Sat.1-Spielshow mit Bülent Ceylan Kurz und schmerzhaft

RTL-Comedian Bülent Ceylan heuert für die Albernheit-Olympiade "Game of Games" bei Sat.1 an. Das Schönste an seiner neuen Show: Sie dauert nicht sehr lange.

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Es gibt zwei einfache Tests, mit denen Sie herausfinden können, ob Sie das geeignete Publikum für Bülent Ceylans neue Show "Game of Games" sind. Erstens: Beobachten Sie aufmerksam Ihre Reaktion darauf, wenn der Moderator, verkleidet als leicht dümmlicher Comedy-Charakter, eine Zuschauerin mit den Worten "Sie sehe aus, als müsste Se brunze!" bittet, kurz aufzustehen - finden Sie das lustig?

Zweitens: Bitten Sie eine Vertrauensperson, zwei Topfdeckel sehr nah neben Ihren Ohren beherzt zusammenzuschlagen und dazu irre zu kreischen - halten Sie das für "gute Stimmung"? Falls Sie nicht beide Fragen zögerfrei mit Ja beantwortet haben: Vielleicht lieber nicht einschalten.

"Game of Games" ist Ceylans Einstand bei Sat.1, dafür verließ er seinen bisherigen Haussender RTL. Eingekauft wurde das Format, das Sat.1 noch an fünf weiteren Samstagen zeigen will, aus den USA, wo Ellen DeGeneres durch die exakt gleichen, betont albernen Spielchen aus der Kategorie "Mild-sadistischer Kindergeburtstag" führt: Zwei Kandidaten werden mit einem Gummiseil aneinander gebunden und müssen in entgegengesetzten Richtungen mit dem Mund nach Äpfeln schnappen.

Sie müssen an aufgespannten Regenschirmen ziehen und sich von einem Wasserschwall komplett durchnässen lassen, wenn sie dabei nicht den einzigen erwischen, der sie mit goldigem Flitterriesel in die nächste Runde schickt. Sie hantieren an den Zähnen eines überdimensionierten Kroko Docs, sie glitschen als Paarklumpen in einem Schaumbad herum, sie müssen um die Wette Puzzles lösen und werden, wenn sie zu langsam sind, an Seilen quer durch die Halle geschleudert.

Erfreulich zügig

Aus diesen betont albernen fünf Spielchen der Vorrunde werden die Viertelfinal-Teilnehmer ermittelt, das ist mittelprächtig unterhaltsam, wird aber erfreulich zügig abgewickelt: Nach einer ganzen Reihe elefantesk aufgeblasener Vier-Stunden-Shows ist dieses klassisch eineinhalbstündige Format eine wirkliche Wohltat.

Leider werden die Spielchen von Kandidaten bestritten, die allesamt wirken, als hätte man klassisches Neunzigerjahre-Spielshow-Publikum eingefroren und mit intravenösen Gaben von vergorenen Alkopops wieder aufgeweckt: Sie kreischen und krakeelen, springen Ceylan an, zeigen enthusiastische Unterleibstänze und wedeln mit den Armen in der Luft, als habe man sie - wie diese aufgeblasenen Winkschlauchwesen an Autohäusern und Tankstellen - von unten her mit Heißluft aufgepumpt.

Das macht es schwer zu glauben, dass dieses Ausrastepersonal tatsächlich spontan aus dem Saalpublikum rekrutiert wird, zumal die Kandidaten im Ellen-Original ganz ähnliches Völlig-drüber-Gebaren zeigen. Welch glücklicher, durch und durch glaubhafter Zufall auch, dass Bülent Ceylan völlig spontan ausgerechnet eine Kandidatin auswählt, die in einer Twerk-Tanzgruppe aktiv ist und erst einmal bürzelreckend auf dem Boden herumturnen muss!

Leicht lahmendes Zirkuspony

Die Druffikandidaten nerven jedenfalls kolossal, und man muss tatsächlich auch glühender Bülent-Ceylan-Fan sein, um nach dem dritten "Ich bin ein Türke und spreche Mannheimer Dialekt, ist das nicht verrückt?"-Witz nicht die Nerven zu verlieren. "Wer hier bestehen will, muss bereit sein, sich zum Horst zu machen, notfalls sogar zum Horst Seehofer" ist tatsächlich der beste Witz des Abends.

Der Rest ist fortwährende Variation eines einzigen, nicht besonders lustigen Gedankens: Haha, ihr kommt extra hierher, um über einen Türken zu lachen, obwohl ihr Türken sonst eigentlich gar nicht besonders gern mögt!

