Gesundheits-Talk bei Maischberger Danke, dass die Knalltüte fehlte!

Geht doch! Sandra Maischberger lud zur Diskussion über das Gesundheitssystem ein - und obwohl CSU-Krawallmacher Markus Söder dabei war, gelang der Runde eine sachliche Debatte über Kopfpauschale und nicht zugelassene Medikamente. Nur einer nervte mit seiner Überheblichkeit.

Bayerns Gesundheitsminister Söder diskutiert mit der Hamburger Ärztin Christiana Zebidi
WDR

Bayerns Gesundheitsminister Söder diskutiert mit der Hamburger Ärztin Christiana Zebidi

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Irgendetwas ist anders diesmal. Man reibt sich schon bei der Betrachtung der Gästeliste verwundert die Augen: Es geht um unser Gesundheitssystem - hat die Redaktion von "Maischberger" nicht etwas Wichtiges vergessen? Normalerweise ist es ja so: Relevantes Thema, sagt die Redaktionsleitung, aber kompliziert und innerhalb einer Stunde unmöglich zu klären. Also sorgen wir wenigstens für eine lebhafte Debatte. Weil, nur Politiker, Experten und Betroffene, das ist doch langweilig. Um was geht's? Afghanistan? Okay, das haben wir gleich, du da hinten, ruf mal den Bodybuilder Ralf Möller an, der hat immer Zeit und ist stets für eine Schote gut. Oder reden wir nochmal über die katholische Kirche? Drück mal die Wahlwiederholung, da müsste noch die Nummer der Publizistin Gabriele Kuby stehen, die ist noch konservativer als der Papst persönlich. Oder war diese Woche überhaupt nichts los, und wir lassen die Leute einfach mal ohne Thema, Sinn oder Zweck drauflos labern? Dann nimm beide. Und dazu noch Nina Hagen.

Diesmal aber: Thema Gesundheitssystem. Und man kann sich die diesmalige Einladungsliste nur so erklären, dass die Redaktion ihre gesamte Kreativität bei der Titelfindung verpulvert hat. Andererseits: Die lange Titelsuche hat sich doch gelohnt. In der engeren Auswahl standen dem Vernehmen nach bis kurz vor Schluss: "Wie krank ist unser Gesundheitssystem?" (verworfen, weil zu provokant), "Wenn die Kasse zweimal klingelt" (versteht kein Mensch) und der spätere Siegertitel "Patient, zur Kasse bitte!" (solide, vertraut, hinreichend originell für eine ARD-Sendung). Über diese Titel ist also offenbar so lange hitzig diskutiert worden, dass hinterher keine Zeit und Energie mehr übrig war, Ralf Möller anzurufen. Und so geschah das Ungewöhnliche: Sandra Maischberger hat zum Talk geladen - und die obligatorische Knalltüte fehlt.

Stattdessen saßen da grundsolide Menschen mit vernünftigen Ansichten, allesamt redlich und ernsthaft um Problemlösung bemüht: Jens-Uwe Nolte mit seiner Frau Tanja, er leidet an einer seltenen Lungenkrankheit und müsste operiert werden. Das 50-prozentige Risiko, bei der OP zu sterben, könnte er erheblich senken, wenn er vorher ein bestimmtes Medikament einnehmen würde. Das Medikament ist zwar wirksam, aber nicht für diese spezielle Anwendung zugelassen - also will die Kasse es nicht bezahlen. Die Noltes kämpfen gegen diese Entscheidung.

Ganz auf ihrer Seite ist Sibylle Herbert, sie war auch einmal krank und hat ein Buch über die Praxis der Zwei-Klassen-Medizin geschrieben und weiß daher: "Das System stößt an seine Grenzen." Sie wirkt wie eine Nachbarin, die sich auskennt und über den Gartenzaun Tipps gibt: "Man soll nicht blind seinem Arzt vertrauen", "Die Patienten stehen vor der Tür und begehren Einlass", und: "Was wir lernen müssen als Kranke, ist zu kämpfen."

"In drei Minuten könnte ich Ihnen das begründen!"

Neben Herbert dann die Hamburger Hausärztin Christiane Zebidi, eine Ärztin, wie sie sein sollte, eine Ärztin aus Berufung. Sie verschreibt ihren Patienten die nötigen Medikamente, egal ob das Budget noch ausreicht oder nicht. Dafür muss sie sich regelmäßig vor der Kasse rechtfertigen, ist ständig in der Gefahr, in Regress genommen zu werden, und kann kaum ihre Miete bezahlen. Mit diesen Personen aus dem täglichen Leben, man nennt sie im Talkshow-Sprech "Menschen", verbringt Maischberger die erste Viertelstunde. Was ihre Sendung mal wieder wohltuend von vergleichbaren Formaten unterscheidet: Bei ihr werden die "Menschen" nicht auf das "Menschen-Sofa" gesetzt, sondern bekommen Zeit, über ihre Probleme zu reden.

