#MeToo Ex-"Tatort"-Koordinator Henke zieht Klage gegen Charlotte Roche zurück

Der frühere WDR-Filmchef Gebhard Henke verklagte Charlotte Roche und den SPIEGEL, weil sie Vorwürfe sexueller Belästigung gegen ihn öffentlich gemacht hatten. Jetzt werfen ihm sieben weitere Frauen Übergriffe vor.

Gebhard Henke
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Gebhard Henke

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Neun Monate ist es her, dass sechs Frauen dem langjährigen Tatortkoordinator und früheren WDR-Filmchef Gebhard Henke, 63, im SPIEGEL vorwarfen, sie sexuell belästigt zu haben. Henke habe sie betatscht und begrapscht, sie an den Po oder an den Bauch gefasst, angedeutet, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartet.

Nur die Schauspielerin Nina Petri und die Autorin und Moderatorin Charlotte Roche gingen mit ihrem Namen an die Öffentlichkeit. Roche beschrieb im SPIEGEL damals, wie Henke sie bei einer Veranstaltung begrüßte: "Er gab mir die rechte Hand und legte mir die linke gleichzeitig fest mitten auf den Po." Sie habe versucht, sich wegzubewegen, doch er habe sich mitbewegt, sagte sie. "Das war schlimm und dauerte gefühlt ewig." Petri berichtete von anzüglichen Sprüchen.

Charlotte Roche sagt, Gebard Henke habe sie in der Öffentlichkeit betatscht
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Charlotte Roche sagt, Gebard Henke habe sie in der Öffentlichkeit betatscht

Die anderen vier blieben anonym. Um sich und ihre Familie zu schützen. Um ihre Karriere nicht zu gefährden. Und um nicht als Lügnerinnen abgestempelt und juristisch belangt zu werden.

Diese Befürchtungen sollten sich bewahrheiten. Denn Henke ging in die Offensive und klagte, nicht nur gegen den SPIEGEL, sondern auch gegen Charlotte Roche persönlich.

All das, nachdem er sich mit dem WDR außergerichtlich geeinigt hatte. Der Sender hatte Henke fristlos gekündigt, nachdem sich dort ein Dutzend Frauen gemeldet hatten. Auch da klagte Henke, einigte sich aber wenige Stunden vor dem Gerichtstermin außergerichtlich. Über die Bedingungen sollten alle Beteiligten Schweigen bewahren.

Laut Henkes eigener Klageschrift wurde er aber "wirtschaftlich weitgehend so gestellt, wie er stünde, wenn sein Dienstverhältnis bis zum Eintritt in den Ruhestand fortgesetzt würde". Heißt: Henke arbeitet zwar nicht mehr, hat deshalb aber kaum finanzielle Einbußen. Der WDR hat sich auf Anfrage bislang nicht dazu geäußert.

In einem großen Interview mit der "Zeit" beteuerte Henke auch nach der Kündigung seine Unschuld, schimpfte gegen WDR und SPIEGEL. Es habe keine Übergriffe oder sexuelle Annäherungen gegeben, doch sein Ruf sei jetzt ruiniert. Sein Anwalt, der beim Interview anwesend war, bezeichnete die anonymen Zeuginnen als "frustriert", weil sie nicht mehr besetzt, ihre Drehbücher nicht angenommen würden.

Etwa zur gleichen Zeit verklagte Henke Charlotte Roche und den SPIEGEL und forderte, die Vorwürfe gegen ihn in der Öffentlichkeit nicht zu wiederholen. Falls man sich nicht daran halte, drohe ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro oder Ordnungshaft. Vom SPIEGEL und den Autorinnen des Textes verlangte er darüber hinaus eine Entschädigung von 100.000 Euro, weil der Artikel das "berufliche Ansehen" und die "persönliche Ehre" Henkes "vernichte".

Heftige Angriffe gegen Charlotte Roche

Henke versuchte auch, die Zeuginnen und die Journalistinnen zu diskreditieren. So behauptete sein Anwalt etwa, eine der Autorinnen des SPIEGEL habe die Zitate der anonymen Frauen "frei erfunden". Die Existenz von Tonbändern der Gespräche mit den Zeuginnen, deren Abschriften der SPIEGEL inklusiver eidesstattlicher Versicherung bei Gericht eingereicht hatten, stellten sie infrage. Außerdem raunte er: "Der SPIEGEL und die Spitze des WDR arbeiten gegen den Kläger kollusiv zusammen."

