Kultur

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"Geheimakte Otto Waalkes"

Harry Hirsch auf Zeitreise

Das ZDF würdigte Otto Waalkes zu seinem 70. Geburtstag mit einer schnipseligen Fake-Doku. Und erinnert an eine Humorzeit, in der Lachen ohne Haltung das Hirn freischwingen ließ.

Von

ZDF/ Tom Hafner

Otto Waalkes

Montag, 23.07.2018   07:57 Uhr

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Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und denken an Kardinal Klappstuhl. An Bischof Beutel, an Keili, die Duschseife, und an das Schaf Dörte, das so gerne röhrte. Fragen Sie sich kurz, wo Grafen schlafen, wie Freiherrn reihern und was Komtessen fressen. Und dann geht's eigentlich.

Man musste sich ein bisschen in Stimmung bringen für "Geheimakte Otto Waalkes", eine als Flickenbild und Stückelwerk getarnte Gratulation des ZDF zu Waalkes' 70. Geburtstag, aufgemacht wie eine typische Guido-Knopp-Doku, der zu Beginn Otto selbst in seiner Reporter-Persona Harry Hirsch nach Ostfriesland entsendet, um im Folgenden das Geheimnis von Waalkes' Erfolg zu lüften.

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Als Zuschauer quallächelt man sich in der Rahmenhandlung des leider nur mittellustigen Mockumentary durch antikes Filmmaterial der deutschen TV-Geschichte, klamaukig neu synchronisiert, man steht ein paar zu viele Szenen durch, in denen Waalkes mit Spitzenhäubchen und Fratzgesicht als Baby posiert und ausgestopfte Wiesel angezündet werden. Aber man bleibt doch für die dazwischen geschnittenen Klassiker-Clips. Vielleicht ist Otto der unverwüstlichste Komiker, den es in Deutschland gibt, einer, bei dem man in der Rückschau auf vergangene Erfolge neun Gags lang die Augen verdreht, und beim zehnten Mal dann doch kicherig alles loslässt.

"Eine nicht ganz ernst gemeinte Dokumentation" sei die "Geheimakte", so die Selbstbeschreibung des Senders. Aber warum eigentlich nicht? Es wäre ja durchaus interessant gewesen, anlässlich des 70. Geburtstages wirklich einmal ernsthaft zu untersuchen: Warum war das damals so erfolgreich? Könnte es das heute auch noch sein? Welchen Spaß braucht welche Zeit, wieviel Eskapismus, wieviel Bezugsanker braucht der Mensch?

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So schaut man in der "Geheimakte" wie durch ein kleines Fensterchen in eine museal wirkende, andere Witzzeit, die einem so weit weg vorkommt, als spähe man im Freilichtmuseum in eine rußige Vorelektrizitätsküche. Wirklich betreten kann man diese vergangene Klamaukwelt nicht, dazu ist die Türe zu klein - oder man selbst inzwischen wirklich zu groß, zu alt, zu kalauerresistent. Die Größendimensionen und die Scherzarchitektur haben sich verschoben.

Fast wie vormoderne archaische Schnipsel wirkten die typischen Otto-Späße, der knickpfötige Hoppel-Schreitgang, die ziegige Äck-äck-äck-Lache und die Heino-Zombiearmee. Gerade hatte Mesut Özil sein Statement-Triptychon an die Twitterwand genagelt, man hatte sich eben noch mit der geistigen Machete durch den nimmer endenden Schwall von Reaktionen, Kommentaren und Deutungen gehackt und durch all die Implikationen, Konnotationen und anderen komplizierten -ionen geschlängelt - so fremd wirkte da dieser unschuldige, scheinbar bezugslose Otto-Humor, für den man keine Haltung braucht, der an Stellen kitzelt, die bei allen Menschen gesinnungsunabhängig gleich aussehen.

Um über ihn lachen zu können, braucht man nur ein freischwingendes Hirn, das sich mal eben aus dem Komplikations-Korsett gepellt hat. Die "Geheimakte"-Montage aus Archivmaterial, klassischen Nummern, bearbeiteten Fremdszenen und realen biografischen Anspielungen war sicher nicht durchgängig gelungen, öfters mal leicht schwachbrüstig bis über-albern, aber zweifellos das würdigere Gratulationsformat, wenn man zwischen einer solchen Collage und einer betulichen Gala schwankt.

Und man lachte ja zwischendurch doch über einiges. Das deutsche Puddingsiegel! Die Vader-Abraham-Parodie - "Warum seid ihr Schlümpfe klein?" - "Halt dein Maul, du dummes Schwein!" Die heimische Rechen-Nachhilfe - "Elke, kauf sofort 28 Torten!" Weil wir alle erst dann - und dann aber wirklich - verloren wären, wenn wir bei köstlichem Quatsch wie "Dr. Höckes Götterspeise - ein Jahr Wackelgarantie!" nicht mal mehr ganz kurz, ganz heimlich innerlich kichern würden.

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