S.P.O.N. - Der Kritiker: Im Land der seifigen Zoten

Eine Kolumne von Georg Diez

Die ARD bildet das Volk: "Freuen Sie sich auf Hiltrud und Karlheeeeeiiiiinnnnzzzzz!" Zur Großansicht
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Die ARD bildet das Volk: "Freuen Sie sich auf Hiltrud und Karlheeeeeiiiiinnnnzzzzz!"

Wer wissen will, wie sexistisch und vermufft unser Land in Wahrheit ist, muss sich Karnevalsshows anschauen. Zur allerbesten Sendezeit erfüllen ARD und ZDF hier ihren Aufklärungsauftrag: Mit Wettgrinsen und Frauenstemmen, blöden Sex-Witzen und bizarren Dialekten. Willkommen bei Brüderle-TV.

Die ARD steht, da haben Sie schon recht, lieber Herr Programmdirektor Herres, für bestes deutsches politisches Aufklärungs- und Erziehungsfernsehen in der Tradition des besten deutschen politischen Aufklärungs- und Erziehungsfernsehens. Am Donnerstagabend war das mal wieder zu besichtigen, zur "besten Sendezeit", was immer, im allerbesten Fünfziger-Jahre-Sinn, wie "der gute Sonntagsanzug" klingt: Wenn es noch Fragen gab zur Brüderle-Sause, in dieser Sendung wurden sie allesamt aufgeklärt.

Es war eine groß angelegte Analyse, die weit in die Geschichte reichte dieses Landes, seiner Mentalität, seiner Ängste, seiner Probleme und Verklemmtheiten. Es war ein Panorama von anthropologischer Genauigkeit und dabei fast polemischer Härte: Die Bilder waren nicht immer angenehm, die Erkenntnisse waren manchmal schmerzhaft - das sind wir, so ist dieses Land, schaut her, wir können auch Schunkeln und Spagat.

Wir begrüßen Sie zu Brüderle-TV

Als erstes sah ich so etwas wie ein Fußballett, vielleicht sagte die Tambourmajorin, die durch den Abend führte, auch "Fußbeatles", aber ich kann mich irren, ich stand unter Schock - ich fühlte mich in diesem Moment fremd in diesem Land, was ja ein eminent politisches Gefühl ist, geradezu der erste Schritt zu gesellschaftlicher Gerechtigkeit oder dem, was der große Franzose Emmanuel Lévinas "das Andere" nannte: Und tatsächlich verstand ich langsam, was die ARD mit "Frankfurt: Helau!" wollte.

Es war eine Lektion in Demut.

Es ist nicht schlimm, wenn man anders ist, das wollten sie zeigen, es ist nicht schlimm, wenn man Sätze sagt wie: "Ich freue mich auf den Gardetanz mit Hebefiguren", es ist nicht schlimm, wenn man wie ein Duracell-Hase herumhopst, es ist nicht schlimm, das Stumpfsinnige und Schnapsglasige dieser Unternehmung. Es ist nicht schlimm, wenn man sich ohne Sinn und Würde zeigt, wie man eben ist, Schönheit und Grazie sind nicht allen Völkern gegeben, es muss auch einen Ort geben, an dem man einem zauseligen Prinzenpaar zuwinkt und ein paar anzügliche Scherze macht und zwischendurch ruft: "Freuen Sie sich auf Hiltrud und Karlheeeeeiiiiinnnnzzzzz!" und dann stolpert ein Rentnerpaar auf die Bühne in scheußlichem Anzug und scheußlichem Kleid. Und sie machen Witze, die nicht witzig sind, und alle lachen, und es ist gut zu wissen, dass es das Jahr 2013 ist und nicht das Jahr 1953, sonst hätte man sich vielleicht gefragt, was Karl Heinz an der Ostfront gemacht hat und Hiltrud beim BDM.

Ich dachte ja, ich hätte dieses Land verlassen, vor ungefähr vierzig Jahren.

Dieses Land, in dem Männer Günter "Dudi" Dudenhöffer heißen und "Marmor, Stein und Eisen bricht" singen, dieses Land, in dem Männer in regenbogenfarbenen Anzügen einen Schwitztest machen, bei dem man beide Arme heben muss. Dieses Land, in dem es lustig ist, wenn sich zwei Putzfrauen in grauem Kittel und Kopftuch so unterhalten, als müssten sie immer noch Trümmer wegräumen und ihre kriegsversehrten Männer durchfüttern. Dieses Land, in dem es ein großes Hallo gibt, wenn die deutschen Meister im, ja was: Wettgrinsen, Zackizackimachen, Frauenstemmen auf die Bühne spagaten - ich wusste nicht, dass es dieses Land noch gibt. Ein Land voll unterdrückter Sexualität und seifiger Zoten, ein Land, das von Dialekten regiert wird, die niemand versteht, das Land, in dem Rainer Brüderle zu Hause ist, das Rhönrad der deutschen Politik.

