ZDF-Satire-Serie "Lerchenberg": Käpt'n Hehn, die arme Wurst

Von Tim Slagman

ZDF-Satire "Lerchenberg": Schleimi trifft auf Idealistin Fotos
ZDF

Hier lacht das ZDF übers ZDF: In "Lerchenberg" veräppelt sich das Zweite selbst. Die Satire-Sitcom witzelt über den Spießerhumor des Senders, über Spesenritter und Schleichwerber. Sogar "Traumschiff"-Schleimi Sascha Hehn wirkt mit - als verarmter, vereinsamter Ex-Schönling.

Das ZDF ist 50, Sascha Hehn ist acht Jahre älter, und das Stammpublikum der beiden - geschenkt. Na ja, Witzchen über den Mainzer Sender als Geriatriestation haben mittlerweile einen gewaltigen Bart. Aber dabei muss es ja nicht bleiben.

Zum 50. Jubiläum des Zweiten gönnt sich nun die Redaktion des "Kleinen Fernsehspiels", seit Jahrzehnten ein Innovationsmotor in der Film- und TV-Kultur, einen satirischen Seitenhieb aufs eigene Haus.

Dieses Haus steht auf dem titelgebenden Mainzer Lerchenberg, was den Vergleich mit der US-Erfolgsserie "30 Rock" heraufbeschwört, die den alltäglichen Irrsinn in amerikanischen TV-Redaktionen aufs Korn nimmt. 30 Rockefeller Plaza, New York City, dort residiert NBC - und wenn man die Assoziationen auf sich wirken lässt, die beide Adressen umschweben, gewinnt man einen Eindruck vom Anspielungsreichtum, der in dem ZDF-Vierteiler steckt.

Schleimi trifft Idealistin

Auf den ersten Blick scheint es allerdings, als sollten im Schweinsgalopp in jeweils gut 20 Minuten, in der klassischen Sitcom-Länge also, gerade die oberflächlichsten Aspekte abgehandelt werden, die noch jeder am deutschen Fernsehen kritisiert. Im Zentrum steht die idealistische Redakteurin Sybille "Billie" Zarg (Eva Löbau), die an einem ambitionierten TV-Filmprojekt arbeitet - bis ihre Vorgesetzte (Karin Giegerich) sie dazu verdonnert, eine Rolle mit Sascha Hehn (gespielt von Sascha Hehn) zu besetzen. Wie? Den Achtziger-Schleimi, bekannt aus "Traumschiff", "Schwarzwaldklinik" und allem, wofür sich angeblich sogar viele ZDF-Redakteure schämen?

Ja, genau den. Denn Hehn steht irgendwie doch für Einschaltquote. Was dem einen der Erfolg, ist für Billie der Horror der Anspruchslosigkeit - und Hehn selbst kommt, von Selbstzweifeln scheinbar unbeleckt, ins Studio geschneit als einer, der beides mühelos in seiner Person versöhnen will. Die Hauptrolle in dem Film will er natürlich spielen, diesen Rollstuhlfahrer da - ob man aus dem nicht noch einen Autisten oder einen Taubstummen machen könne? So sind schließlich Preise zu gewinnen!

Doch damit geht selbst Hehn zu weit: Er und Billie werden von dem Projekt abgezogen. Doch sie müssen ein Team wider Willen bilden, denn eine Order bleibt unverändert: Eine Comeback-Rolle muss her für den abgehalfterten Serienstar. Und so probieren sie Kochshows und Reality-Formate aus, dazu brodelt der Behördenirrsinn, der Karneval, Billies Leidenschaft für den schneidigen Sportredakteur Philip (Matthias Lier) und Hehns Leidenschaft für die Damenwelt insgesamt.

Der einsame Kapitän Hehn

Kochen auf allen Kanälen? Pseudo-Reality-Quark allerorten? Intrigen, Inkompetenz und Karrieredoping durch Beischlaf? Es sind nicht die allerneuesten Zutaten, aus denen Felix Binder, der als Regisseur und Co-Autor an allen Folgen beteiligt war, einen dann doch flotten und unterhaltsamen, wenn auch eher zahnlosen Satirebrei mischt, gewürzt durch den Mut, mit dem der zukünftige "Traumschiff"-Kapitän Hehn sich selbst auf die Schippe nimmt. Die stärksten Momente sind die, in denen Hehn seine aalglatte Maske ein wenig verrutscht und ein mittelloser, einsamer, verzweifelter Mann darunter hervor lugt.

