Von Jenni Zylka
Oh, wie herrlich wird die ferne Zukunft, in der man über solche Themen einfach nicht mehr reden muss. In der man keine Platzhirsche mehr findet, die sich gegenüber Quotenfrauen äußern, die es dann auch nicht mehr geben wird. In der jemand wie der ehemalige BDI-Präsident Michael Rogowski, der bei "Hart aber fair" zum Thema "Platzhirsch gegen Quotenfrau - Hindern Männer die Frauen wirklich am Aufstieg?" freundlicherweise jene Platzhirschfunktion übernahm, nicht mehr sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, eine Frau als Chefin zu haben."
Eine echte Retro-Aussage. Und sie erzählt viel über das Problem, das schwer zu diskutieren ist, weil eigentlich fast alle ein bisschen Recht haben: Frank Plasbergs Gast Angelika Dammann beispielsweise ist Personalvorstand bei SAP und damit eine der raren weiblichen Vorstände, und will - neben Rogowski - keine Quote, weil die Qualifikation, und nichts anderes, entscheiden sollte. Stimmt, aber das Problem der prinzipiell schlechter verdienenden Frauen ist damit nicht gelöst. Denn, sagt sie, es muss sich in der Gesellschaft etwas verändern, und das klappt nicht durch eine erzwungene Quote.
Ohne aber auch nicht: Moderator Plasberg lässt gleich zweimal den verqueren, weitgehend aussagefreien Kernsatz zitieren, der beim Treffen der Regierung mit den 30 Dax-Konzernen am Mittwoch formuliert wurde: "Die Unternehmen werden jeweils für ihr Unternehmen spezifische und differenzierte Ziele zur Erhöhung des Frauenanteils in der Belegschaft und in Führungspositionen bestimmen, ihre unternehmensspezifische Zeitleiste definieren und regelmäßig über die Ziele, Maßnahmen und erreichten Ergebnisse berichten." Plasberg fasste das hübsch und in Fußballersprache als "Schau'n mer mal" zusammen.
SPD-Vize-Chefin Manuela Schwesig warf den Unternehmern vor, namentlich ihrem Sitznachbarn Rogowski, mit dieser halbgaren und nicht verpflichtenden Aussage schlichtweg nichts zu verändern: Das Ziel, mehr Frauen in die Führungspositionen zu locken, würde schließlich schon seit Jahren vollmundig in die Welt geplärrt, getan habe sich, mit fünf weiblichen von über 180 deutschen Vorständen, fast nichts.
Moralisch verhaftet in der "Mad Men"-Welt
Für Rogowski ist das Glas mit diesen fünf (und noch vielen anderen Entwicklungen) dagegen halbvoll. Er tönt, Bewerberinnen nicht mehr - wie früher - zu benachteiligen, weil sie ja schließlich jederzeit schwanger und damit unbrauchbar werden können, und versucht, das schelmisch als persönlichen Lernprozess zu verkaufen. Was es für ihn ja auch ist. Die ehemalige "taz"-Chefin und Publizistin Bascha Mika wirft daraufhin ein, dass man aufhören solle, das Thema Kinderbetreuung und die daraus resultierenden zeitlichen Notlagen aus schlechter Gewohnheit bei den Frauen abzuladen. Und klopft damit endlich wieder auf das Grundproblem: Quote oder nicht, umdenken ist wichtiger.
Dass anscheinend nicht genug Bewerberinnen für Führungspositionen, gerade in technischen Berufen, aufzutreiben sind, ändert sich nicht mit einer Quote. Aber durch sie wären die Unternehmen gezwungen, eben jene potentiellen Führungsdamen auszubilden, sie bei Laune zu halten, kinder-, betreuungs- und teilzeitfreundlich zu sein. Denn, Männerbündelei hin oder her, kein Unternehmen möchte unqualifizierte Mitarbeiter.
Mika spricht von feigen Frauen, die sich nicht trauen, an den Traditionen zu kratzen, und will die Quote als Möglichkeit verstehen, jenen Frauen Mut zu machen. Doch dazu braucht es mehr als: Zunächst müssten vermutlich sämtliche Forderungen der Gäste durchgesetzt werden, gesellschaftlicher Wandel, mehr Teilzeit, mehr Jobsharing, mehr Betreuung, mehr Ehrgeiz, mehr Vorbilder, mehr Geld, mehr Prestige, mehr Quote für Frauen und mehr Quote für Männer, damit sie den Jungen in den Kitas von der Pike auf das ungerechte Weltbild austreiben, und nebenbei für eine Erhöhung der Erziehergehälter sorgen können.
Zwar kam die Sendung nicht ohne die typischen Provokationen des als Schreihals geladenen Rogowski und seinen in einer "Mad Men"-Welt verhafteten Vorstellungen aus. Genausowenig wie ohne die gleichermaßen ihren Hintergründen verpflichteten Repliken der Parteipolitikerinnen - Schwesig und die FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin, die auch ihre eigene Partei wegen mangelnden Quotenwillens tadelte. Aber immerhin hielt sich Plasberg mit dem Klüngeln zurück, und die vier weiblichen Gäste, die in vielen Punkten ohnehin nur graduell unterschiedlicher Meinung waren, ebenfalls: Es gab auch schon Talkshows zum gleichen Thema, in denen mehr sauer geschnattert als diskutiert wurde.
Plasberg verplemperte die letzten Minuten seiner Sendung allerdings mit der Frage nach der angeblichen Uniformiertheit der führenden Frauen, und hatte dazu ein Gruppenbild von Merkel und Konsorten in schwarzen Anzügen vorbereitet. Dabei ist es nun wirklich absolut wurscht, was jemand anziehen zu müssen meint, um sich Respekt zu verschaffen. Und manchen Menschen stehen einfach keine Gucci-Kleidchen.
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