Frankfurter "Tatort"-Duo: Das Jazz-Wrack und die Östrogen-Bombe

Sex, Suff und pumpende Bläser: Der neue Frankfurter "Tatort" hat einen mitreißenden Rhythmus gefunden, meint Christian Buß. Der Krimi begeistert mit einer Ermittlerin, gegen die selbst Feldjäger-Machos wie kleine Jungs aussehen.

"Tatort" aus Frankfurt: Mit Cowboyboots und Rotweinschwenker Fotos
HR

Er hat es getan. Er hat einen anderen Menschen angefasst. Von hinten schmiegt sich der leicht soziopathische Kommissar Steier (Joachim Król) an seine Kollegin Mey (Nina Kunzendorf). Die beiden rekonstruieren den Mord in einem Schlafwagenabteil, er spielt den Mörder und legt seine Hand auf den Bauch der Polizistin, beinahe scheinen sie das Rätsel gelöst zu haben. "Ich könnte ewig so stehenbleiben", sagt Steier. Es muss für Mey wie eine Drohung klingen.

Diese Szene aus dem neuen Frankfurter "Tatort" ist ein brillantes Beispiel dafür, wie pointiertes psychologisches Erzählen und kriminalistische Detailarbeit einander zuspielen können. Ein Satz von ihm, ein irritierter Augenaufschlag von ihr, schon ist das Verhältnis der beiden Ermittler zueinander definiert - und führt direkt in die Arbeit der beiden Figuren.

Es gibt im neuen Frankfurter "Tatort" keine Schnörkel, keine Gags als Selbstzweck, keine launigen Scharmützel zwischen den Polizisten, die vom eigentlichen Fall ablenken. Jede Bewegung führt hier zurück ins Verbrechen; alles, was in der Handlung an Menschlichem und Komik, an Sehnsucht und Tragik mitschwingt, geht sofort im Krimi-Sog auf. Wie gut man Steier, den unerträglichen und stets mit Rotwein vollgepumpten Jazz-Snob, und Mey, die sympathisch impertinente Cowboyboots-Lady, inzwischen zu kennen glaubt! Dabei ist "Der Tote im Nachtzug" (wieder von "Die kommenden Tage"-Regisseur Lars Kraume geschrieben und inszeniert) erst die zweite Episode des Ermittlerteams.

Feldjäger? Werden umgehend vernascht!

Aber die Figuren gehorchen - auch dank der kaum zu Eitelkeit neigenden Darsteller - eben der Grundregel für jeden wirklich guten Ermittler: In der Arbeit offenbart sich die Persönlichkeit, im Privaten schwingt stets Berufsethos mit. Nein, hier gibt es keine Trennung zwischen Job und Freizeit. Geradezu absurd klingt es doch, wenn sich Ermittlerin Mey einen attraktiven Bundeswehrfeldjäger in ihre Wohnung abschleppt und "Feierabend!" ruft, um ihn sich dann auf dem Küchentisch vorzuknöpfen.

Feierabend gibt es nämlich nicht, jedenfalls nicht für Mey, die beim Vernaschen des Feldjägers Thomsen (Benno Fürmann) das Nützliche mit dem Angenehmen verknüpft. Hat sie ihn doch vor dem Sex erst mal verhört über den aktuellen Fall, in dem es um einen ermordeten Afghanistan-Heimkehrer geht, der in Drogengeschäfte mit der russischen Mafia verstrickt gewesen sein soll und eben deshalb von den Feldjägern observiert wurde.

Auch eine Art, an Informationen zu kommen - obwohl der Feldjäger angesichts der aggressiven Kontaktanbahnung der Polizistin fast schon das Weite gesucht hätte. Morgens schnarcht sie so laut und selbstgefällig, dass sich ihr Spielgefährte von der kämpfenden Truppe schnell verdrückt. Ein Teufelskerl, diese Kommissarin.

Als sich Kollege Steier über ihre Recherchemethoden beschwert, kontert Mey ganz korrekt, dass eben jeder den Job auf seine Art mache: Steier stünde nun mal auf drei Flaschen Rotwein am Abend und Jazz, sie auf starke, athletische Männer, die leicht zu haben sind. So fügt sich eins zum anderen. Pumpende Bläsersätze, Rotwein-Suff und massive Östrogen-Ausschüttungen treiben die Handlung im schnell Tempo voran, erklärt wird nur das Nötigste, plausibel ist jede einzelne Szene. Die große Ausnahme im routinierten "Tatort"-Gelaber.

Darauf 'ne Kiste Rotwein.


"Tatort: Der Tote im Nachtzug", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Kostümbildner erschlagen !
Simax 18.11.2011
Zitat von sysopSex, Suff und pumpende Bläser:*Der neue Frankfurter "Tatort" hat einen*mitreißenden Rhythmus gefunden, meint Christian Buß - und begeistert mit einer Ermittlerin, gegen die selbst Feldjäger-Machos wie kleine Jungs aussehen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,798217,00.html
Dieses absolute Grauen an Jogginganzug ! Wer denkt sich so was aus ? iiiiiiiiiiiiihhgitt
2. alter Falter
snickerman 18.11.2011
Da habe ich wohl endgültig einen neuen Termin mit der Flimmerkiste. Benno Fürmann ist ja auch ziemlich attraktiv. (Sage ich als Hetero-Mann). Wenn die Kommissarin und Pathologe Prof. Boerne aufeinanderkrachen würden, heidewitzka, da würde der Bildschirm qualmen... und sich Karl-Friederich anschließend beim Thiel ausheulen gehn: "Sie hat mich nur benutzt!"
3. Die wöchentliche Tatortobduktion gib uns heute
README.TXT 18.11.2011
Lesen mal das von ihrem Kollegen Herr Buß: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,798592,00.html
4. Ahhh.... die Kunzendorf
Hupert 18.11.2011
Ich für meinen Teil freu mich auf Sonntag, Kunzendorf ist schlicht und einfach großartig.... das da Tatort drüber steht finde ich angesichts solch dramaturgisch und darstellerischer Katastrophen wie den Konstanzer schon fast beleidigend.
5. Ja, leider ...
quark@mailinator.com 18.11.2011
Zitat von SimaxDieses absolute Grauen an Jogginganzug ! Wer denkt sich so was aus ? iiiiiiiiiiiiihhgitt
Seh' ich auch so :-( ... Und überhaupt "Östrogen-Bombe" ???? Das is' jetzt 'ne neue Wortschöpfung oder ? Weil Sexbombe nicht paßt und eh Käse ist und paßt auch toll mal wieder mit dem Aberglauben, daß Testosteron der Anfang allen Übels ist ... Ist ja eh der Lauf der deutschen Krimis, daß die Männer immer trotteliger dargestellt werden, in jedem Fall älter sind und aufstrebend, positiv, etc. ... na was wohl ?
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.