"Hart aber fair" zum Terror von Paris Reden, obwohl man sprachlos ist

"Was macht die Angst mit unserem Europa?" Das wollte Frank Plasberg von seinen Gästen wissen. Doch die Talkshow war mehr Therapiestunde als kontroverse Diskussion. Immerhin: Es gab eine wichtige Klarstellung.

Talkshowrunde von "Hart aber fair": Extrasendung zum Terror in Paris
WDR/Dirk Borm

Talkshowrunde von "Hart aber fair": Extrasendung zum Terror in Paris


Zur Sendung: Frank Plasberg hatte angesichts der Attacken in Frankreichs Hauptstadt zu einer Extra-Ausgabe von "Hart aber fair" geladen. Der Titel: "Terrorkrieg in Paris - was macht die Angst mit unserem Europa?" Hier finden Sie alle Informationen zu den Geschehnissen im Überblick und hier unseren Newsblog mit den aktuellsten Entwicklungen.


Reden kann helfen, gerade dann, wenn es einem eigentlich die Sprache verschlägt. Und im Zeichen des Ausnahmezustands, auch in den öffentlich-rechtlichen TV-Programmen, war es gewiss angemessen, Frank Plasberg zu ungewohnter Sendezeit mit einer Extra-Ausgabe von "Hart aber fair" aufwarten zu lassen. Es zeigte sich jedoch: Viel mehr als eine Art stellvertretende gesellschaftliche Gesprächstherapie durfte man von einer solchen Stunde mit einer solchen Runde am Abend eines solchen Tages wohl nicht erwarten.

Immerhin - bei aller Nachdenklichkeit und allem betroffenen Abwägen der Worte gab es auch ein paar bedeutende Klarstellungen. Die wichtigste lieferte die CDU-Vizevorsitzende Julia Klöckner gleich zu Beginn, indem sie vehement davor warnte, die Ereignisse von Paris für die Flüchtlingsdebatte zu instrumentalisieren, was ja mittlerweile leider bereits passiert ist. Schließlich, so Klöckner, flüchteten die Menschen vor genau jenem Terror, wie er jetzt in Paris zu erleben sei. Zustimmung in der Runde.

Es geht ums Grundsätzliche

Als Zeugin dafür, wie es ist, wenn man als Mensch muslimischen Glaubens unter Generalverdacht gerät, saß da die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor. Nein, sie denke nicht daran, sich von etwas zu distanzieren, zu dem es nicht die geringste Nähe gebe. "Diese gemeingefährlichen Verbrecher wollen töten, egal wen." Oder, um es mit Publizist Michel Friedman zu sagen: "Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Muslimen und Andersgläubigen, sondern zwischen denen, die die Freiheit lieben und denen, die sie nicht wollen."

Damit war einer der Schlüsselbegriffe einer Sendung gefallen, in der es immer wieder und nicht immer ganz ohne Pathos ums Grundsätzliche ging - um die westlichen Werte und das freie Leben und seine möglichst angstfreie Verteidigung; um Humanismus und Toleranz und das Notwendige, was von Staats wegen für die Sicherheit zu leisten ist. Kein Stoff für wirkliche Kontroversen also, schon gar nicht darüber, dass es eine freie Gesellschaft ohne Restrisiko eben nicht gibt.

Talkshow-Gäste Friedman und Kaddor bei Plasberg
WDR/Dirk Borm

Talkshow-Gäste Friedman und Kaddor bei Plasberg

Besonders eindrucksvoll war der Einspieler mit den Schilderungen der Korrespondentin Susanne Dörhage aus ihrem unmittelbaren Lebensumfeld im Bezirk der Anschläge und den Bekundungen, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Wer will, der kann

SWR-Journalist und Terrorexperte Holger Schmidt meinte, in Paris habe sich erwiesen, dass im Kampf gegen diese Art von Terrorismus (Friedman nannte es: "minimaler Aufwand mit maximalem Effekt") die Sicherheitsvorkehrungen an ihre Grenzen stießen. Und was nun die faktischen Grenzen in Europa und den Ruf nach schärferen Kontrollen angeht, so waren nicht nur seine Anmerkungen hierzu bei allen sonstigen Emotionen bemerkenswert rational. Wer mit bösen Absichten einreisen wolle, schaffe dies immer, da war man sich einig.

Herrscht nun jener Krieg, den Frankreichs Präsident erklärt hat und von dem sogar der Papst sprach? Nein, den Begriff wollte sich keiner zu eigen machen, erst recht nicht der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Der mahnte, mit den Worten vorsichtig zu sein, auch in der Flüchtlingsdebatte, und nicht die Ängste noch zu verstärken. Er ließ aber auch Finanzminister Wolfgang Schäuble nachträglich wissen, er habe angesichts von dessen Lawinen-Vergleich Barmherzigkeit walten lassen.

"Wir müssen weg von der Heuchelei"

Derweil beklagte die syrischstämmige Kaddor, dass der Westen nicht schon vor vier Jahren entschlossen mit militärischen Mitteln gegen den damals noch schwächeren "Islamischen Staat" (IS) vorgegangen sei. Ausschließen mochte ein solches Eingreifen auch der Kirchenmann nicht. Er warb aber mit Vorrang für Ursachenbekämpfung - genau wie Friedman, der die Rede auch auf die Finanziers des Terrors brachte und empfahl, die Beziehungen zu Staaten wie Saudi-Arabien und Katar zu überprüfen: "Wir müssen weg von der Heuchelei."

An diesem Abend zumindest war das Bemühen, sie zu vermeiden, unüberhörbar. Und als Klöckner davon sprach, dass in den wesentlichen Fragen "kein Blatt Papier zwischen Kanzlerin und Vizekanzler und letztlich auch nicht zwischen Regierung und Opposition" passe, klang das höchstens andeutungsweise nach einer vorgezogenen Sonntagsrede.

Daran konnte nicht einmal Horst Seehofer etwas ändern, der kurz per Einspieler zu Wort kam und unbedingt auf die verstärkte Registrierpflicht für Flüchtlinge hinweisen musste.

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