Sex und Gewalt Warum türkische Kadetten auf "Game of Thrones" verzichten müssen

Sibel Kekilli in "Game of Thrones": Unerwünscht beim türkischen Militär
RTL II

Sibel Kekilli in "Game of Thrones": Unerwünscht beim türkischen Militär

Von


Zu viel Sex, zu viel Gewalt, zu viel Missbrauch: Die türkische Armee hat ihren Rekruten verboten, "Game of Thrones" zu gucken. Das ist weit mehr als eine Verbannung aus Westeros.

"Arme wurden abgehackt, Bäuche aufgeschlitzt, es gab keinerlei medizinische Versorgung der Verwundeten, die Opfer lagen schreiend in Seen von Blut und verendeten qualvoll." George R.R. Martin, Schöpfer der Romanvorlage von "Game of Thrones", spricht anschaulich darüber, wie er sich die Kriege des Mittelalters vorstellt. Er habe diese Schrecknisse wiedergeben wollen, sagt er im SPIEGEL-Interview, schließlich "gibt es ja auch eine Schönheit des Krieges".

Auf die Schönheit des Schlachtens müssen junge Soldaten in der Türkei künftig verzichten; jedenfalls sollen sie das. Denn auf dem Fantasie-Kontinent Westeros wird blutiger gestorben (und häufiger kopuliert), als es den Zensoren lieb ist. Mehreren Berichten zufolge hat die Armeeführung neue Vorschriften erlassen und damit Serien wie "Game of Thrones" aus den Militärakademien des Landes verbannt. Demnach darf nichts mehr gezeigt werden, was Pornografie abbildet, sexuelle Ausbeutung, Missbrauch, Exhibitionismus oder sonstwie negatives Verhalten.

In der Türkei gibt es häufiger Zensurmaßnahmen, es gilt ein strenges Internetgesetz. Die herrschende AKP und Präsident Recep Tayyip Erdogan haben die Kontrolle des Netzes in den vergangenen Jahren immer weiter vorangetrieben. Das Vorgehen der Armeeführung ist aber von besonderer Qualität.

Fotostrecke

9  Bilder
Neue Staffel "Game of Thrones": Endlich geht das Kämpfen weiter
Das türkische Militär galt lange als Verteidiger des Kemalismus, der eine strikte Trennung von Staat und Religion vorsieht. 1997 putschten die Militärs noch den ersten islamistischen Premier Necmettin Erbakan von der Refah-Partei aus dem Amt. Mittlerweile ist der Einfluss der alten Eliten jedoch geschrumpft, Hunderte Offiziere wurden über die Jahre verhaftet und abgeurteilt.

Jetzt sollen junge Rekruten in den Akademien sogar eine Islam-Basisausbildung bekommen, wie unter anderem "Hürriyet" berichtet, samt Koranstudium und Einheiten zum Leben des Propheten Mohammed. Nicht nur ein Blogger der "Washington Post" sieht darin einen weiteren Hinweis auf die fortschreitende Islamisierung des türkischen Gesellschaft.

Allerdings war "Game of Thrones" auch früher schon nicht gern gesehen beim türkischen Militär. Im Jahr 2012 wurden vier Offiziere aus Izmir strafversetzt, weil sie Folgen der Serie ihren Rekruten zeigten. Damals ging es den Zensoren, so schrieb ein "Hürriyet"-Autor, aber nicht so sehr um die dargestellte Gewalt. Vielmehr fanden sie, es werde Türkentum beleidigt. Mit welchem der Völker aus Westeros sie die Türkei in Verbindung brachten, blieb jedoch unklar.

Absolut nichts damit zu tun hat die Tatsache, dass Erdogan vor kurzem seinen neuen Präsidentenpalast bezog. Einen eisernen Thron gibt es dort bislang nicht.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark@mailinator.com 11.11.2014
1.
Tja, die Sache mit dem Tabu ... westliche Medienproduktion ist im Prinzip der ständige Tabubruch, vor allem um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das hat dazu geführt, daß viele Dinge, die früher tabu waren nun "normal" sind. Was da an aufgeschnittenen Leichen etc. zu sehen ist, Gewalt im feinsten Detail, etc. ... ist aus meiner persönlichen Sicht absolut nicht mehr normal. Und was den Sex angeht - was da heute z.T. läuft, wäre früher als Porno bezeichnet worden. Mir ist all das ziemlich zuwider. Zumal sich die entsprechende Verrohung auch darin äußert, daß Gewaltverbrechen immer brutaler und unpersönlicher werden. Es ist also verständlich, wenn andere Kulturen dies skeptisch sehen und dies nicht haben wollen. Ein Verbot wird allerdings kaum viel bewirken können.
humpalumpa 11.11.2014
2.
Naja sooo Unrecht haben die damit ja nicht. Ich habe eine Folge davon angeschaut und war echt auch baff, wie voll das mit Gewalt, Missbrauch, etc... Ist. Also behagliches Fernsehen ist was Anderes. Klar, wenn die Regierung meint, dass ihre Kadetten vielleicht nah am Wasser gebaut sind und sie Ihnen diesen Schund lieber nicht zumuten wollen, finde ich das für erwachsene Menschen zwar recht bevormundend, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Sendung echt krank ist, irgendwie verständlich.
schweinespirale 11.11.2014
3.
Hoouu, was für eine Nachricht!
Barath 11.11.2014
4.
"Zumal sich die entsprechende Verrohung auch darin äußert, daß Gewaltverbrechen immer brutaler und unpersönlicher werden." Können sie das auch irgendwie belegen? Ich bezweifle das nämlich. Nur wird heute halt auch genauso im Detail über die Verbrechen berichtet. Fritz Haarmann kannte das Lied von Eis und Feuer nicht...
syracusa 11.11.2014
5.
Ich stimme dem Beitrag von quark@mailinator.com zu: der Zwang, ständig großes Publikum zu erreichen, geht zwangsläufig einher mit einer Verflachung des intellektuellen Niveaus, Blut- und Gewaltorgien und einer zunehmenden Pornographisierung. Pornographisierung drückt sich aber nicht zwingend durch Detailansichten kopulierender Körper aus, sondern durch Überschreiten von Intimgrenzen. Diese Grenzüberschreitungen kann man im Privat-TV auch ständig bei angezogenen Personen erleben. Zumindest im frei empfangbaren Massen-TV sollte IMO sowas unterbunden werden, weil die schädlichen Auswirkungen dieser Grenzüberschreitungen auf die Gesellschaft mittlerweile doch recht offenbar werden. Wir haben Medienaufsichtsanstalten, die hier leider ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.