SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Juli 2018, 18:33 Uhr

Vorwürfe sexueller Übergriffe

Gebhard Henke fühlt sich unschuldig

Frauen werfen Gebhard Henke vor, er habe sich ihnen unangemessen genähert. In einem Interview hat der ehemalige Fernsehspiel-Chef des WDR Stellung bezogen: Henke sieht sich als Bauernopfer.

Der ehemalige Fernsehspiel-Chef des WDR, Gebhard Henke, fühlt sich angesichts von Vorwürfen sexueller Übergriffe und Machtmissbrauchs unschuldig. Das sagte er in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Wörtlich sagte Henke: "Ich bin mir keiner derartigen Handlung bewusst. Ich bin keiner, der etwas gegen den Willen einer Frau tut, das passt nicht in mein Welt- und Frauenbild. Das bin ich nicht."

Mitte Juni hatte die ARD-Anstalt Henke aufgrund von Vorwürfen sexueller Belästigung und des Machtmissbrauchs fristlos gekündigt. Henke war rechtlich gegen die Kündigung vorgegangen, doch am Montag einigten sich beide Parteien außergerichtlich.

Henke beschuldigt in dem Interview seinen Ex-Arbeitgeber, anonyme Anschuldigungen gegen ihn übernommen zu haben, ohne diese geprüft zu haben: "Niemand sagt mir: Wer? Wann? Wo? Wie soll ein Mensch sich denn dagegen verteidigen?"

"Ich bin erschüttert"

Im Mai hatten sechs Frauen - zum Teil anonym - Gebhard Henke im SPIEGEL vorgeworfen, sie belästigt zu haben. Sie seien von Henke betatscht und begrapscht worden, er habe sie an den Po oder an den Bauch gefasst, wie er angedeutet habe, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartete oder sei immer wieder aus seiner professionellen Rolle gefallen.

Die Vorwürfe reichen von 1990 bis mindestens 2015. Die Namen aller Frauen sind dem SPIEGEL bekannt. Die Kündigung erfolgte, nachdem zehn Frauen beim WDR Vorwürfe gegen Henke geäußert hatten.

Henke sieht sich als Bauernopfer. Der WDR habe bei ihm durchgegriffen, weil er in der Vergangenheit dem Verdacht sexueller Übergriffe in anderen Fällen nicht hinreichend nachgegangen sei. Henke: "Deshalb sind Intendant und Fernsehdirektor nun unter Druck, und den Dampf lassen sie bei mir ab." Dabei habe er selbst im Fall Dieter Wedel recherchiert: "Nie wäre ich darauf gekommen, dass mir selbst einmal vorgeworfen würde, mich unangemessen verhalten oder Macht missbraucht zu haben. Darüber bin ich wirklich erschüttert."

"Völlig realitätsfremd"

Das Bild, er könne eigenständig entscheiden, welcher Film realisiert und mit welcher Schauspielerin besetzt werde, sei schief. Er sei in Strukturen eingebunden gewesen und habe seit Jahren gut und vertrauensvoll vor allem mit Frauen zusammengearbeitet: "Diese Dämonisierung, da wäre ein testosterongesteuerter Mann, der bestimmen kann, diese oder jene soll Hauptdarstellerin werden, oder deren Haarfarbe passt mir nicht - das ist völlig realitätsfremd."

Den Frauen, die gegen ihn anonym Vorwürfe erhoben, wirft Henkes Anwalt Peter Raue, der bei dem Interview anwesend war, vor, aus Frustration gehandelt zu haben, weil ihre Arbeit von ihm abgelehnt worden sei: "Dass der Misserfolg mit der Qualität ihrer Arbeit zu tun haben könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn."

Zu den konkreten Vorwürfen von Charlotte Roche gegen Henke sagt der Anwalt: "Ich glaube ihr kein Wort." Wer ihre Geschichte glaube, der glaube auch an den Weihnachtsmann.

Roche hatte im SPIEGEL berichtet, Henke habe ihr bei einer Veranstaltung im März 2013 die Hand auf den Po gelegt. Bis heute mache sie sich Vorwürfe, damals nicht direkt etwas gesagt zu haben.

kae

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH