Gesundheitstalk bei Anne Will Deine Krankheit, dein Pech

Werden Kassenpatienten schlechter behandelt als Privatversicherte? Das Thema der Talkrunde bei Anne Will verwunderte SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr. Er weiß aus eigener Erfahrung: Die Zwei-Klassen-Medizin ist Fakt. Und so drehte sich die TV-Debatte um vieles, nur nicht um die Kranken.

Anne Will, SPD-Politiker Lauterbach, "taz"-Chefin Pohl: "Erstklassige Grundversorgung"
NDR

Anne Will, SPD-Politiker Lauterbach, "taz"-Chefin Pohl: "Erstklassige Grundversorgung"


Einfache Fragen verlangen nach einfachen Antworten. Anne Will wollte am Sonntagabend in ihrer Talkrunde wissen, ob es eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland gibt. Was für eine Frage! Na klar, die gibt es! Und zwar schon lange! Wer anderes behauptet, der sollte schnellstens einen Arzt aufsuchen.

Was mich so sicher macht? Ich habe als Kranker eine ziemlich große Karriere hingelegt. Mit einem massiven Herzfehler geboren, werde ich bis heute von schweren Herzrhythmusstörungen geplagt. Fünf Operationen und Eingriffe an meinem Herzen habe ich hinter mir, derzeit warte ich auf die nächste Runde. Rund 30-mal halfen nur noch Elektroschocks, um mein Herz wieder richtig schlagen zu lassen.

Wegen meiner störanfälligen Blutpumpe durfte ich in den vergangenen fünf Jahrzehnten so um die hundert Herzspezialisten gegenübertreten, in großen und kleinen Praxen, in unterschiedlichen Krankenhäusern, in verschiedenen Städten und sogar in mehreren Ländern. Wenn es also Menschen gibt, die das deutsche Gesundheitssystem aus der Sicht des Patienten genau kennen, dann gehöre ich dazu.

Ohne jeden Zweifel nur zweite Wahl

Sicher, wenn Sie in Deutschland mit Blaulicht in die Notaufnahme rauschen, ist es egal, ob Sie Kassen- oder Privatpatient sind - Sie werden gleich gut verarztet. Während all meiner Klinikabenteuer habe ich immer erlebt, dass in Notfällen nur ein Kriterium über die Reihenfolge der Patienten entscheidet: das Risiko für Leib und Leben.

Jetzt die schlechte Nachricht: Sobald es sich nicht um einen brenzligen Fall handelt, sondern um irgendetwas zwischen Asthma, Bandscheibenvorfall und Blasenentzündung, sind Sie als Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse ohne jeden Zweifel nur zweite Wahl. Dann müssen Sie bei den meisten niedergelassenen Ärzten länger auf einen Termin warten, länger im Wartezimmer sitzen, und dann hat der Doktor weniger Zeit für Sie. Das belegen Studien, das habe auch ich bei Arztbesuchen unzählige Male am eigenen Leib erfahren.

In Krankenhäusern dringen Sie als gesetzlich Versicherter schwerer zu leitenden Ärzten und bekannten Spezialisten vor. Das kann Ihrer Gesundheit leider gehörig abträglich sein, denn entgegen landläufiger Meinung wird man Chefarzt meist nicht nur, weil man über elegante graue Haare verfügt, sondern weil man ein erstklassiger Mediziner ist.

Wer ernsthaft krank ist, muss draußen bleiben

Privatversicherte sind nun mal die Deluxe-Patienten für die Mediziner: Sie bringen mehr Euro in die Kasse, deshalb werden sie besser behandelt. Das ist nicht überraschend, sondern nur logisch.

Umso überraschender an Anne Wills Sendung war, dass über die Frage, ob gesetzlich und privat Versicherte unterschiedlich betreut werden, eine ganze Stunde lang gestritten werden konnte - und das ohne Ergebnis. Es ging nur um politische, fiskalische und ideologische Fragen. Wichtig war dabei allen Rednern, sich unbedingt auf der Metaebene zu zanken, als dürfe gerade bei gesundheitlichen Fragen der einzelne Mensch auf keinen Fall eine zu große Rolle spielen.

Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, schien sich an diesem Abend nicht wohl zu fühlen und sowohl unter Verspannungen im Nacken als auch unter der FDP-Gesundheitspolitik seiner eigenen Regierung zu leiden. Sein politischer Kontrahent Karl Lauterbach, ebenfalls gesundheitspolitischer Sprecher, aber von der SPD, zeigte sich angriffslustig, quälte sich aber mit dem Verdrängen der Gesundheitspolitik seiner Partei, als sie an der Regierung war.

Roland Tichy, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", wusste interessanterweise als privat Versicherter genau, wie gesetzlich Versicherte behandelt werden. Ines Pohl, Chefredakteurin der "taz", sprach sich für eine einheitliche Bürgerversicherung aus und bekundete ihre Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Krankenversicherung.

Und dann lächelte da noch der smarte Volker Leienbach, Direktor des Verbandes der privaten Krankenversicherung. Er lobte wiederholt die "erstklassige Grundversorgung in Deutschland". Es klang so, als ob bei guter Grundversorgung eben auch Ungerechtigkeit nicht schade. Es kann ja schließlich nicht jeder privat versichert sein.

Für mich als Patient war beruhigend, dass alle gemeinsam der Überzeugung waren, dass Gesundheit in Zukunft auf jeden Fall mehr kosten werde. Als chronisch Kranker versichert mich sowieso keine private Krankenversicherung. Es ist ja ganz einfach: Wer ernsthaft krank ist, muss draußen bleiben. Deine Krankheit, dein Risiko, dein Pech.

