Finale bei "Germany's Next Topmodel": Nichts zu lachen, viel zu grinsen

Von Anja Rützel

Top-Model-Finale: "Krasser Mist" Fotos
DPA

Ein dampfendes Fun-Stahlbad ließ Heidi Klum zum Finale von "Germany's Next Topmodel" ein. Es wurden Pobacken gezeigt, bizarre Stelzenläufe absolviert und kalenderspruchtaugliche Sätze gesagt. Der spektakulärste Auftritt gelang dann aber jemandem, der nicht zum Teilnehmerfeld gehörte.

Glaubt man Twitter und Instagram, dann begleiten viele Zuschauer das Finale von "Germany's Next Topmodel" gern mit der Zufuhr hochkalorischer Schlonzlebensmittel. Ein verständlicher Reflex, der im Verlauf der etwa hundertstündigen Pro-Sieben-Sendung jedoch leicht zu schläfriger Verdauungsbräsigkeit führen konnte. Darum hier noch einmal das Wichtigste im Überblick.

1. Die schlimmste Frage
"Hast du Spaß?", verhörte Heidi Klum alle Anwesenden im Minutentakt und ließ ihnen schon mal ein dampfendes Fun-Stahlbad ein. Die Frage hat durchaus etwas von einer Drohung, und natürlich gewinnt am Ende das sogenannte Mädchen, das den Grinsezwang in dieser achten Staffel der Castingshow am konsequentesten erfüllte: die 16-jährige Lovelyn, die in ihrer Selbstanpreisungsrede kurz vor der Entscheidung noch einmal betonte, sie habe "immer gestrahlt". Nach der Popotanz-Einlage, die ihr schließlich den Sieg bringt, fragt Klum: "Woran hast du beim Tanzen gedacht?" Lovelyn antwortet: "Daran, Spaß zu haben." Kennt man alles von Adorno, der das Phänomen des "schlechten Lachens" beschreibt: Es "bewältigt die Furcht, indem es zu den Instanzen überläuft, die zu fürchten sind." Und gelacht wird darüber, dass es nichts zu lachen gibt.

2. Die bessere Siegerin
Luise, das Sanostolkind. Sie sieht aus wie eine lippigere Variante von Robin Scherbatsky aus der Serie "How I met your Mother" und wurde im Vorfeld als Favoritin gehandelt, schaffte es im Finale aber nur auf den dritten Platz. Während sich ihre Konkurrentinnen im Verlauf der Staffel bei sämtlichen gewohnt albernen Aufgaben darum rissen, die eifrigste zu sein, hätte Luise den meisten Quatsch am liebsten einfach bleiben gelassen - eben ganz wie das sympathisch desinteressierte Pfützenschleicherkind aus der Sanostol-Werbung. Stets jammerte und klagte sie ihr "Ich möchte lieber nicht" in die Welt, um sich erst im letzten Moment seufzend zu fügen. Hätte sie gewonnen, wäre das bei all der Klumschen Leistungstreiberei ein nahezu subversiver Sieg der Bocklosigkeit gewesen. Konsequenterweise hielt sich Luises Engagement jedoch auch in der Finalsendung in Grenzen, lethargischer sah man selten jemand auf Stelzen laufen. Fehlte nur noch die Pfütze.

3. Die drängendsten Outfit-Fragen
Warum mussten die Kandidatinnen den größten Teil der Show mit partiell freigelegten Hinterbacken zubringen? Hat sich Heidi Klum ihre Haut absichtlich fozziebärfarben gefärbt? Und wer hat ihr diese sonderbaren Goldwürste um den Hals gelötet? Ein Händchen bewies sie allerdings bei der Farbauswahl ihres Kleids, dessen Kreischpink gut mit ihrer Stimmlage harmonierte.

4. Die wahrsten Worte
Wie immer war die Finalshow ein großes Redundanzfestival mit frappierend inhaltsleeren Dialogen. Ein paar goldene Sätze fielen dann aber doch. "Es geht hier nur um euren Hintern", informierte ein Choreograf die Kandidatinnen, und auch Finalistin Maike wusste einen Kalenderspruch beizusteuern: "Knie brauchst du als Model, den Kopf nicht unbedingt." Leider hatte sie damit ihr Eloquenzbudget auch schon komplett aufgebraucht, weshalb ihr bei ihrer finalen Ansprache nur Stammelblödsinn wie "Ich habe ein Aussehen" blieb. Immerhin begann sie die grauslige Eigenpromo-Rede mit einer Wendung, die das Potential zur universell einsetzbaren Eröffnungsformel hat: "Krasser Mist!"