Das ist also der Grund für sein Weltbild, das ist der Grund für seinen Sexismus. Das ist der Grund für seine geistige Wurstfingerigkeit - es war Brüderle-TV, das mir das klar gemacht hat: Brüderle-TV, für das ARD und ZDF unbedingt viel Geld ausgeben müssen. Es ist schließlich deren Aufgabe, die Demokratie in diesem Land zu retten.

Viel Geld also weiter für diese Art der Sozialstudien, am kommenden Dienstag im ZDF "Karneval Hoch Drei" aus Düsseldorf, am Donnerstag dann auch im ZDF "Mer losse d'r Dom in Kölle", am Freitag endlich vier Stunden "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" in der ARD, am Samstag "Düsseldorf Helau" in der ARD, am Montag "Karneval in Köln" in der ARD, alles mal wieder zur besten Aufklärungs- und Erziehungszeit um Viertel nach acht.

Das ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das wir brauchen, lieber Herr Programmdirektor Herres - und wenn zum Beispiel die Amerikaner das nicht verstehen, wenn sie mal wieder auf "Wetten, dass..?" herumhacken wie die "New York Times", wenn sie überrascht sind, dass Deutschland mehr ist als Goethe und Hitler, wenn sie sich die Augen reiben, weil sie nicht glauben können, dass sich dieses Land in ein blubberndes Aquarium voller grotesker Gestalten verwandelt, die Dinge tun, die anderen Kulturen nur schwer zu vermitteln sind, weil sie aus den Tiefen der Regression kommen und damit vordemokratisch und geradezu urzeitlich sind - ja, dann sollen sie halt mal drei, vier Stunden so eine royalistisch-militaristische-superspaßige Karnevalssause mitmachen, viel schlimmer als Waterboarding kann es kaum sein.

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insgesamt 343 Beiträge
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    Seite 1    
1. karnevalsloch
Simoneke 01.02.2013
Muss bei SPON jetzt sogar schon das Karnevalsloch gestopft werden? Die Berichterstattung wird immer gruseliger.
2. GEZ Verblödungssteuer
volxsport 01.02.2013
ist verfassungswidrig und gehört abgeschafft! Das ÖR Versorgungsparadies ebenfalls. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum die Allgemeinheit dieses oft sexistische und meist peinliche ÖR Unterschichtenfernsehen alimentieren soll.
3. Zum Niederknien...
mag-the-one 01.02.2013
Zitat von sysopHRWer wissen will, wie sexistisch und vermufft unser Land in Wahrheit ist, muss sich Karnevalsshows anschauen. Zur allerbesten Sendezeit erfüllen ARD und ZDF hier ihren Aufklärungsauftrag: Mit Wettgrinsen und Frauenstemmen, blöden Sex-Witzen und bizarren Dialekten. Willkommen bei Brüderle-TV. http://www.spiegel.de/kultur/tv/georg-diez-ueber-karnevalssendungen-auf-ard-und-zdf-seifige-zoten-a-880936.html
Danke, Herr Diez, ich fühle mich verstanden. Und dafür soll ich GEZ-Gebühren zahlen? Nicht zu fassen.
4. Kulturgut
saaria 01.02.2013
Diese "seifigen Zoten" und "Dialekte die niemand versteht", von denen Sie hier reden, Herr Dietz, gehören nun mal zum deutschen Kulturgut, auf das glücklicherweise doch noch einige Deutsche stolz sind. Den Karneval im Rahmen der derzeitigen Seximusdebatte zu interpretieren halte ich für unangebracht. Bei aller political correctness heutzutage: ein bisschen Spaß muss sein! Das ist doch gerade das Schöne an der närrischen Zeit- dass man nicht alles immer so ernst sehen muss.
5. Türlich
rennflosse 01.02.2013
Zitat von sysopHRWer wissen will, wie sexistisch und vermufft unser Land in Wahrheit ist, muss sich Karnevalsshows anschauen. Zur allerbesten Sendezeit erfüllen ARD und ZDF hier ihren Aufklärungsauftrag: Mit Wettgrinsen und Frauenstemmen, blöden Sex-Witzen und bizarren Dialekten. Willkommen bei Brüderle-TV. http://www.spiegel.de/kultur/tv/georg-diez-ueber-karnevalssendungen-auf-ard-und-zdf-seifige-zoten-a-880936.html
Türlich kann ein Hanseat kein Verständnis für Karneval aufbringen. Ansonsten ein weiterer moralintriefender Tiefpunkt mit neuen Wortfindungsstörungen: "Geistige Wurstfingrigkeit". Auf sowas muss mal einer kommen. Genau die richtige Dröhnung Selbsthass zum Wochenende, fast schon eine Aufforderung zum kollektiven Suizid.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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