Wie ein halsstarriges, leicht lahmendes Zirkuspony, das eben nur diese eine Nummer kann und sich weigert, eine andere zu lernen, trabt Ceylan durch den Abend und lacht immerhin - Ehrenmann! - durchaus glaubwürdig am lautesten, wenn bei seinen Spielen irgendwer ausrutscht, mit verbundenen Augen herumkrabbeln muss oder sonstwie slapstickhaft niederste Lachinstinkte bedient.

Hauch vom "Donnerlippchen"-Vollstreckergeist

Wie einem etwas groben, aber zügig arbeitenden Zahnarzt muss man ihm zugute halten: Es geht schnell. Aus den fünf Vorrunden-Siegern sortierten zwei Runden Stuhlpolonaise mit verbundenen Augen und versenkbaren Stühlen die vier Kandidaten für das Halbfinale aus, eine klassische Quizrunde mit denkbar lahmen Fragen: Wie heißt der Hund von Obelix? In welchem Wettbewerb können Profifußballer den sogenannten Henkelpott gewinnen? Wofür steht die Abkürzung "M+S"? "Matsch und Schnee! Matsch und Schnee! MATSCH! UND! SCHNEE!", kreischt einem Kandidatin Barbara wie eine Exorzistin sämtliche Sympathiereste aus dem Leib und schafft es so in die letzte Runde.

Wer seine Frage falsch beantwortet, wird übrigens via Falltüre in einen Schacht entsorgt, und ein Hauch vom "Donnerlippchen"-Vollstreckergeist weht durch die Sendung.

Das Finale dauert dann wunderbarerweise nur 30 Sekunden, in denen Barbara optimalerweise zehn Prominente auf Fotos identifizieren muss, bis zu 50.000 Euro kann sie gewinnen, je nachdem, wie viele sie schafft. Sie erkennt nur Til Schweiger, Diane Kruger und Heike Makatsch - und gewinnt 3000 Euro. Zum ersten Mal an diesem Abend muss man herzlich lachen. Es ist nicht immer schön, was das Fernsehen aus einem macht.



insgesamt 14 Beiträge
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dasfred 15.09.2018
1. Ja, wir haben die gleiche Sendung gesehen
Exakt so wie beschrieben. Eigentlich bin ich ja für schnelle kurze witzige Effekte zu haben. Ich konnte mich ewig lang beömmeln, wenn bei Takeshis Castle die Leute reihenweise ins Wasser fielen, aber diese lichten Momente wurden vom falschen Moderator und wie so treffend von Frau Rützel beschriebenen überdrehten Publikum zunichte gemacht. Bülent Ceylan kann besseres, als diese Show und die Show muss noch für den deutschen Markt modifiziert werden. Aber sie hat wenigstens Stoff für unsere Samstag morgen Unterhaltung bei SPON geliefert.
Charlie Whiting 15.09.2018
2. Ich habe
kurz reingeschaut und habe eine Spielshow von vielen gesehen denen ich nichts abgewinnen kann. Bei Geld oder Liebe waren die Spiele wesentlich origineller und die Leute mussten sich nicht zum Affen machen. Tja, typisch Sat1 möchte man sagen. Und dann noch parallel zu WWM. Ziemlich vergeigt.
Affenhirn 15.09.2018
3. Wer einmal Bülent Ceylan gesehen hat
Wer einmal Bülent Ceylan gesehen hat, der weiß doch, was ihn erwartet. Was soll dann diese Jammerkritik?
tulu01 15.09.2018
4. 50.000?
dafür (also lediglich die Chance) macht man sich öffentlich zum Obst, während man woanders mehr Geld für schlichtes "Wissen" bekommt. das sagt so ziemlich alles über die Kandidaten was man wissen muss. das die "Gewinnerin" nur mit 3000 nach Hause ging ist so ziemlich das witzigste an der ganzen Sendung.
Proggy 15.09.2018
5. Keine Mogelpackung
Wer Bülent Ceylan einschaltet, der bekommt eben auch nur Bülent Cyelan Niveau. Somit ist die Sendung keine Mogelpackung. Was hat der entäuschte Zuschauer erwartet - intellektuelle Moderation, smarten, hintergründigen Humor - Hey, Bülend ist kein Jürgen von der Lippe! Eher so ein Mix aus Mario Barth und Enissa Amani, nur mit schöneren Haaren.
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