"Germany's Next Topmodel" ... falls das von Interesse ist

Nach zwölf Semestern auf der Klum-Abendschule für Hobbymodelagenten konnte man sich nur die Haare raufen: Die Auswahl der diesjährigen Kandidatinnen für "Germany's Next Topmodel" war wieder die sattsam bekannte Erpelshow.

Von


Die Kandidatinnen-Resteparade marschiert im Kreis wie die ungeliebten, ungewählten Reisröllchen, die kurz vor Feierabend noch auf dem Sushi-Laufband um die letzten beiden unentschiedenen Fresser zirkulieren: Eigentlich ist man ja schon satt, aber vielleicht ein letztes noch? Thomas Hayo rafft sich auf und pickt zu. Und wählt als finales Mädchen für sein Team zielsicher die Modelanwärterin, von der man als Sofacoach geglaubt hatte: Die? Niemals.

Das erratische Auswahlverfahren ist nur ein irritierender Punkt von vielen bei der diesjährigen Auftaktfolge von "Germany's Next Topmodel". In den vorangegangenen zwölf Staffeln haben nicht nur die derweil heranwachsenden Kandidatinnen gelernt, wie man richtig geht, post, dramatisiert, auch als ambitionsloser Zuschauer erwarb man im Lauf der Jahre zwangsläufig ein Hilfsmodelagentenzertifikat - entwickelte, ob man wollte oder nicht, ein Sensorium dafür, wie viel Abweichung von der Normschnur die Kandidatinnentruppe, wie viel Verstörung der Zuschauer verträgt.

Und musste sich gelegentlich selbst zur Strafe zwicken, wenn der kleine Thomas Hayo, der einem irgendwann mit baumelnden Beinen und hochgekrempelten T-Shirtarmen auf der Hirnrinde saß, beim Anblick eines nach klassischen Mainstreamterrorkriterien un-hübschen Gesichts reflexhaft "sie sieht modern aus" flüsterte.

Mit so viel Vorbildung frustriert es, wenn man die Hälfte der Auswahlentscheidungen beim "offenen Casting" nicht nachvollziehen kann, mit denen Hayo und sein Coachkonkurrent Michael Michalsky ihre Teams füllen.

Die erste Hälfte der Auftaktfolge gehört allein ihrer ermüdenden, sattsam bekannten Erpelshow, Heidi Klum werden die Kandidatinnen zum ersten Mal nach 100 Minuten zu Gesicht bekommen, der Zuschauer weiß da immer schon dank ausführlicher Klumkörper-Abtastungs-Bikinikamerafahrten, dass sie in der Karibik der groben Vorauswahl harrt. Auch "Deutschland sucht den Superstar" verlegte ja seine Recalls in seichte Strandgefilde, als die Singerei allein nicht mehr so richtig schockte.

Und man hat sie ja wirklich alle schon gesehen, die aufmarschierenden Casting-Knallchargen:

  • Den Instagram-Boyfriend alter Honeyschule ("Zeig mal ein bisschen mehr Po, Schatz, Baucheinziehen wär' nicht schlecht"), der mit nacktem Oberkörper seine Muskelflügelchen zeigt.
  • Das obligatorische Crazy-Girl, das sein Anderssein beständig begleitend anmoderiert und bei dem man sich eigentlich nur fragt, was eigentlich aus Knalltüte Fred und ihrer Glückshose geworden ist.
  • Das Hadermädchen, das sich selbst zum Begafftwerden anmeldet, sich dabei aber extrem unwohl fühlt.
  • Die Simpelgeistige, die verkündet, am liebsten würde sie "halt schon gewinnen" und ihre bemalten Finger zeigt: "Auf meine Hand schreibe ich halt immer "Fame", das erinnert mich daran, an meine Ziele zu glauben."
  • Die fromme Kandidatin, bei der man an die absurden Szenen der Vergangenheit denkt, als Klum und Konsorten ihre Kandidatinnen noch eigenhändig aus der Kirche oder dem heimischen Hühnerstall abholten.
  • Dazwischen irgendwo Selma, die als Objektleiterin einer Reinigungsfirma arbeitet und sich selbst "Putzfee" nennt. Und Michalsky so: "Das ist super. Ganz wichtiger Job."

