"Geheimakte Otto Waalkes" Harry Hirsch auf Zeitreise

Das ZDF würdigte Otto Waalkes zu seinem 70. Geburtstag mit einer schnipseligen Fake-Doku. Und erinnert an eine Humorzeit, in der Lachen ohne Haltung das Hirn freischwingen ließ.

Otto Waalkes
ZDF/ Tom Hafner

Otto Waalkes

Von


Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und denken an Kardinal Klappstuhl. An Bischof Beutel, an Keili, die Duschseife, und an das Schaf Dörte, das so gerne röhrte. Fragen Sie sich kurz, wo Grafen schlafen, wie Freiherrn reihern und was Komtessen fressen. Und dann geht's eigentlich.

Man musste sich ein bisschen in Stimmung bringen für "Geheimakte Otto Waalkes", eine als Flickenbild und Stückelwerk getarnte Gratulation des ZDF zu Waalkes' 70. Geburtstag, aufgemacht wie eine typische Guido-Knopp-Doku, der zu Beginn Otto selbst in seiner Reporter-Persona Harry Hirsch nach Ostfriesland entsendet, um im Folgenden das Geheimnis von Waalkes' Erfolg zu lüften.

Fotostrecke

12  Bilder
Zum 70.: Otto, Ostfriesen und Ottifanten

Als Zuschauer quallächelt man sich in der Rahmenhandlung des leider nur mittellustigen Mockumentary durch antikes Filmmaterial der deutschen TV-Geschichte, klamaukig neu synchronisiert, man steht ein paar zu viele Szenen durch, in denen Waalkes mit Spitzenhäubchen und Fratzgesicht als Baby posiert und ausgestopfte Wiesel angezündet werden. Aber man bleibt doch für die dazwischen geschnittenen Klassiker-Clips. Vielleicht ist Otto der unverwüstlichste Komiker, den es in Deutschland gibt, einer, bei dem man in der Rückschau auf vergangene Erfolge neun Gags lang die Augen verdreht, und beim zehnten Mal dann doch kicherig alles loslässt.

"Eine nicht ganz ernst gemeinte Dokumentation" sei die "Geheimakte", so die Selbstbeschreibung des Senders. Aber warum eigentlich nicht? Es wäre ja durchaus interessant gewesen, anlässlich des 70. Geburtstages wirklich einmal ernsthaft zu untersuchen: Warum war das damals so erfolgreich? Könnte es das heute auch noch sein? Welchen Spaß braucht welche Zeit, wieviel Eskapismus, wieviel Bezugsanker braucht der Mensch?

So schaut man in der "Geheimakte" wie durch ein kleines Fensterchen in eine museal wirkende, andere Witzzeit, die einem so weit weg vorkommt, als spähe man im Freilichtmuseum in eine rußige Vorelektrizitätsküche. Wirklich betreten kann man diese vergangene Klamaukwelt nicht, dazu ist die Türe zu klein - oder man selbst inzwischen wirklich zu groß, zu alt, zu kalauerresistent. Die Größendimensionen und die Scherzarchitektur haben sich verschoben.

Fast wie vormoderne archaische Schnipsel wirkten die typischen Otto-Späße, der knickpfötige Hoppel-Schreitgang, die ziegige Äck-äck-äck-Lache und die Heino-Zombiearmee. Gerade hatte Mesut Özil sein Statement-Triptychon an die Twitterwand genagelt, man hatte sich eben noch mit der geistigen Machete durch den nimmer endenden Schwall von Reaktionen, Kommentaren und Deutungen gehackt und durch all die Implikationen, Konnotationen und anderen komplizierten -ionen geschlängelt - so fremd wirkte da dieser unschuldige, scheinbar bezugslose Otto-Humor, für den man keine Haltung braucht, der an Stellen kitzelt, die bei allen Menschen gesinnungsunabhängig gleich aussehen.

Um über ihn lachen zu können, braucht man nur ein freischwingendes Hirn, das sich mal eben aus dem Komplikations-Korsett gepellt hat. Die "Geheimakte"-Montage aus Archivmaterial, klassischen Nummern, bearbeiteten Fremdszenen und realen biografischen Anspielungen war sicher nicht durchgängig gelungen, öfters mal leicht schwachbrüstig bis über-albern, aber zweifellos das würdigere Gratulationsformat, wenn man zwischen einer solchen Collage und einer betulichen Gala schwankt.

