Girlpop-Reihe auf Arte Pompons, Pop und Politik

Radikale Cheerleader und sanfte Tyranninnen: Arte widmet sich in seiner Doku-Reihe "Summer of Girls" den Frauen der Popmusik. Außer blöden Voyeurismus-Filmchen für ältere Herren gibt es auch einige wirklich tiefschürfende Exkursionen in die weibliche Seele des Pop.

ARTE/ BOY TOY, INC

Man wundert sich ja über gar nichts mehr: George W. Bush war jahrelang versierter Cheerleader. Früher nämlich, so wird in der Dokumentation "Cheerleaders - Ein amerikanischer Mythos" erklärt, ging man davon aus, dass die Mengenaufheizer geradezu für politische Führungsämter prädestiniert waren. Auch drei weitere US-Präsidenten feuerten in den Anfangszeiten des damals ausschließlich männlichen Sports vom Spielfeldrand aus das Publikum an.

Dass man Cheerleadern heutzutage ganz andere Qualitäten unterstellt, darum geht es außer vielen weiteren Aspekten wie Gender, Geschichte und Image in der durchaus unterhaltsamen Sendung. Schließlich werden auch die Ambivalenzen des Cheerleadings ausgelotet, denn das übersexualisierte Herumturnen der All-American-Beauties, die mit ihren Pompons wedeln, ihre weiße Zahnreihen und Unterhöschen zeigen, kann auch zu einem "radical cheerleading" umgemünzt werden, bei dem das Animieren in Agit-Prop-Tradition für das Überbringen von ganz anderen Botschaften benutzt wird: Es lässt sich eben auch gut "Resist/ resist/ fight the capitalist!" oder "Resist/ resist/ show 'em what they can kiss!" skandieren. Denn die Menge schaut sowieso hin, wenn ein junges Ding im knappen Röckchen mit ihrem Po wackelt.

"Cheerleaders" ist ein toller Eröffnungsfilm für das "Summer of Girls"-Programm, mit dem Arte zwei Monate lang ganz unterschiedliche Aspekte des Weiblichen im Pop auslotet. Ratlos bleibt man dagegen vor der ebenfalls am Dienstag ausgestrahlten Sendung "Girls, Girls, Girls - Wie Frauenbands die Musikszene erobern" zurück. Sie lässt zwar wunderbare Zeitzeuginnen wie die Mitbegründerin der Supremes, Mary Wilson, oder die Runaways-Sängerin Cherry Currie zu Wort kommen. Aber die Ignoranz von Frauenmusikbewegungen wie den Rrriot Grrrlz und die Tatsache, dass Girlgroups wie die No Angels und "echte" Bands wie The Bangles oder Warpaint unter einen Titel gepresst werden, ist arg fahrlässig.

Penisabdrücke aus 40 Jahren

Eine Girlgroup bezeichnet nämlich immer (oft gecastete) Sängerinnen mit Mut zur Bühnenchoreografie - und nicht Bands mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern, die Songwriting und Instrumente beherrschen und sich aus reiner Lust an der Musik gründeten. Dass in Frauenbands, die freiwillig zusammengekommen sind (und nicht am Managerschreibtisch geplant wurden), mehr gestritten wird als in der landläufigen Männer- oder gemischten Band, ist zudem eine extrem gewagte Aussage, gegen die man den oft größeren und länger währenden Erfolg der Männer im Showbiz entgegensetzen kann: Aus einer Band, die Millionen verdient, steigt man eben so schnell nicht aus.

Auch das diskussionswürdigste Thema der Reihe, weibliches Fantum, das Adrian Stangl für seine Doku "Groupies - Backstage zu den Stars" gewählt hat, wird eher zweifelhaft aufbereit: Zwar zog der Autor mit Jenny Fabian, Pamela Des Barres und Cynthia Plaster Caster die drei bekanntesten Groupies überhaupt ins Gespräch. Und allein die Szene, in der Mrs. Plaster Caster freimütig erklärt, wie sie die Penisgipsabdrücke seit 40 Jahren in ihrer Küche herstellt und dass sie nicht selbst mit den angebeteten Musikern verkehrte, weil sie einfach zu hässlich sei, macht den Film sehenswert und traurig.