Nach der Sendung nahm ich, wie jeden Abend, einen Betablocker und ein Antiarrhythmikum. Heute Morgen schlug mein Herz gut.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 170 Beiträge
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Seite 1
clarion2002 20.09.2010
1. naja
Als GKV-Versicherte und als jemand der wegen auch häufiger Mal den Arzt aufsuchen muss, kann ich sagen, das ich mit der aktuellen Situation gut leben kann. Termine bekomme ich bei meinen Ärzten eigentlich auch innerhalb von zwei Wochen, häufig sogar die nächsten ein, zwei Tage. Interessanterweise sind die Termin morgens zwischen 7:30 Uhr und 8:30 Uhr fast immer noch zu haben mit dem angenehmen Nebeneffekt als einer der erster Patienten auch nicht warten zu müssen. Und wenn ich nachmittags /abends zum Arzt gehe und ein PV Versicherter nach mir kommt und vor mir behandelt wird, mein Gott, das zieht mich auch nicht runter. Das ist ja noch immer nicht so, dass ich stundenlang warten müsste. BTW: von dem Zahnarzt, der mir wiederholt stundenlanges Warten zugemutet hat, habe ich mich auch wieder getrennt. Ich finde das Deutsche Gesundheitssystem großartig. Denn wenn die Hütte wirklich brennt, kommt man auch als GKV-ler eine schnelle, adäquate und ggf. auch teure Behandlung. Qualität hat eben auch ihren Preis.
diefreiheitdermeinung 20.09.2010
2. Was uns Herr Mohr verschweigt
ist welche Praemie er zahlt. Und welche Praemie ein Privatversicherter bezahlt. Wie er weiss ich nur dies aus privater, langjaehriger Erfahrung: a) korrekt, ich habe die freie Arztwahl und dringe tatsaechlich zu Chefaerzten durch wenn es sein muss b)die Praemie fuer mich, Frau und Kind liegt bei 1200 Euro im Monat und das bei einer Selbstbeteiligung von mehr als 1000 Euro pro Jahr pro Person c) komplizierte Behandlungen muss ich mir vorher genehmigen lassen. d) und am Schlimmsten: die Praemie steigt jedes Jahr, oft um mehr als 10% UND als Zugabe darf ich fuer die Konsultation das Mehfache dessen zahlen was der Kassenpatient zahlt. Auch beim niedergelassenen Hausarzt. Ja, auch das ist Zweiklassenmedizin!
fridericus1 20.09.2010
3. Sicher gibt es ...
... eine sog. 2-Klassen-Medizin. Bis Anfang dieses Jahres war ich privat krankenversichert, konnte mich dann aber in die gesetzliche retten, nachdem meine Versicherung mir 3 Jahre in Folge steigende Beiträge aufs Auge gedrückt hatte. Ein Unterschied? Sicherlich. Als Privater kriegt man oftmals schneller einen Termin. Aber: gleichzeitig leuchten bei den Damen und Herren Medizinern die Dollarzeichen in den Augen, und wenn man sich nicht wehrt, dann wird gnadenlos jeder Schnickschnack mit einem veranstaltet, weil er ja abgerechnet werden kann. Außerdem war es mir immer peinlich, am wartenden Mütterchen vorbeigeführt zu werden, solche Ärzte habe ich gemieden. Ich glaube aber nicht, dass mir als Gesetzlichem irgendwelche wirklich wichtigen Therapien vorenthalten werden.
intenso1 20.09.2010
4. Beitrag
Zitat von diefreiheitdermeinungist welche Praemie er zahlt. Und welche Praemie ein Privatversicherter bezahlt. Wie er weiss ich nur dies aus privater, langjaehriger Erfahrung: a) korrekt, ich habe die freie Arztwahl und dringe tatsaechlich zu Chefaerzten durch wenn es sein muss b)die Praemie fuer mich, Frau und Kind liegt bei 1200 Euro im Monat und das bei einer Selbstbeteiligung von mehr als 1000 Euro pro Jahr pro Person c) komplizierte Behandlungen muss ich mir vorher genehmigen lassen. d) und am Schlimmsten: die Praemie steigt jedes Jahr, oft um mehr als 10% UND als Zugabe darf ich fuer die Konsultation das Mehfache dessen zahlen was der Kassenpatient zahlt. Auch beim niedergelassenen Hausarzt. Ja, auch das ist Zweiklassenmedizin!
Eine Putzkraft die für 3,50€ in einem Hamburger 5 Sterne Hotel arbeiten muss, ist es natürlich nicht möglich die Prämie zu zahlen.
elecherc 20.09.2010
5. Nicht nur 2 Klassen beim Arzt
Meiner Meinung nach werden das Chefarzt-Problem und das Wartezimmer-Problem meistens viel zu hoch gespielt. Wer als Arzt Erfahrungen sammeln wil und sich profilieren will, kann nicht nur nur aus 10% der Patienten (nämlich der Privat-Versicherten) auswählen, er muss auch Kassenpatienten behandeln. Und die meisten niedergelassenen Ärzte benötigen zur Finanzierung ihres gesamten Praxis-Betriebs auch die 90% der Kassenpatienten. Meine Erfahrungen mit Wartezeiten als Kassenpatient sind deshalb gar nicht so schlimm. Der eigentliche Skandal ist aber, dass die Privatversicherungen die "guten Risiken" (jung, gutverdienend, ledig)herauspicken und damit der Solidarität des Gesamtsystems entziehen dürfen. Und es ist nun einmal so, dass diese Personengruppe weniger kostet als Ältere oder chronisch Kranke. Und dieser Zugang wird von Schwarz-Gelb jetzt auch noch erleichtert. Gleichzeitig will man den privaten Kassen unter Hinweis auf ältere Ex-Beamte und Pflichtmitglieder in der Basisversorgung jetzt auch noch die Vorteile der gesetzlichen Kassen zuschustern (z.B. günstigere Medikamente). Übrigens, eine Unverschämtheit ist es, wenn der Vertreter der Privatkassen von 30 Millionen Privatversicherten spricht - wegen Zusatzversicherungen z.B. für Zahnersatz und 1-Bettzimmer. Und niemand in der Runde bei A. Will widerpricht. Das sollten eigentlich auch die gesetzlichen Kassen machen dürfen - es käme der Solidarität der Versichertengemeinschaft zugute. Aber auch hier betreibt Schwarz-Gelb eindeutige Lobbypolitik zugunsten der Privatkassen. Ach so, alle Beamten und Abgeordneten sind ja auch privat versichert...
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