Die Angriffe gegen Charlotte Roche waren besonders heftig. So sprachen Henke und sein Anwalt in der Klageschrift von einer "buchstäblich irren Vorstellung" und behaupteten, dass es "physisch gar nicht möglich" sei, dass er Roche in aller Öffentlichkeit gleichzeitig die Hand geschüttelt und an den Po gefasst habe, ohne dass es Zeugen gegeben habe. Seine Anwälte schlugen den Richtern gar vor, die Szene vor Gericht oder am Ort des Geschehens, dem Kino Astor in Köln, nachzustellen. Außerdem sei es "nicht glaubhaft", dass die Autorin des Romans "Feuchtgebiete" diesen "nach ihrer Darstellung doch einigermaßen massiven Übergriff" nicht zurückgewiesen habe.

In einem weiteren Schriftsatz vom vergangenen Dezember wurden sie noch persönlicher. Dort findet sich ein ganzes Kapitel mit dem Titel "Zur Glaubwürdigkeit der Beklagten". Darin breitete Henkes Anwalt seitenlang aus, wieso Roche "geradezu süchtig nach öffentlicher Aufmerksamkeit" sei. Sie sei als Kronzeugin im SPIEGEL aufgetreten, um Aufmerksamkeit auf ihre Kolumne beim "SZ Magazin" zu lenken, die kurz vor dem Artikel startete. Davor sei sie jahrelang erfolglos gewesen, was man ihrem Wikipedia-Eintrag nur unschwer entnehmen könne, so Henkes Anwalt.

Er bezeichnete sie ebenfalls als "sündenstolze Lügnerin". Als Beleg dafür sollte eine Geschichte dienen, die Roche 2007 dem Fernsehmoderator Harald Schmidt in dessen Sendung erzählte - und die sich auf eine Begebenheit aus dem Jahre 1990 bezieht. Im Alter von zwölf Jahren hatte Roche gelogen, um eine Lateinarbeit nicht schreiben zu müssen.

Sieben weitere Frauen werfen Henke Belästigung vor

"Ich hatte echt Angst, dass er gewinnt und ich und die anderen Frauen als Lügnerinnen dastehen", sagt Roche jetzt dem SPIEGEL. "Ich wäre bei meiner Version geblieben und dafür ins Gefängnis gegangen."

Trotz schwebendem Verfahren erzählte sie im November in der Talkshow von Markus Lanz, dass sie von Henke verklagt worden sei und dass der Prozess demnächst anstehe. "Das war ein Wendepunkt", sagt Roche. Danach hätten sich nochmals neue Betroffene bei ihr gemeldet, die bislang weder mit dem WDR noch mit dem SPIEGEL gesprochen hatten, so Roche. Sie hätten ihre Hilfe angeboten.

Henke ahnte bis zuletzt offenbar nichts davon. Nur wenige Tage vor der Verhandlung reichte sein Anwalt weitere Unterlagen bei Gericht ein, in denen er wieder seitenweise behauptete, dass die Berichterstattung im SPIEGEL erfunden sei und die Autorinnen lügen. Doch zwei Tage vor der Verhandlung, am vergangenen Montag, erreichte das Gericht - und damit auch Henke - ein Schriftsatz von Roches Anwalt, der es in sich hatte. Darin erhoben sieben weitere Frauen Vorwürfe gegen Gebhard Henke. Wieder ging es um anzügliche Bemerkungen, um Po-Grapscher in aller Öffentlichkeit, um Hände auf dem Oberschenkel und um ungewollte Küsse.

Alle sieben Frauen gaben die Erklärungen unter Angabe ihres vollen Namens ab. Es sind sehr erfolgreiche Frauen aus der Filmbranche dabei - Professorinnen, Regisseurinnen, eine Produzentin und eine WDR-Mitarbeiterin. Dem SPIEGEL liegen die Unterlagen vor, auf Wunsch der Frauen werden ihre Namen nicht veröffentlicht.

Keine 24 Stunden vor der Verhandlung zog Henke seine Klage dann zurück. Charlotte Roche darf also weiter sagen, von Gebhard Henke am Po begrapscht worden zu sein. Und der SPIEGEL darf weiter über die Vorwürfe der sexuellen Belästigung berichten, die Henke weiter bestreitet. Auf eine offizielle Begründung, weshalb er doch nicht gerichtlich gegen die Berichterstattung vorgeht, verzichtete Henke.



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