"Germany's Next Topmodel": Splitter in den Herzen junger Mädchen

Von Arno Frank

Sie ist wieder da. In der achten Staffel von "Germany's Next Top-Model" gibt die eisige Schneekönigin Heidi Klum auch mal die mitfühlende große Freundin. Es wird geküsst, gedrückt und geherzt, was das Zeug hält. Aber manchmal muss sie ihren Kandidatinnen doch wehtun.

Was wird erzählt? Eigentlich nur eine klassische Coming-of-Age-Saga, ein mehrteiliger Übergangsritus von der Kindheit mitten hinein in die neoliberale Leistungsgesellschaft gebleckter Zähne, wo das Mädchen des Mädchens Wölfin ist. Wie in jedem Thriller wird den Heldinnen der Himmel in Aussicht gestellt, der - kleiner Haken! - natürlich nur über den Umweg durch die Hölle der "Pinkifizierung" erreicht werden kann.

Wie war Heidi Klum? Tierisch menschlich. Jedenfalls wurde viel geküsst, gedrückt, geherzt und motiviert. Das Schlimmste, was Klum sagte, war: "Das hast du ganz toll gemacht, sei nicht traurig, aber für mich bist du im Moment 'ne Wackelkandidatin." Das hört kein Mädchen gerne, Mädchen muss dann schluchzen. Wobei sich Heidi Klum vertragsgemäß alle Mühe gab, so zu tun, als berühre sie das irgendwie, irgendwo. Allein, es nützt nichts. Sie ist die Schneekönigin, senkt Splitter in die Herzen junger Mädchen.

Was war neu? Die jungen Damen beziehungsweise "Mädchen" werden von Heidi Klum und Co. aus dem Alltag herausgepickt. Das Café, der Proberaum der Band, das Klassenzimmer, die Backstube, der Bauernhof. All diese Orte des Schreckens und der Bedrängnis sollen die Mädchen "schnell vergessen". Tatsächlich handelt es sich bei den meisten Kandidatinnen um echte Geschöpfe von "Germany's Next Topmodel", weil all die 16-jährigen Leonies, Leandras, Lauras, Lindas, Lisas, Lisa-Guilias und Lovelyns gerade einmal neun Jahre alt waren, als das Format startete. Sie haben also längst verinnerlicht, worum es im Leben gehen sollte: Geradeaus laufen, auf dem Absatz drehen, zurücklaufen, leer und "immer elegant und arrogant" (H. Klum) aus der teuren Wäsche schauen.

Tut das weh? Am Anfang noch nicht so sehr. Von 25 Kandidatinnen fliegen gleich fünf raus. Das erste Shooting im Schneetreiben von Wiesbaden ist inszeniert wie eine Hochzeit, denn in Hochzeitskleidern müssen die Kandidatinnen für den Fotografen und vor versammelter Verwandtschaft aus dem Portal des Kurhauses - tja, wie sagt man? Kommen? Laufen? Nein, sie müssen "so BÄNG" rauskommen, "alles geben" und "performen". Eltern weinen vor Glück, weil sie so schöne Töchter haben. Fohlen auf langen, wackeligen Beinen, die langsam die Ellbogen ausfahren.

Was wollen die Mädchen? Die wollen sofort "die Arschbacken zusammenkneifen und besser werden", damit die nach Dubai mitgenommen werden, wo sie es "übelst geil" finden, weil "das Wohnzimmer alleine schon so groß ist wie, keine Ahnung, irgend'ne Wohnung von irgendwem", und die indischen Sklaven in ihren Livrées so putzig aussehen, da fühlt man sich "wie eine Prinzessin", denn genau das wollen "die Mädchen" eigentlich: Prinzessin sein, wie damals mit vier Jahren.

Was lernen die Mädchen? Kurz vor dem ersten Schaulaufen unter den müden Blicken der "königlichen Familie" und anderer gelangweilter Gangster gibt Heidi Klum ein paar Tipps auf dem Hotelparkplatz: "Lauf mal von hier nach da! Ja, deine Haltung! Du musst dich komplett geradeziehen!" Aber auch: "Ihr habt alle superschöne Beine!" Das tut gut, das hören alle Mädchen gern, da muss Mädchen schmunzeln.