Doch dass nicht ein einziger Musiker zu Wort kommt, der den verklärenden Aussagen über angebliche sexuelle Selbstbestimmung und Fun, Fun, Fun eine andere Note gibt, ist ärgerlich. Dabei hat die Londonerin Jenny Fabian ja bereits 1971 in ihrem autobiografischen Roman "Groupie" ihre Erfahrung als Männerwünsche befriedigender Backstage-Engel so bitter und treffend beschrieben, dass man sie unbedingt damit konfrontieren müsste. Passierte aber leider nicht.

Peggy Sue trifft Donna

So gleitet die Reihe an vielen Stellen nur über schöne Oberflächen. Zudem wird die Überschrift "Summer of Girls" von den Arte-Verantwortlichen im weiteren Programm recht großzügig interpretiert. Wieso findet man die Grande Dame der Popmusik Madonna eigentlich unter dem Titel "Beruf It-Girl"? Und die R'n'B-Innovatorin Missy Elliott oder die feministische Musikunternehmerin und Künstlerin Linda Perry, was für eine Pleite, kommen in der Reihe gar nicht erst vor. Dafür gibt es dann zum Abschluss die extrem flache, permanent unters Röckchen lugende filmische Minirock-Lobpreisung "Kurz, knapp und sexy".

Unverständlich bleibt auch, dass die Doku "Girls in Popsongs" ausgerechnet bei dem Motto-Abend "Singing Ladies" gelandet ist, obwohl es eben nicht um Musikerinnen, sondern um Musen geht: unter anderem um Buddy Hollys rhythmische Liebeserklärung an "Peggy Sue", deren Protagonistin Peggy Sue Garron, eine stattliche Blondine mit pfiffigem Kurzhaarschnitt, damals von Hollys Schlagzeuger weggeschnappt wurde. Buddy Holly und Ritchie Valens, dessen Liebeslied "Donna" die Single-A-Seite zur weitaus bekannteren B-Seite "La Bamba" belegte, kamen 1959 bei einem Flugzugabsturz ums Leben. Und Peggy Sue Garron rief Jahre später bei einer Donna an und sagte: "Bist du Oh Donna? Ich bin nämlich pretty pretty Peggy Sue, vielleicht sollten wir uns mal zum Mittagessen treffen."

"Girls in Popsongs"-Regisseur Markus Heidingsfelder war für seine exzellente Poprecherche außerdem bei Leonard Cohens "Suzanne" Verdal, die immer noch "rags and feathers from salvation army counters" zu bevorzugen scheint und nach einem Tanzunfall jahrelang fast mittellos in ihrem Hippietruck leben musste. Er sprach mit Helo Pinhero, dem echten "Girl from Ipanema", das zwischenzeitlich knappe Bikinihöschen verkaufte und von der damaligen Weigerung erzählt, sich mit Sonnenmilch einzucremen: "Es hat mich besonders gefreut, dass es im Original heißt: gebräunt von der Sonne von Ipanema!"

Und bei Sharona Alperin, einer sympathisch pferdegesichtigen Immobilienmaklerin aus Kalifornien, zog das verzweifelte "My Sharona" von The-Knack-Sänger Doug Fieger sogar eine vierjährige Beziehung nach sich: "Ich habe ihn verlassen, weil ich auch mal wieder meine Sharona sein wollte." Die große Stärke an Heidingsfelders Dokumentation ist die Verortung der Frauen in der Gegenwart: Auch aus angeblich unsterblichen Musen werden irgendwann Insolvenzverwalterinnen oder Hausfrauen, Maklerinnen oder Moderatorinnen.

Und so geht man bei allen voyeuristischen Schwächen und plumpen Vereinfachungen mit einigen profunden Erkenntnissen aus der Arte-Reihe heraus: Hinter jedem strahlenden weiblichen Popmythos steckt eine komplexe Biografie - aber nicht in jedem Cheerleader-Röckchen ein dummes Blondchen.