5. Der bizarrste Walk
Viel wurde im Finale hin- und hergelaufen, die Kandidatinnen tanzten mit dem koreanischen Hoppelrapper Psy und paradierten mit einem Roboter. Am sonderbarsten war wohl die Runde, in der sie auf riesigen Stelzenbeinen gehen mussten - wie von Salvador Dali im Suff choreografiert. Allerdings erreicht diese Idee noch nicht ganz den Ballaballa-Faktor des US-Originals "Americas Next Top Model", wo die Teilnehmerinnen auch schon mal eingeschweißt in riesige Plastikblasen über Wasser liefen (gute Idee für ein freches Jesus-Musical).

6. Die symbolträchtigsten Bilder
Sabrina, die blonde Kandidatin mit Baywatch-Appeal, erklimmt eine Badewanne, und zwar nach Burlesque-Art, also erotisch gemeint. Eventuell war das eine Vorwegnahme möglicher Engagements bei Baumarkteröffnungen. Wie forderte Heidi doch gleich in einem Einspieler von ihren "Mädchen"? "Sei heiß, sei sexy. Biete was an." Notfalls dann halt eben die formschöne Eckbadewanne aus Sanitäracryl mit farblich passenden Anti-Rutschpunkten und bereits montiertem Überlaufrohr.

7. Die überraschendsten fünf Sekunden
In der Live-Sendung konnte man die Szene nur aus dem Augenwinkel erhaschen, doch blitzschnell verfügbare Agenturfotos schwemmten den Vorfall vieldutzendfach in die Twittertimeline: Zwei barbusige Femen-Aktivistinnen konnten kurzzeitig die Bühne stürmen, bevor die Security-Menschen sie überwältigten. Auf ihren Körper hatten sie "Heidi Horror Picture Show" geschrieben.

8. Die beste Musikauswahl
Wer immer auf den herrlichen Regieeinfall kam, bei jeder Verkündigung der noch im Wettbewerb verbliebenen Kandidatinnen die Liedzeile "I don't care" von Icona Pop einzuspielen - besten Dank hierfür.

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insgesamt 143 Beiträge
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1. optional
peterberlin 31.05.2013
danke für den sehr witzigen artikel, ich bin froh, die sendung nicht gesehen zu haben und freue mich wieder mal auf martina hill als die bessere heidi
2.
forenuser 31.05.2013
Zitat von sysopDPAEin dampfendes Fun-Stahlbad ließ Heidi Klum zum Finale von "Germany's next Topmodel" ein. Es wurden Pobacken gezeigt, bizarre Stelzenläufe absolviert und kalenderspruchtaugliche Sätze gesagt. Der spektakulärste Auftritt gelang dann aber jemandem, der nicht zum Teilnehmerfeld gehörte. Germany's Next Topmodel 2013: Das Finale im Überblick - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/germany-s-next-topmodel-2013-das-finale-im-ueberblick-a-902925.html)
Die einzigen aattraktiven Frauen vor Ort, scheinen die von Femen gewesen zu sein.
3. Fremdschämen angesagt
xehris 31.05.2013
Am schrillsten und aufdringlichsten war gestern abend Heidis kindlich hohe Stimme, die gar nicht zu ihren Aufforderungen an die weitgehend entblößten Mädchen passte, dass sie "heiß und sexy" sein sollten. Das Wörter "heiß" und "sexy" kam Heidi so oft über die Lippen, dass man sich fragte, ob sie eine Puffmutter ist, die Nachwuchs für ihr Etablissement sucht. Die Stimme einer Puffmutter stellt man sich anders vor.
4. Tränen gelacht
lola80 31.05.2013
Herrlich! Lachen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Danke, Anja Rützel für diesen schönen Text. Wir haben gestern zum ersten Mal ausschnitteweise GNTM gesehen und konnten es kaum glauben. Wenn es nächstes Jahr aber wieder solch einen Text gibt, dann lohnt es sich allein dafür, sich das Ganze nochmal anzutun.
5. Besserwisser
derbochumerjunge 31.05.2013
Zitat von lola80Herrlich! Lachen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Danke, Anja Rützel für diesen schönen Text. Wir haben gestern zum ersten Mal ausschnitteweise GNTM gesehen und konnten es kaum glauben. Wenn es nächstes Jahr aber wieder solch einen Text gibt, dann lohnt es sich allein dafür, sich das Ganze nochmal anzutun.
Sie scheinen die unfreiwillige Komik der Sendung erkannt zu haben. Für besserwisserische Zeigefingererheber mit Leichenbittermiene is dat nix.
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