Fußball-Doku "The Other Chelsea" Oligarchen auf dem Bolzplatz

In seiner Dokumentation "The Other Chelsea" erzählt Jakob Preuss anhand des Fußballclubs Schachtjor Donezk über die Verwerfungen in Osteuropa. Vielsagende Einblicke in die ukrainische Aufsteigerschicht gelingen ihm dabei - am Versuch, einen Fußballfilm zu machen, scheitert der Filmemacher allerdings.

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Es ist die uralte Geschichte von Reich und Arm. Von Überfluss und Mangel. Von Schampus und Wodka. Von VIP-Tribüne und Stehplatz. Es ist die Geschichte von Kolya und Sasha. Filmemacher Jakob Preuss erzählt sie in seinem Dokumentarfilm "The Other Chelsea", den das ZDF in der Nacht zu Dienstag ab 0.20 Uhr zeigt.

Kolya und Sasha haben eigentlich nur zwei Dinge gemeinsam. Beide leben in der ukrainischen Metropole Donezk, und beide sind Fans des Fußballclubs Schachtjor Donezk. Alles andere trennt sie. Kolya hat es mit 28 Jahren schon zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Man fragt besser nicht, wie. Er selbst nennt sich Bauunternehmer, vorrangig jedoch bastelt er als Präsident des Stadtrats an seiner politischen Karriere. Sein Frühstück lässt er sich von einer Köchin in seinem überladenen Esszimmer auftischen. Anschließend bringt ihn der Chauffeur ins Büro. Auf dem Rücksitz seines Straßenkreuzers sinniert Kolya über die große Politik: "Bei euch in Europa schützt die Justiz die Regierung und die Opposition. Bei uns nur die, die an der Macht sind. Wer die Wahl verliert, geht ins Gefängnis." Er lässt keinen großen Zweifel daran, dass er dies auch völlig in Ordnung findet.

Sasha hat 30 Jahre in der Mine des Kohlekombinats als Kumpel geschuftet. Jetzt, mit 55, hat er einen Job in der Schreibstube ergattert. Mit der einst staatlichen Mine geht es abwärts, windige Investoren haben mittlerweile das Sagen, die Jobs sind in Gefahr. Sashas Leben spielt sich zwischen Sofa und Fußballplatz ab. Mehr Abwechslung gibt's nicht. Kolya kennt er nur aus dem Lokalfernsehen, wenn der Stadtratspräsident in Talkshows gegen den westlichen Einfluss und die orangenen Revolutionäre im fernen Kiew wettert. Donezk ist fest in der Hand der Konservativen, 93 Prozent haben bei der Wahl 2004 für deren Kandidaten Janukowitsch gestimmt. Janukowitsch ist regelmäßiger Gast bei Schachtjor-Heimspielen.

Zwei Welten, die sich ausschließlich im Stadion begegnen - dennoch ist "The Other Chelsea" alles andere als ein Fußballfilm. Die Europacup-Saison von Schachtjor, die der Club mit dem Gewinn des Uefa-Cups 2009 krönte, ist nur Beiwerk am Rande, bietet den Anlass für Preuss, um über die Verwerfungen in Osteuropa zu erzählen, über die krassen Gegensätze, die das Leben in der Ukraine bestimmen.

Schachtjor bleibt nur Beiwerk

Das ist gleichzeitig Vor- und Nachteil des Films. Mit den Bildern aus dem Leben des Karrieristen Kolya, der im Luxus schwelgt, aber gleichzeitig klagt, wie sehr er und die Ukraine unter der orangenen Revolution zu leiden haben, gelingen Preuss Einblicke in eine Gesellschaftsschicht von Aufsteigern, denen ganz egal ist, was um sie herum passiert. Hauptsache, ihnen geht es glänzend und das Handy funktioniert. Kolyas großes Vorbild ist der Donezker Oligarch Rinat Achmetow, Milliardär und Präsident von Schachtjor. Für Kolya wäre es das Größte im Leben, in Achmetows VIP-Loge aufgenommen zu werden. Daran arbeitet er. Bisher hat der Mäzen ihn allerdings noch nicht wahrgenommen.

Aber so wie Kolya Achmetow nur aus der Distanz bewundern darf, so bleibt auch der Film allem, was die Innenverhältnisse Schachtjors angeht, fern. Was nicht nur daran liegt, dass Preuss aufgrund der komplizierten Rechteverhältnisse im Fußball keine bewegten Bilder von den Europacup-Triumphen Donezks zeigen kann. Die Faszination, die Schachtjor auf so unterschiedliche Typen wie Kolya und Sasha ausübt, die flirrende Atmosphäre eines Fußballabends, die Rolle, die der Donezker Spitzenclub auch als politisches Kampfinstrument in der Ukraine einnimmt - all das bleibt bei Preuss sinnlich nicht nachvollziehbar. Von daher ist auch der Titel "The Other Chelsea", der Parallelen zu dem englischen Premier-League-Club und dessen russischen Mäzen Roman Abramowitsch suggeriert, irreführend. Der Film erzählt nichts darüber.

Das ist schade, da Preuss' Film durchaus gute Ideen hat. Der Einfall, immer wieder mit Zeichentrick-Elementen zu arbeiten, gehört dazu. Ein netter Gimmick, der allerdings die inhaltlichen Schwächen nicht verdeckt.

Stattdessen behilft sich der Autor mit betulichen und papiernen Off-Kommentaren. Als die Mine wieder einmal vor ihrem Aus steht und die Arbeiter über einen neuen Investor abstimmen müssen, kommentiert Preuss: "Schachtjor steht im Achtelfinale. Kommt auch der Schacht eine Runde weiter?" Später fragt er: "Was werden die Geschichtsbücher über die ukrainischen Rockefellers schreiben?" Tja, wir werden sehen.

So bleibt nach 90 Minuten die letztlich eher banale und sattsam bekannte Erkenntnis: Die Umwälzungen im Osten haben einige Leute märchenhaft reich gemacht. Die meisten jedoch müssen jeden Tag um ihre kleine Existenz kämpfen. Ein neues Kapitel einer uralten Geschichte. Mehr nicht.


"The Other Chelsea", 0.20 Uhr, ZDF



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mep 28.06.2011
1. Und wer...
...sich wundert, dass in diesem Artikel nicht mal die Tatsache erwähnt wird, dass "The Other Chelsea" gerade erst den Max Ophüls Preis 2011 (Dokumentarfilm) gewonnen hat nutzt hoffentlich die (leider recht seltene) Chance, den Film noch im Kino zu sehen bzw. hat sich (ebenso hoffentlich) vom 'tiefnächtlichen' Ausstrahlungstermin im ZDF nicht abschrecken lassen ! Der Lohn (für die Kinosuche oder die verkürztze Nachtruhe): ein schlicht hervorragender Film (nicht nur aber auch) über das Dreieck Politik, Wirtschaft und Sport. Habe ihn zweimal im Kino gesehen und warte jetzt auf das Erscheinungsdatum der DVD - es lohnt sich !
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