Passend dazu die immer wieder in Szene gesetzten grauen Betonfassaden des ZDF-Baus und die langen öden Flure des Senders, Sinnbild für die Behördenmentalität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Es gibt Seitenhiebe auf den Spießerwitz des Karnevals und der feist grinsenden Mainzelmännchen, es gibt gebührenfinanzierte Spesenritter, und einen winzigen Hinweis auf "Produktionshilfe durch: Volkswagen AG" im Abspann. Stimmt, einen dicken VW fährt Hehn - darin schläft er später übrigens auch.

Trotzdem kommt für ihn nur die Primetime in Frage. "Nach Mitternacht schaut doch keiner mehr zu. Und wenn keiner zuschaut, ist es auch kein Fernsehen." Immerhin: Bei ZDFneo laufen alle Folgen von"Lerchenberg" am 28. März schon ab 22.45 Uhr, im ZDF jeweils zwei Folgen am 5. und 12. April ab 23 Uhr.


"Lerchenberg", 28. März, 22.45 Uhr, ZDFneo, sowie 5. und 12. April, 23 Uhr, ZDF

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insgesamt 25 Beiträge
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1. nette Idee
huberwin 27.03.2013
aber bitte in der Hauptsendezeit, die ZDF Zuschauer würden das vertragen!
2. Voll aus dem prallen Leben
Liberalitärer 27.03.2013
Zitat von sysopZDFHier lacht das ZDF übers ZDF: In "Lerchenberg" veräppelt sich das Zweite selbst. Die Satire-Sitcom witzelt über den Spießerhumor des Senders, über Spesenritter und Schleichwerber. Sogar "Traumschiff"-Schleimi Sascha Hehn wirkt mit - als verarmter, vereinsamter Ex-Schönling. http://www.spiegel.de/kultur/tv/gelungene-zdf-satire-lerchenberg-mit-sascha-hehn-a-890056.html
Na, ob das Satire ist? Scheint eher eine Dokumentation zu sein. Aber Respekt für die Macher dieser Doku aus dem Innenleben einer Anstalt.
3. naja
pefete 27.03.2013
das zdf scheint aber nicht viel davon zu halten. sonst würden sie es ja nicht auf zdfneo verstecken.
4. Die Serie Traumschiff....
fatherted98 27.03.2013
...war von Anfang an eine "bezahlte-Urlaubs-Orgie" für unterbeschäftigte drittklassige Darsteller, die ansonsten keinen Job bekommen hätten bzw. Drehpause hatten/haben. Warum wohl schleppt sich Frau Keller heute noch mit über 70 auf das Traumschiff um die Stewardess zu geben?....weil bezahlter Urlaub doch viel besser ist als ein Urlaub den man selbst bezahlen muss....vor allem wenn er über die Zwangsabgabe der Gebührenzahler entlohnt wird. Herr Hehn als Kapitän....nun ja....die logische Folge des Abbaus jeglichen Niveaus im ZDF....als Realsatire natürlich ganz lustig...aber wenn man an die Kostenbelastung der Gebührenzahler denkt...unmöglich. Der Medienpopanz ZDF überdehnt seine Niveaulosigkeit mit der politischen Gewissheit, dass keiner dem Intendanten reinpfuscht...solange der Sender schön Regierungskonform berichtet und die geplante Verdummung der Bevölkerung weiter betreibt...solange können auch sogenannte Polit-Magazine Tagesaktuelle wichtige Reportagen von den Rastplätzen Deutschlands senden wo sie die Polizei beobachten wie sie LKWs auf die Waage stellt...schön abendfüllend und sehr informativ.
5. Fremdschäm....das ZDF...
johnnywaters 27.03.2013
...ist also bei 50 Jahren angekommen, und produziert jetzt statt Neuem ihre alten Mottenkisten als Satire (übrigens, ZDF und Satire, dass hat noch nie gepasst). Fast schon weise...ich glaube nicht, dass sich noch ein ZDF-Redakteur schämt, es sei denn, er wirkt gleich als Darsteller in der Sendung mit. Schließlich müssen all die ZDF-Rentner, die in der Toskana und an der Cote d´Azur ihre Häuser haben, weiterhin finanziert werden.
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