RTL-Dokusoap "Was verdienst du?": Hey Boss, warum kriegt der mehr Geld?
RTL wagt sich an "Deutschlands letztes Tabu". Aufgedeckt wird, wieviel der Kollege in der Lohntüte hat. Die Dokusoap "Was verdienst du?" gibt sich sozialkritisch, es geht darum, was Arbeit wert ist - aber natürlich auch um Krawall.
"Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit." (Søren Kierkegaard)
Deutschland wählt. Und "die Betriebe" gehören zu jenen Soziotopen, in denen eben auch Wahlen entschieden werden. RTL legt deshalb gerade noch rechtzeitig eine Dokusoap mit sozialkritischem Drall auf: "Was verdienst du?" handelt davon, was Menschen so verdienen und wie sie reagieren, wenn sie erfahren, was andere Menschen verdienen. Die erste Folge des Mehrteilers siedelt im mittelständischen Milieu an, in einem Familienunternehmern für Elektrogeräte. Ziel ist Zweitracht und deren kathartische Auflösung in Wohlgefallen.
Der dynamische Geschäftsführer heißt Dirk Bönnen, sieht aus wie ein junger Bruder von Kenneth Branagh und "wagt" das Experiment. Ausgewählte Mitarbeiter legen ihre Gehälter offen. Nicht der Familie, nicht dem Finanzamt - sondern untereinander und damit auch dem Zuschauer. Dies sei "Deutschlands letztes Tabu", so RTL. Auch der Chef weiß: "Man redet einfach nicht übers Gehalt, das macht man einfach nicht." Das könnte Gründe haben, wie auch der Bönnen seine Gründe hat, sich bei RTL als Bilderbuch-Boss zu präsentieren. Etwa, um "schlechte Gedanken aus den Köpfen der Mitarbeiter herauszubekommen". Die Offenheit soll dazu dienen, dass "das Getuschel hier bei uns aufhört". Und er sagt, als könne er dabei nicht nur gewinnen: "Die Kiste kann mir komplett um die Ohren fliegen!"
Wozu es natürlich nie kommt. Der Chef geht also mit gutem Beispiel voran, er verdient 10.000 Euro im Monat. Mit der "Darstellung dieses Gehalts" habe er keine Probleme, das könne er "jedem in zwei Sekunden erklären". Was er allerdings nie tut.
"Verkäufer? Ihr? Da könnt ihr gleich Zahnarzt werden"
Spannend im Sinne von RTL wird es deshalb erst, als die Angestellten merken, dass sie seit Jahren weniger verdienen als ihre Kollegen. "Der Olaf ist Lagerleiter, hat eine Riesenverantwortung", und dennoch verdient er im Monat 300 Euro weniger als die Moni aus der Buchhaltung. Und schon ist "die Stimmung krisentechnisch angehaucht", wie Moni merkt. Tatsächlich fühlen sich plötzlich alle unterbezahlt.
Leider ist nun mal, wie schon das Kierkegaard-Zitat oben sagt, das Vergleichen der Anfang der Unzufriedenheit. Dabei hat der dänische Philosoph nie beruflich Waschmaschinen reparieren, vor der Kamera Kette rauchen oder einer Tochter das Studium bezahlen müssen.
Verhandelt wird in "Was verdienst du?" immerhin ansatzweise, was Arbeit wert ist in Deutschland. Gelehrt wird, dass es so etwas wie ein "gerechtes" Gehalt nicht geben kann, dass jeder seines Glückes Schmied ist und so weiter. "Welche Arbeit ist mehr wert?", fragt RTL noch, "körperliche oder geistige?", schert sich aber nicht um die Beantwortung. Auch das übliche Verständnis von "Verdienst" bleibt unangetastet. Ist es das, was ich bekomme? Oder das, was mir zukommt? Und wer beurteilt das?
Weniger Geld? Besser verkaufen!
Auch hier hat, wie es sich gehört, der Chef das letzte Wort: "Letztendlich verdient in Deutschland jeder so viel, wie der Chef es zulässt und jeder sich verkauft". Diese Denke haben die Angestellten bereits vorbildlich verinnerlicht. Wer weniger Geld bekommt, finden die Kollegen, tja, der "muss sich einfach besser verkaufen".
Manche Konflikte klären die Mitarbeiter unter sich ("Alles klar?" - "Nee, klar, dann is' ja gut "), andere müssen eben mit dem hohen Tier ausgetragen werden. Verhandlungen stehen an. Die beiden frustrierten Fünfzigjährigen aus dem Innendienst drucksen herum: "Wir sollten vielleicht Verkäufer werden", worauf der Geschäftsführer kontert: "Ihr könntet auch Zahnarzt werden!" Mehr Geld können sich die Leute damit erarbeiten, dass sie Vorschläge für Einsparungen anderswo - und damit die Arbeit des Geschäftsführers - machen.
So klingt er, der fröhliche Zynismus der Arbeitswelt. Beinahe alle haben den Eindruck, ihnen stünde mehr Geld zu. Bönnen versammelt die Mannschaft und verkündet: "Jedem mehr Geld zu geben, kann man machen, aber dann können wir uns alle in einem Jahr einen neuen Job suchen." Immerhin arbeitet Bönnen mal versuchsweise im Lager, wonach er die Arbeit der Kollegen dort gleich höher einschätzt.
Danach geht der Geschäftsführer "in sich", bevor er seine Angestellten wieder zu Häppchen und Sekt versammelt. Trommelwirbel! Es gibt Gehaltserhöhungen! Es gibt Prämien! Es gibt einen unbefristeten Arbeitsvertrag! Es gibt einen Sonderurlaub! Wer nicht geschult genug ist, wird geschult. Und wer an einer Stelle weniger verdient hat, darf künftig an anderer Stelle mehr arbeiten. So sind am Ende dieser televisionären Unternehmensberatung alle glücklich. Und so soll es doch bleiben in Deutschland.
"Was verdienst du?": montags, 21.15 Uhr, RTL
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