"Cheerleaders - Ein amerikanischer Mythos", Dienstag, 5. Juli, 22.05 Uhr
"Girls, Girls, Girls", Dienstag, 5. Juli, 22.05 Uhr
"Groupies - Backstage zu den Stars", Dienstag, 12. Juli, 22.10 Uhr,
"Girls in Popsongs", Dienstag, 26. Juli, 22.00 Uhr
"Beruf It-Girl", Dienstag, 9. August, 21.55 Uhr
"Kurz, knapp und sexy - der Minirock", 30. August, 21.50 Uhr
Alle Dokus (und weitere) laufen in der Reihe "Summer of Girls" bis Ende August auf Arte.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
alexderzweite 05.07.2011
1. Na klar...
..."Neben blöden Voyeurismus-Filmchen für ältere Herren..." Diese älteren Herren werden in der SPON-Zielgruppe wohl auch vermutet. Oder warum ausgerechnet dieses Aufmacherfoto für den Artikel... ;o)
Mindbender 05.07.2011
2. ...
Zitat von sysopRadikale Cheerleader und sanfte Tyranninnen: Arte widmet sich in seiner üppigen*Reihe "Summer of Girls"*den*Frauen der Popmusik. Neben blöden Voyeurismus-Filmchen für ältere Herren gibt es auch einige wirklich*tiefschürfende Exkursionen in die weibliche Seele des Pop. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,772297,00.html
Das, was hier richtig, müsste nur noch auf der Artikelseite selber korrigiert werden. "Ausser... gibts es auch..." klingt, erm, schon ein wenig merkwürdig.
dererkenner 05.07.2011
3. etwas naiv
Diese strenge Unterscheidung zwischen "Frauenbands" und Girlgroups (die einen hui, die anderen pfui) kommt einen doch recht naiv vor. Erfolgreiche Bands, die sich "einfach nur so" gefunden haben, gibt es fast gar nicht, weder bei den Männern, noch bei den Frauen. Und oft erweisen sich die "gecasteten" Mitglieder von Girlgroups als gar nicht so untalentiert (auch wenn man mich jetzt steinigt: eine Melanie Chisholm ist mir allemal lieber als eine Susanna Hoffs). Zu erwähnen wäre vielleicht auch, dass Linda Perry (für die Autorin offensichtlich "super hui") ihre größten Erfolge als Produzentin von Christina Aguilera (ich schätze mal "super pfui") feierte. In der Musikindustrie gehts bunt zu, also bitte aufhören mit dieser Schwarzweißmalerei.
pauldx 06.07.2011
4. Girlpop
Zitat von sysopRadikale Cheerleader und sanfte Tyranninnen: Arte widmet sich in seiner üppigen*Reihe "Summer of Girls"*den*Frauen der Popmusik. Neben blöden Voyeurismus-Filmchen für ältere Herren gibt es auch einige wirklich*tiefschürfende Exkursionen in die weibliche Seele des Pop. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,772297,00.html
Nun, das meiste wird wohl Mummpitz sein. Der weiblichen Seele des Pop kommt man eher mit Kate nahe: http://www.youtube.com/watch?v=H5UsjqXXcZ4
Kurt_Saum 06.07.2011
5. Tiefschürfende Exkursionen in die weibliche Seele
Zitat von sysopRadikale Cheerleader und sanfte Tyranninnen: Arte widmet sich in seiner üppigen*Reihe "Summer of Girls"*den*Frauen der Popmusik. Neben blöden Voyeurismus-Filmchen für ältere Herren gibt es auch einige wirklich*tiefschürfende Exkursionen in die weibliche Seele des Pop. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,772297,00.html
Toll, das muss ich unbedingt sehen. Ich stehe total auf tiefschürfende Exkursion in weibliche Seelen. Bei den blöden Voyeurismus-Filmchen schaue ich dann einfach kurz weg.
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