Furioses Fernsehexperiment Faust hebt ab

Punkrock, Bildersuff, Bach-Choräle: Werner Fritsch, Deutschlands tollkühnster Dichter, sucht in seinem Drei-Stunden-Höllentrip "Faust Sonnengesang" den Weltgeist aus Weimarer Klassik und Geistertanz. Ein TV-Großereignis für abenteuerlustige Kulturbürger beim Spartenkanal BR-alpha.

Höllentripdichter Werner Fritsch: Kennt sich mit Cobain so gut aus wie mit Gründgens
BR/ Suhrkamp Verlag

Höllentripdichter Werner Fritsch: Kennt sich mit Cobain so gut aus wie mit Gründgens


Dieser Film ist der schiere Irrsinn. Er basiert auf der Idee eines deutschen Dichters der Gegenwart, endlich mal "da anzusetzen, wo Goethes 'Faust' aufhört". Haben wir darauf etwa schon immer gewartet?

Der Film zeigt in nicht weniger als 180 Minuten einen Rausch aus wilden Farbtupfern und idyllischen Naturbildern, aus wunderschöner Musik und großmächtiger Lyrik, die unter anderem von Starschauspielern wie Corinna Harfouch, Angela Winkler und Ulrich Matthes tadellos vorgetragen wird. Er handelt vom bewusstseinsprägenden Donnerhall moderner Rockmusik und von den Felsinschriften der ollen Ägypter, von den Merseburger Zaubersprüchen und von den Kindheitseindrücken eines Autors, in dessen Heimat in den Wäldern der Oberpfalz die Gespenster der Nazizeit bis heute aufs Lebendigste herumspuken.

"Faust Sonnengesang" heißt der Film, der heute zur Hauptfernsehzeit in einem öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsender ausgestrahlt wird. Und auch wenn es nur der Bildungs-Spartenkanal BR Alpha ist, den man sich beim Bayerischen Rundfunk hält, so ist diese Präsentation doch ein Kultur-Fernsehereignis erster Ordnung im neuen Jahr. Der Film versteht sich als "Filmgedicht" (Untertitel) und ist das Werk des 50-jährigen, oft preisgekrönten und doch nur mittelbekannten Dichters und Dramatikers Werner Fritsch.

Was läuft im Kopf ab, wenn der Mensch für immer die Augen schließt?

Der Dreistünder ist eine harte Prüfung und eine Offenbarung selbst für die hartgesottensten Arte- und 3Sat-Stammzuschauer. Denn soviel Beschwörung und Verzwirbelung, soviel Bildersuff und Wortbrunst, soviel Pathos und Grazie wie hier sucht man selbst in den experimentellen Spätprogrammen der Kulturspartensender sonst vergeblich.

"Es dreht die Welt sich im Kaleidoskop dieses Kopfes", heißt es zu Anfang des Films, wenn man anmutig verschwimmende Farbschlieren über den Fernsehschirm huschen sieht. Gleich darauf fängt die Kamera die Lichter am Rand einer Autobahn ein, aus dem Bordradio erklingen Bach-Choräle. Tatsächlich will Werner Fritsch, der ein bewunderungswürdiger Einzelgänger unter den deutschen Schriftstellern ist und sicher, seit Heiner Müller tot ist, der großmäuligste lebende deutsche Dichter, tatsächlich also will dieser Fritsch zeigen, was "im Kopf eines Menschen abläuft, wenn er für immer die Augen schließt". Dieser Mensch, der Held des Films, ist einerseits Fritsch selbst, andererseits Goethes Doktor Faustus. Gemeinsam nehmen sie sich die Freiheit, eine Art Lebensschnelldurchlauffilm zu komponieren - ein Konglomerat, so Fritsch, all "derjenigen Augenblicke und Träume, zu denen man sagen will: Verweile doch, du bist so schön!"

Strände, Schamanen, Nazi-Gespenster

Der berühmteste "Sonnengesang" der Literaturgeschichte ist ein Gebet des heiligen Franz von Assisi aus dem 13. Jahrhundert, in dem der brave Mönch dem Herrgott für Luft und Wasser und Erde und den Rest seiner Schöpfung recht herzlich dankt.

Der "Faust Sonnengesang" des Filmemachers Fritsch zeigt nun schlingernde Wasserpflanzen in einem Bach und brennende Buchseiten, Lavaströme und schneebedeckte Baumwipfel. Es tauchen indische Menschen darin auf und nordische Lieder, ein Kindheitsfoto des Autors und der Hof seiner Eltern, kalifornische und neuseeländische Strände, ein gehörnter kleiner Schamane und eine Art fliegender Derwisch, der in großer Höhe als Schattenwesen über den Landschaften der Welt schwebt. Zwischendurch wird gerockt und geopert und gebildungshubert, was das Zeug hält. Einmal, nach etwa 150 Minuten, legt sich auch einfach eine Hand auf einen beleuchteten Zimmerglobus.

Fritsch hat bisher Stücke über die Sängerin Nico und über Kurt Cobain geschrieben, er hat sich für seine Gedichte und Theaterarbeiten mit der Bundeswehr und den Nazi-Konzentrationslagern, mit Gustaf Gründgens und mit Emmy Göring beschäftigt, er hat einen Riesenroman über die Erinnerungen des bayerischen Knechts Wenzel ("Cherubim") verfasst und über die Welt in Wenzels Hirn den Film "Das sind die Gewitter in der Natur" gemacht.

Es ist nicht wichtig, ob man Fritsch für einen Avantgardisten von gestern oder von morgen hält (worüber sich vor allem die Literaturkritiker streiten). Es ist egal, ob man seine Bilderflut als grelle Überforderung oder als üppiges Geschenk begreifen will. Es ist gleichgültig, ob man die Gesamkunstwerks-Attitüde dieses Filmemachers und Regisseurs und Autors für größenwahnsinnig hält oder für genial.

Denn das Verblüffende an Fritschs Film ist der sanft fließende Zauber, der sich sehr schnell beim Betrachten einstellt, der zarte Gleichmut, der sich noch über die schärfsten Worte und die bizarrsten Bilder legt wie ein verklärender Nebel. "Meine Arche ist aus Jenseits gezimmert", hört man die Stimme von Ulrich Matthes kurz vor dem Ende dieses großartigen Höllentrips sagen. Und vielleicht begreift man erst da richtig, wie stark dieser bunte, wirre, vielstimmige Bildergesang geprägt ist von christlicher Erlösungssehnsucht. Und von einer Hoffnung, die den meisten modernen, ihren Verstand benutzenden Menschen zumindest vor den Sekunden seines Ablebens gründlich verwehrt ist.

Haben sie doch zu Lebzeiten, wie der Dichter Fritsch es ausdrückt, nur "das Blei der Buchstaben im Kopf - und Bilder eines bleiernen Horizonts."


"Faust Sonnengesang", Donnerstag, 20.15 Uhr, BR-alpha



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