Und man lachte ja zwischendurch doch über einiges. Das deutsche Puddingsiegel! Die Vader-Abraham-Parodie - "Warum seid ihr Schlümpfe klein?" - "Halt dein Maul, du dummes Schwein!" Die heimische Rechen-Nachhilfe - "Elke, kauf sofort 28 Torten!" Weil wir alle erst dann - und dann aber wirklich - verloren wären, wenn wir bei köstlichem Quatsch wie "Dr. Höckes Götterspeise - ein Jahr Wackelgarantie!" nicht mal mehr ganz kurz, ganz heimlich innerlich kichern würden.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Garda 23.07.2018
1. Humor ist nicht zeitlos
In den 70er Jahren haben wir uns totgelacht über die Gags von Otto. Heute wirkt das eher unwirklich, und für die nachfolgende Generation ist dieser Humor nicht nachvollziehbar. Gleiches gilt für Dick & Doof, Charlie Chaplin, Karl Valentin - später dann Klamauk von Heinz Erhardt oder etwa Chris Howland in den Karl May-Filmen. Schade für mich als älteres Semester, dass der Humor offensichtlich rückläufig ist. Die Comedy-Shows sind ja auch keine Schenkelklopfer. Noch sieht man sich alte Polt-Filmchen oder einen Loriot an, da schafft man noch ein sanftes Lächeln - hoffentlich noch länger. Vielleicht liegt's am "Wohlstand", Kabaret ist ja auch nicht mehr komisch.....
jujo 23.07.2018
2. ...
Otto fand ich nur eine begrenzte Zeit erträglich, diese Zeit liegt über vierzig Jahre zurück. Jetzt ist er nur noch peinlich. Einen Menschen der mit fast siebzig ein seriöses Interview nicht führen kann ohne infantiles herumhehampel, den kann ich nicht ernst nehmen!
Rodini 23.07.2018
3. Er hat mich in meiner Jugend begleitet
Als ich 17 war, habe ich ihn das erste mal auf einer kleinen Bühne gesehen. Der Humor passte zu meinem Alter und den 70ern. Es war okay wenn ich über ihn lachen konnte. Nonsens ohne Hintergrund, einfach nur blödeln, daß war für mich damals okay. Auch heute noch sehe ich ihn manchmal an, aber das unbekümmerte lachen ist irgendwie nicht mehr so, wie vor über 40 Jahren. Das liegt wohl irgenwie am Alter.Gleichwohl, Danke für viele lustige Momente in meiner Jugend und natürlich Alles Gute zum Geburtstag Otti
dasfred 23.07.2018
4. Das Lachen ist nur noch ein Lachen von gestern
Damals war er neu. Der Kalauer Humor, wie ihn auch Insterburg und Co. zelebrierten hatte auch etwas von einer befreienden Respektlosigkeit. Die Zeit kannte noch die Hackordnung von oben nach unten, von alt gegen jung. Da war dieser Humor befreiend. Wenn ich heute über einzelne Sketche lache, dann nicht, weil ich sie heute amüsant finde, sondern weil ich an die unbeschwerte Zeit damals zurückdenke.
Ryker 23.07.2018
5. Schwer zu fassen
Otto ist ein schwer zu fassendes Phänomen. Man macht es sich glaube ich zu leicht, ihn einfach als Blödelbarden zu bezeichnen, für den man nur ein "freischwingendes Gehirn" braucht. In seiner Anfangszeit war sein Auftreten für mich auch als "politisches" oder "gesellschaftliches" Statement zu verstehen, als Gegenbewegung zu dem doch eher biederen Humor der 50er und 60er. Ich war irgendwann (Mitte der 90er) bei Rock am Ring. Da war Otto eigentlich schon 10 Jahre "tot" und sollte dann da auftreten. Zum Scheitern verurteilt, das war (mir) klar. Denkste! Er war noch keine 5 Minuten auf der Bühne und hatte das Publikum so dermaßen im Griff. Und ich glaube das gleiche wird 20 Jahre später in Wacken passieren. Die Leute werden sich hervorragend amüsieren. Und nicht weil es sich dabei um eine ironische Brechung alá Feuerwehrkapelle zur Eröffnung handelt. Der Typ ist einfach... gut?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.