"Hart aber fair" über Tabus und "Lügenpresse" Geht's noch?

Die Polizei darf nicht frei sprechen, die Presse lügt sowieso - was ist dran an diesen Behauptungen? Frank Plasbergs Gäste diskutierten munter über diese Frage, es entstanden neue Wörter und Gedankenexperimente. Die Sendung im Check.

Moderatoren Claus Strunz und Anja Reschke: Lieblingsfarbe grau
WDR

Moderatoren Claus Strunz und Anja Reschke: Lieblingsfarbe grau


Zur Sendung: Gerade im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und den Übergriffen in der Silvesternacht wurde wiederholt behauptet, die Polizei bekomme einen Maulkorb verpasst und die Presse lüge. Moderator Frank Plasberg wollte wissen, ob es solche Tabus tatsächlich gibt oder ob es sich um Verschwörungstheorien handelt. Motto der Sendung: "Frisierte Polizeiberichte, bevormundete Bürger - darf man bei uns noch alles sagen?"


Die Themensetzung bei "Hart aber fair" ließ nicht unbedingt Erbauliches erwarten. Angesichts des enorm negativen Echos auf die letzte Flüchtlingssendung hatte sich der Moderator entschlossen, einmal zu fragen, was es denn nun wirklich auf sich habe mit diesen angeblichen Tabus und Maulkörben; mit dem Vorwurf an die Medien, allzu regierungstreu zu berichten; mit der einschlägigen Behauptung, man dürfe nicht mehr alles sagen in diesem Land. Damit aber eines auch gleich klar war, lieferte Plasberg die entscheidende Antwort selbst vorsorglich mit: "Man darf."

Gegen Ende konnte immerhin ein zufriedener Zuschauer posten: "Endlich mal eine echte Mediendebatte." Zumindest war sie ziemlich unterhaltsam, nicht zuletzt, weil auch rhetorisch einiges geboten wurde - von den ganz großen Vokabeln wie Wahrheit und Ehrlichkeit über eine Reihe von Entschuldigungen und Richtigstellungen bis hin zu interessanten Wortneuschöpfungen wie "Parallelöffentlichkeiten", "Mainstream-Hetzer" oder "Reschke-Fernsehen".

Lieblingsfarbe Grau

Letzteres glaubte Alexander Gauland der "Panorama"-Moderatorin anlasten zu müssen, was die allerdings ebenso wenig zu beeindrucken vermochte wie überhaupt der immer wieder angesprochene Verdacht, es werde beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen irgendetwas unter den Teppich gekehrt oder beschönigt. Schließlich gebe es doch schon recht lange jede Menge differenzierte Berichte über die Probleme der Integration. Nur sei eben die Realität nicht schwarz oder weiß, sondern grau. Katrin Göring-Eckardt erinnerte daran, wie bereits vor fünf Jahren der vorgeblich nichts sagen dürfende Thilo Sarrazin durch die Talkshows gereicht worden sei. Im Übrigen outete sich die Grüne gern als "Fan von Grau" in genau dem betreffenden Sinne.

Als Plasberg zu dem Gedankenspiel einlud - was denn wohl wäre, wenn eine Horde Neonazis drei muslimische Frauen überfiele - gab Reschke sehr kühl zurück, viel größer als über die Kölner Ereignisse könne die nun schon zwei Wochen währende öffentliche Erregung wohl kaum sein. Jene über die brennenden Asylbewerberheime sei jedenfalls nie so groß gewesen.

Deren Anblick beklagte auch "Prinzen"-Musiker Sebastian Krumbiegel, besorgt um sein Sachsen und abgestoßen von Pegida & Co., aber auch bemüht, gewisse Äußerungen nach den Kölner Vorfällen zurückzunehmen. Und da man nun einmal so schön beim Korrigieren war, kamen auch noch der seltsame Äußerungsfall einer WDR-Journalistin (Stichwort: Staatsfernsehen) sowie das Geplänkel zwischen SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jan Fleischhauer und ZDF-Mann Claus Kleber um verfehlte Wortwahl aufs Tapet.

"Das ist Christentum"

Über den Erkenntniswert solcher Exempel indes ließ sich trefflich streiten. AfD-Vize Gauland, der schon mal Jürgen Trittin vor grölenden Anhängern falsch zitiert hat, ohne sich hinterher zu entschuldigen, grummelte etwas von Schere im Kopf, wirkte aber die meiste Zeit ein wenig sediert - vor allem im Vergleich zum von grüner Seite so titulierten "Mainstream-Hetzer" Claus Strunz.

Der "Springer"-Journalist, für den der Kampf der Kulturen mittlerweile auf der Straße ausgetragen wird, musste sich natürlich irgendwie von Gauland abgrenzen, da der mit seiner pauschalen Kritik an den etablierten Medien einen ganzen Berufsstand diffamiere. Doch das hinderte ihn nicht daran, einen bestimmten Sound anzustimmen, der Kanzlerin vorzuwerfen, sie habe "die Mehrheit aus ihrer politischen Heimat vertrieben" und zu der Empfehlung zu gelangen, die "linksbürgerlichen Denkschemata zu überprüfen". Leider sei die deutsche Bevölkerung so sozialisiert, dass nach einem Schlag auf die rechte auch noch die linke Wange hingehalten werde. Trockener Reschke-Kommentar: "Das ist Christentum."

Was ist denn nun mit der "Lügenpresse"?

Und wie verhält es sich nun tatsächlich mit den Abweichungen zwischen den medialen Darstellungen hier sowie den vielfach sehr eigenen Wahrnehmungen dort, befördert auch durch "naive Internetgläubigkeit" (Plasberg) - kurz: mit der "Lügenpresse"?

Nicht mal Gauland, der ja einst ein recht angesehener Publizist war, mochte sich den Begriff so recht zu eigen machen. Er sei wohl überspitzt, räumte er ein. Aber irgendwie hätten sich die Leute ja wehren müssen, nachdem sie als "Pack" bezeichnet worden seien. Ach so. Dann wäre das ja auch endlich geklärt.

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