "einer Art Notwehr" zwecks "kaskadenartiger" Abwehr des Flüchtlingsstroms, was ihm nicht nur den Widerspruch von Freund Laschet eintrug, der wie immer auf die europäische Lösung pochte. Antwort auf Maischbergers Frage, weshalb Merkel so wenig auf Seehofer eingehe: "Weil es falsch wäre." Die SPD-Frau warf dem CSU-Mann vor, seine Begrifflichkeiten führten "zur Enthemmung". Tiedje verwahrte sich derweil gegen eine "Wortpolizei" und gab der Kanzlerin die Alleinschuld dafür, dass es "zu dieser Katastrophe" habe kommen können, woraufhin Laschet wieder mal die Legende entkräften musste, Merkel habe alle Flüchtlinge eingeladen.

Merkwürdiges: "Wie kann ich mit in einer Regierung sitzen und sie zugleich verklagen?", wollte Tiedje wissen und empfahl der CDU, sich doch konsequenterweise lieber gleich von der CSU zu trennen. Ramsauer bekannte, es sei "ein Dilemma, an der Ausübung der Herrschaft des Unrechts beteiligt zu sein". Umso schneller müsse die Verfassungsklage auf den Weg gebracht werden. Liefers dazu: "Das muss ich nicht verstehen." Er habe aber Zweifel, ob man der Regierung noch vertrauen könne.

Besorgter Bürger I: Ihn, der doch kein Politiker sei, erstaune, dass heute jemand über die große Zahl von Kriegsflüchtlingen überrascht sei, ließ der Schauspieler wissen, der 2013 in Aleppo war. Das alles sei doch längst abzusehen gewesen. Offenbar sei es so, wie schon seine Oma gesagt habe: "Wenn du nicht zum Problem gehst, kommt das Problem zu dir." Laschet räumte ein, es habe diesbezüglich Versäumnisse gegeben.

Besorgter Bürger II: Der Ex-Pegida-Mann, der "wegen des Dialogs" immer noch auf der Straße dabei ist, geriet in einige Erklärungsnot. In bekannter Manier machte er Politik und Medien, aber auch die DDR-Sozialisation für den Protest verantwortlich, gab jedoch zugleich zu, dass der Rechtsradikalismus in Sachsen "schon immer" ein besonderes Problem gewesen sei. Die meisten Demonstranten seien aber "normale Bürger wie Sie und ich".

Klare Worte: Fast reflexhaft griff der CSU-Bayer sogleich die These auf, viele wollten nur wegen ihrer Ängste in der Gruppe dabei sein, und diese Ängste müsse die Politik ernst nehmen. Replik des Christdemokraten: Bezeichnenderweise gebe es diese Ängste dort nicht, wo tatsächlich Muslime lebten. Vor allem müsse die Politik die Ängste abbauen statt sie zu dramatisieren. Tiedje meinte mit Blick auf die jüngsten Ausschreitungen, in jeder Gesellschaft existiere nun mal ein bestimmtes Maß an Niedertracht. Und solche Leute wie in Clausnitz "gehören einfach weggeschlossen".

Prognose: Und was wird nun mit Merkel? Während Ramsauer unter Aufbietung des ganzen südstaatlichen Drohpotenzials zu dem Schluss gelangte, die angestrebte europäische Lösung "geht so nicht", wollte der Journalist es noch offen lassen, ob Merkel eine große Kanzlerin wird oder nicht. Eines stand für Tiedje aber fest: "Nach den Landtagswahlen ist kein Stein mehr auf dem anderen."



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