Und sie dürfen auch sitzenbleiben und sogar mitreden, wenn diejenigen dazu geholt werden, die gewählt sind, für die "Menschen" zu arbeiten: die Politiker. Diesmal: Markus Söder (CSU), Gesundheitsminister von Bayern, Heiner Garg (FDP), Gesundheitsminister von Schleswig-Holstein, und Karl Lauterbach (SPD), Gesundheitsexperte seiner Partei und Medizinprofessor, wie immer hat er seine Fliege dabei und einen Intellekt von der Größe eines Planeten. Und alle drei wollen sie den Menschen helfen. Söder hat ja durchaus Knalltütenpotential, redlich erworben damals in seiner Funktion als CSU-Generalsekretär, aber er ist jetzt seriös geworden, schließlich will er irgendwann bayerischer Ministerpräsident werden, er muss nur noch den verdammten Guttenberg aus dem Weg räumen, aber nicht heute, heute ist auch er: ein guter Arzt voller Verständnis für das Problem des Patienten Nolte.

Auch Heiner Garg von der FDP, nicht ganz so profiliert wie die beiden anderen, hält den Ball flach, verdammt die Blödheit der Krankenkasse Noltes, ist ganz ernsthaft bei der Sache und ansonsten froh, wenn ihn Sandra Maischberger ab und zu direkt anspricht, weil er sonst kaum zu Wort käme. Denn eigentlich reden hier Söder und Lauterbach miteinander, nicht etwa gegeneinander, loben nochmal die Leistungen der Großen Koalition, harmonieren geradezu in ihrer Ablehnung der Kopfpauschale. Für Garg haben sie wenig Aufmerksamkeit, Lauterbach kann seine gefühlte Überlegenheit dem Liberalen gegenüber kaum kaschieren, und auch Söder ("Ich mache das etwas ruhiger") will nicht viel mit dem Koalitionspartner zu tun haben. "Wir sind ja beide Gesundheitsminister", belehrt er ihn an einer Stelle jovial. Das ist auch schon die größte Gemeinsamkeit.

Redlich werden die Positionen unter Aufsicht Sandra Maischbergers abgearbeitet. Garg will die Kopfpauschale und hält sie für sozial. Söder tut das nicht und bringt einen einkommensabhängigen Zusatzbeitrag der Arbeitnehmer ins Spiel, was wiederum Lauterbach für zwar etwas gerechter hält als die Kopfpauschale, aber immer noch unsozial, weil die Arbeitgeber nicht beteiligt werden. Wenn der Patient Nolte spricht, hören alle brav zu und nicken. Zwischendurch geht Lauterbachs überragende Intelligenz doch noch etwas mit ihm durch, er behauptet, das Problem Noltes aus dem Stand lösen zu können, der Arzt müsse die Verschreibung des Medikaments doch nur ordentlich begründen, dann würde die Kasse schon bezahlen. Das könne doch jeder Arzt! "In drei Minuten könnte ich Ihnen das begründen!", bricht es aus ihm hervor, das gibt leider Abzüge bei den Volksnähepunkten. Heute säuselt Söder schöner.

Multimorbidität, PKV versus GKV und der Off-Label-Use, man könnte ewig darüber reden, aber wie im Flug ist die Zeit schon wieder herum. Das Schlusswort bekommt der Patient Nolte: "Es wird immer viel geredet. Es muss aber etwas passieren." Ja, genau. Bis nächste Woche.



insgesamt 59 Beiträge
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Wuschelkopp 24.03.2010
1. Kritik an Lauterbach?
Ohje, was passiert mit dem Spiegel? Normalerweise werden seine Äußerungen doch unreflektiert übernommen, wer hat sich denn da an eines der letzten Denkmäler gewagt? Ich hoffe, es gibt mehr davon. Auch seine Arbeit kann kritisch hinterfragt werden!
thinkbest 24.03.2010
2. Vermutung bestätigt
Die eingespielten Befragungen haben mir bestätigt, was ich schon immer vermutet habe: Die Leute = Wähler wissen überhaupt nicht, was Begriffe wie Kopfpauschale bedeuten. Das sind dann wohl diejenigen, die Frau Merkel gute Arbeit bescheinigen.
Bala Clava 24.03.2010
3. Knalltüte überhört?
Die Knalltüte war doch da - wenn auch unter dem Aliud-Begriff "lauter Bach". Sobald dieser "Gesundheitsexperte" mit Dentistenphobie und Aachener Singsangstimme auch nur den Mund aufmacht, geht mein Fernseher wie von Zauberhand aus. Ich glaube, das liegt am Bildschirmschoner, Überlastungsschutz oder ähnlichem.
Vergil 24.03.2010
4. :-)
Lauterbach mit obligatorischer Fliege und dem "Intellekt eines Planeten" - treffend.
fear_less 24.03.2010
5. Sicko!
Unterhaltsamer Artikel, geschrieben mit einigem Witz. Und nur mal als Anmerkung: 10 Lauterbachs sind mir allemal lieber als 1 Rößlein! ICH bin nämlich _nicht_ privat versichert!
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