Wer wird sich in die Haare kommen? Leonie und Anna. Beworben hatte sich Leonie, und Klum, einmal im Klassenzimmer aufgetaucht, nahm kurzerhand auch Anna mit. Unwahrscheinlich, dass daraus eine Freundschaft fürs Leben erwächst. Das Bitch-Potential ist noch nicht annähernd so ausgeschöpft wie das Bussi-Potential.

Was sagt Gott dazu? Weil Heidi Klum die gläubige Jacqueline (16) aus dem Kirchenchor abholen will, muss sie das Gotteshaus betreten. Das Weihwasser wird nicht zu Blut, das Gewölbe stürzt nicht erdbebenbedingt ein und auch sonst gibt es keine Anzeichen für die Apokalypse. Schlimmer noch: Die Jacqueline "will gerne Model werden", klar, könnte sich aber "auch sehr gut ein Theologiestudium vorstellen". What?! Jesus sagt: "Du sollst Gott, deinen Herren, anbeten und ihm allein dienen", und Jacqueline sollte sich diese Heidi Klum mal genau anschauen…

Wer wirbt? Der Opel Adam von der Adam Opel AG. Ein Premium-Werbepartner, der nicht wirbt, sondern "präsentiert". Ein knuffiges Fahrzeug, das es in vielen verschiedenen, bestimmt sehr trendigen Farben gibt. Der Adam will knackig und jung sein, deswegen heißt er Ädäm. Er wundervolles Gefährt, fast ein Gefährte. Ein Freund. Ädäm.

Wer wirbt noch? Experten und kritische TV-Durchblicker sagen, Heidi Klum ginge es gar nicht um das Wohl ihrer Schützlinge, sondern - aufgepasst! - darum, Werbezeit zu verkaufen. Leichter Joghurt, schweres Parfum, Telefonanbieter, Haarfestiger, Frauenchampagner, Abnehmverein, Online-Fitness, Kekse (leicht!), Frischkäse (egal!) oder Schokoriegel (jetzt ist es alles zu spät!). Der Reiz der Werbeblöcke besteht darin, dass sie wie ein verlängerter Laufsteg wirken. Weil doch Heidi Klums Schützlinge selbst nichts sehnlicher wollen, als mit ihren noch unverdorbenen Gesichtern dieses ganze Zeugs zu verkaufen.

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Kein Mitleid
geisterfahrer7 28.02.2013
Junge Mädchen knapp nach der Pubertät sind das naivste wo gibt und die Klump hat ein Geschärft daraus gemacht. Kein Mitleid.
2. ich
germanvirgin 01.03.2013
Zitat von sysopProSiebenSie ist wieder da. In der achten Staffel von Germany's Next Top-Model gibt die eisige Schneekönigin Heidi Klum auch mal die mitfühlende große Freundin. Es wird geküsst, gedrückt und geherzt, was das Zeug hält. Aber manchmal muss sie ihren Kandidatinnen doch weh tun. http://www.spiegel.de/kultur/tv/germany-s-next-topmodel-mit-heidi-klum-auftakt-achte-staffel-a-886186.html
werd es nie verstehen wie man sich so einen Muell antun kann und sein Leben mit solch Unrat verplaempert. DSDS, Next Topmodel , Dschungel blablabla unw sind doch sowas von ueberfluessig wie ein Kropf. Aber daran sieht man wo das Niveau in Deutschland hinsteuert.
3. Bravo
arturo89 01.03.2013
Sehr gewitzter Beitrag, der das ganze "Spektakel" nicht so ernst nimmt und gezielt das Format süffisant kritisiert. Guter Artikel
4. Jetzt kapier ich's...
joyrich 01.03.2013
"..weil all die 16-jährigen Leonies, Leandras, Lauras, Lindas, Lisas, Lisa-Guilias und Lovelyns gerade einmal neun Jahre alt waren, als das Format startete. Sie haben also längst verinnerlicht, worum es im Leben gehen sollte: Geradeaus laufen, auf dem Absatz drehen, zurücklaufen, leer und "immer elegant und arrogant" (H. Klum) aus der teuren Wäsche schauen." Da macht die Frauenquote dann doch Sinn - oder auch wieder nicht.
5. Bla bla bla
Karl Vierstein 01.03.2013
Die armen mädels. Und ich idiot hab zugeguckt.
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