Syrien-Drama im ZDF Alman, verirrt im Flüchtlingslager

"Spinnst du, ich bin Deutscher!" Ein Vater reist seinem Kind nach Syrien hinterher. Das ZDF-Drama "Für meine Tochter" ist eine One-Man-Show über weiße Privilegien - und macht die Flüchtlingskatastrophe zur Kulisse.

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"I am German", krächzt der Typ kraftlos, krallt sich am Zaun fest. "Let me in!". Der Bewaffnete auf der anderen Seite bellt: "Passport!" Doch den hat er längst nicht mehr. Geklaut. Und so steht Benno Winkler, verwitweter deutscher Apotheker - eingestaubt, Gesicht blutverkrustet, zerrissene Klamotten - in sengender Hitze vor einem Flüchtlingslager in der Türkei. Und kommt nicht rein.

Winkler (Dietmar Bär) rüttelt dort am Zaun, weil er seine Tochter Emma sucht. Sie ist in Syrien, um Menschen über die Grenze zu bringen. Wer nun aber erwartet, dass der Fernsehfilm "Für meine Tochter", der am Mittwoch im ZDF Premiere feiert, substanziell mit jener Tochter oder der Situation von Geflüchteten zu tun hat, geht fehl. Die junge Frau ist so inexistent im Film, dass ihre Darstellerin nicht mal eine Nebenrolle hat (aber einen Namen: Anna Herrmann), die Menschen auf der Flucht - und das ist das Schlimmste - werden zu Statisten degradiert.

Die Story-Zutaten sind zwar radikal auf Erkenntnisgewinn gebürstet, für Winkler, die Zuschauer oder - verrückte Idee - beide. Doch einziger Aha-Effekt: Der 90-Minüter ist versehentlich zum Lehrstück über das Wesen des privilegierten Mitteleuropäers geraten, der so an seinen Status gewöhnt ist, dass er nicht mal merkt, wenn der nichts mehr wert ist.

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"Für meine Tochter": Priviligierter weißer Mann

Das Beklemmende eines Helden in psychischer Ausnahmesituation filmisch zu zeigen - was Autor Michael Helfrich ("Die Ungehorsame") und Regisseur Stephan Lacant ("Toter Winkel") eigentlich drauf haben - verpufft hier. Und nein, die zehn ewig langen Minuten, in denen sie Winkler erschöpft in der Wüste umherirren lassen, helfen da nicht.

Wie Erkenntnis gelingen kann, haben der TV-Film "Macht Euch keine Sorgen", der erst im April in der ARD lief, oder der französische Kinofilm "Der Himmel wird warten" bewiesen: Auch hier Eltern-Kind-Dramen, in denen weiße mitteleuropäische Teenager nach Syrien abhauen - allerdings rekrutiert vom IS. So wird es dem weißen, gemütlich im Fernsehsessel fläzenden Publikum leicht gemacht, sich zu identifizieren. Ein Trick, der Vorurteile tatsächlich aufbrechen kann.

Um die Tochter geht es auch nicht

Doch in "Für meine Tochter" (Co-Autorin: Sarah Schnier) geht es nicht mal um die Flüchtenden. Nicht um ihre existenzielle Sorge, sich aufgemacht zu haben ins Woanders. Nicht um ihr eingezäuntes Dasein im riesigen Lager. Dass dort ein Vater und sein Sohn aus Homs richtig doll nett sind zu Winkler, ergo es auch echt doll nette Flüchtende gibt - im Ernst jetzt, das kann ja kaum die Einsicht sein, auf die die Autoren aus waren. Die Geflüchteten derartig zu marginalisieren, ist wirklich das Bitterste, was ein öffentlich-rechtliches Drama derzeit bieten kann.

Da hätte die Tochter auch in eine Robben-Aufzuchtstation in der Arktis abhauen können, festgehalten von Wilderern, der Vater sich Amundsen-mäßig durch Eis und Schneesturm und über Gletscherspalten quälen. Denn auch wenn der Titel anderes glauben macht: Um Emma geht es auch nicht. Nicht um ihre Muttertrauer, ihren Drang, im Kriegsgebiet zu helfen. Fünf Minuten, nachdem sie aufgetaucht ist, ist der Film vorbei.

Nein, das ist eine One-Man-Show über einen alten, weißen Typen, der ins Schwitzen kommt, weil sein privilegierter Hintern auf dem staubtrockenen Boden der Steppe in der brütenden Hitze liegt. Der selbst als er mit anderen aus Syrien durch ein Loch im Zaun in die Türkei flieht, immer weiß: Is ja nich existenziell.

Doch selbst diese Selbsterkenntnis-These mit Läuterungspotenzial taugt nur zwei, drei strauchelnde Schritte lang. Denn es gibt eben weder Selbsterkenntnis noch Läuterung. Stattdessen permanent Versionen von: "Sachma, spinnst du, ich bin Deutscher. Deutscher Staatsbürger!", "I am German, Alman", hustet Winkler entrüstet, um seinen Status in der Welt zu proklamieren. Hätte sich diese Haltung enthüllt als selbstgerechte Farce eines Typen, der in seinem Dasein nie infrage gestellt wird: geschenkt. Aber Fehlanzeige.

Der Gute ist am Ende lediglich erschöpft, glücklich, seine Tochter wiederzuhaben. Sie sitzen auf der Ladefläche eines Pickups, fahren davon, Abspann. Nur: wozu das Ganze dann? Vielleicht ja, um Dietmar Bär mal eine andere Figur als Kommissar Freddy "Hömma!" Schenk zu gönnen. Und in der Tat tut es gut, zuzuschauen, wie er sich freispielt. Der Kölner "Tatort" muss für ihn längst sein wie Busfahren. Dass er mal rauskommt, sei ihm von Herzen gegönnt. Nächstes Mal dann aber bitte in die Arktis.


"Für meine Tochter", Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF



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