Wie immer behauptet Michalsky auch, seine Kandidatinnentruppe sei "Team Diversity", und wie immer möchte man dem Coach eine kurze Erklärung dieses Begriffs in barrierefreier Sprache entgegenbrüllen, denn so richtig verstanden hat er ihn wohl immer noch nicht. "Du kannst den Hut auch aufsetzen, wenn du das wirklich willst, denn wir sind Team Diversity", bescheidet er großzügig der superverrückten Klaudia und verteidigt vor Klums strenger Feinauswahl eine generische Instagramblondine: "Zu Team Diversity passt auch jemand, der so lively ist wie Gerda."

Stiefmutter Klum siebt in der Karibik aus

Ein lustiger Renegade-Musikmensch hat die Schönheitsverlesung mit einem Schnipselchen von "Hey du" unterlegt, der Tocotronic-Trotzhymne für alle äußerlichen Abweichler: Das ist der lustigste Moment der Folge.

Schließlich hat man die Top 50 beisammen, die dann in die Karibik geschafft werden, um von der bösen Stiefmutter Klum in einem Sechzig-Sekunden-Shooting weiter versiebt zu werden - die guten auf den Laufsteg, die schlechten auf den Heimweg.

Natürlich bezeichnet Michalsky die dunkelhäutige Tony als "Raubkatze", so viel Diversity muss dann schon sein, dafür wird überraschend Transgender Soraya geopfert, trotz beträchtlicher Zickbereitschaft. Sinnigerweise schickt Klum auch Kandidatin Zoe in die nächste Runde, die Angst vor dem Fotografiertwerden hat. Das Umstyling kommt übrigens erst in Folge vier, falls das von Interesse ist.



insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dbrown 09.02.2018
1. Guckt
diesen Ramsch überhaupt noch jemand außer der armen Frau Rützel, die sich den ganzen TV-Junk berufsmäßig reinziehen muß?
Feuerwehrmann001 09.02.2018
2. Übergriffig
Hab mir diesen Ramsch 15 Minuten lang angesehen und wundere mich, dass hier nicht ein Aufschrei wegen Übergriffigkeit erfolgt. Hab nicht erkennen können, dass hier die Kandidatinnen Ihrem Chef freiwillig und mit großer Begeisterung um den Hals fallen, gleichwohl aber auch wirklich jede der Damen von denen körperlich bedrängt und an sich gezogen wird. Wenn ich als deutscher Vorgesetzter in einem Unternehmen so mit meinen angestellten Damen umgehen hab ich umgehen ein Verfahren wegen sexueller Belästigung am Hals - und zwar zurecht!
HansPa 09.02.2018
3. Unglaublich
Da gibt es nun die #MeToo Debatte. Sexuelle Belästigungsvorwürfe gegen diverser Film- und Fernsehgrössen. Abschaffung der Modells im Motorsport, etc. Und dann kommt dieser unsägliche Schmarren daher. Aber er wird geschaut, von nicht wenigen. Sorry, aber ich kann diesen ganzen Gender Quatsch nicht mehr ernst nehmen. Fakt ist doch: Hast Du als Kerl viel Geld, siehst einigermaßen aus, stehen die Mädels bei Dir Schlange. Mehr muss man dazu nicht sagen.
sametime 09.02.2018
4. Was hat das mit Kultur zu tun?
Was haben Beiträge über dumme Shows aus dem Privatfernsehen mit Kultur zu tun? Bestenfalls würden sie in die Rubrik Panorama passen. Noch besser wäre es, wenn man über diesen Müll erst gar nichts lesen müsste. Gibt es denn für SpOn nicht Berichtenswerteres?
radbodserbe 09.02.2018
5. Ach, das war gestern GNTM und
kein Vorentscheid für das nächste Dschungelcamp ? Hatte mich schon gewundert, wo Dieter Bohlen den ganzen Abend steckte. Man kommt halt bei den ganzen Stars langsam ins Schlingern. Panem et circenses ! Ja, mir ist bewusst, dass ich mir diese Sendungen nicht anschauen muss, aber darüber lustig machen macht schon Spaß. Außerdem bin ich ja als Teil der Gesellschaft durchaus ein Mitbetroffener von den Auswirkungen den diese Formate auf das Verhalten der Zuschauer hat. ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.