Promi-Soap "Glööckler, Glanz und Gloria" Harald, König von Klunkerland

Bühne frei für den Meister des vergüldeten Schnörkeltands. Vox schenkt dem Modedesigner Harald Glööckler eine eigene Doku-Soap. Doch der Lieblingsparadiesvogel des Boulevard bringt das TV-Genre an seine Grenzen: Wem so wenig peinlich ist, den kann man nicht mehr bloßstellen.

VOX

Als Schneider ist er das Äquivalent zum Schlagerfuzzi. Er macht Mode für Leute, die Mode hassen und von der Mode gehasst werden. Ein Meister der Oberfläche, knietief im Kitsch. Ein Jeff Koons, gefangen in der Aura eines Liberace. Irgendwann sagt Harald Glööckler, er würde den Leuten gerne den "wahren Harald" zeigen, also "die Seele, das, was dahinter ist".

Bei dem, was davor ist, haben wir es mit einem unterhaltsamen und geschäftstüchtigen Darsteller zu tun. Er spielt die Rolle des Modedesigners so, wie TV-Homeshopping-Kundinnen sich das vorstellen, wenn Glööckler dort seinen vergüldeten Schnörkeltand zum Anziehen feilbietet. Ständig klappert und klingelt es, wenn er spricht, weil beim Gestikulieren seine Klunker klackern. Gerne streut er zwecks Würze ein paar elegante Französismen in seine Rede, das klingt weltläufig und beiläufig nach Paris. Es schmeichelt also beiden, wenn er seine Geschäftsfreundin Brigitte Nielsen ganz weich "Brischitt" nennt. Ein Mensch, der von seriösen Couturiers höchstens maliziös belächelt wird, muss irgendwas so falsch machen, dass es schon wieder richtig ist.

Das alles kann, wer will, dem neuen Vox-Format "Glööckler, Glanz und Gloria" entnehmen. Wir erleben den 46-Jährigen als Chef seines kleinen Unternehmens in Berlin, wo er seit einigen Jahren "wirkt", und auf Reisen - etwa zu routinemäßigen Wartungen nach Darmstadt zum Chirurgen. Dort muss sich der Ästhet wohl oder übel von hinten begutachten: "Ist ja schrecklich, ich will's gar nicht sehen. Da guck mal, der Schinken, der Po war runtergerutscht. Ist klar, wenn das Fett von oben drückt." Danach ist aber wieder alles gut. Charmant auch der Besuch in einem Berliner Tattoo-Studio, wo Glööckler dem vierschrötigen Tätowierer auf der Haut skizziert, was er gerne hätte: "Ich bin eine lebende Vernissage. Ich glaube, ich verlange demnächst Eintritt!"

Eine Lichtorgel von Badewanne

Beide übrigens, der Schnippler und der Stecher, reden ihrem besten Kunden rührend nach dem Mund. Das ist eben das Praktische am Dasein als Diva, dass einer Diva niemand widerspricht. Verbreitet Glööckler Weisheiten wie "Wenn man die Menschen kennt, liebt man die Tiere" wiedergibt, dann schickt er stets ein huldvoll einvernehmliches Nicken hinterher. Derbere Einlassungen begleitet er mit aufgesetzt schamhaftem Gehüstel. Die üblichen Tricks, den peinlichen Protagonisten etwa durch forschende Kamerablicke auf "normale Menschen" wie die Putzfrau oder den Fahrer noch peinlicher erscheinen zu lassen - sie verfangen bei einem wie Glööckler nicht.

Wenn ihn der Schönheitschirurg für seinen Körper bauchpinselt ("Du siehst aus wie'n junger Bub") und die Stimme aus dem Off kurz "Schleimer" sagt, dann vernichtet das den Arzt, nicht den Patienten. Der sagt: "Das wollt' ich ja" und ist fein raus, "Keiner regt sich darüber auf, wenn der Nachbar das Haus renovieren lässt", sagt er. "Wenn sich einer das Gesicht aufspritzen lässt, regen sich alle drüber auf."

Einmal sitzt Glööckler in seiner riesigen Badewanne mit zuschaltbaren Unterwasserfarben und erzählt unter Geblubber den bärtigen Witz vom Frosch, der behauptet, er sei ein Schwan. Der lange Anlauf zur Pointe wird vorgespult, damit Glööckler besonders verschwatzt und piepsig rüberkommt. Dabei wirkt er in seiner Lichtorgel von Badewanne aber trotzdem nur etwas abgespannt, aber freundlich.

Sein langjähriger Lebensgefährte und Manager ist Dieter Schroth, ein unscheinbarer älterer Herr mit weißen Haaren und überm Bauch sich spannenden Hemd von Lacoste, dem, erinnert er sich an die Anfangstage ihrer Beziehung, beinahe die Tränen in die Augen steigen: "Ich lebte damals in Scheidung, hatte zwei Töchter, die ich sehr geliebt habe, und Harald sagte zu mir: Gemeinsam stehen wir das durch. Und er hat Wort gehalten, bis heute. Das vergesse ich ihm nie".

In Szenen wie diesen klingt an, wie Glööckler wurde, was er ist - die erstickende Jugend in der schwäbischen Provinz, der gewalttätige Vater, der die Mutter von der Treppe in den Tod stößt, der Aufstieg vom Jeansverkäufer in Stuttgart, der sich ein zusätzliches "ö" zulegt und zum Lieblingsparadiesvogel des Boulevard wird. Ein Vogel freilich, der bei aller Grellheit doch brav und mit schwäbischem Einschlag das Hohelied von der Disziplin singt. Überall liegen lose Fäden herum, die niemand aufnimmt. Und so kommt es, dass man sich bald für all die nachträglich eingestreuten "Ahas" und "Ohos" des allwissenden Erzählers mehr schämt als für den Unsinn, den Glööckler erzählt.

Diese Art von Fernsehen interessiert sich nicht für seine Protagonisten, sondern lauert nur auf Vorlagen, sie als jämmerliche Gestalten darzustellen. So wie zuletzt auf Vox mit der Promi-Soap über Lothar Matthäus. Das geht mit "Glööckler, Glanz und Gloria" aber gründlich schief. Denn wie soll einer der Lächerlichkeit preisgegeben werden, der sich in der Lächerlichkeit häuslich eingerichtet hat und es dort ganz gemütlich findet?


"Glööckler, Glanz und Gloria", dienstags, 20.15 Uhr, Vox



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
blackouttotal 03.07.2012
1. optional
Go, Harald, go.....Bleib so, wie du bist.
norbert_normal 03.07.2012
2. Unterschied
Im Gegensatz zu Lothar Matthäus scheint mir Herr Glööckler auch ein sehr netter Mensch zu sein. Liegt vielleicht auch daran, dass sich Loddar immer noch sucht (und zwar offensichtlich an den falschen Stellen) während Herr Glööckler bereits "angekommen" ist. Da schliesse ich mich einem Vorposter an: er möge sich nicht verbiegen lassen!
Hemul 03.07.2012
3. und was zeigt das deutsche Fernsehen demnächst?
Als ich zufällig in der Werbepause auf diesen -was ist das eigentlich, ein Mensch? - stieß war ich im ersten Augenblick geschockt, dann musste ich lachen und danach schnell weiterklicken... Puh, nochmal entkommen, dachte ich bei mir? Er, Sie, es oder was? hat das deutsche Fernsehen keine anderen Themen, Personen oder Persönlichkeiten die einer Sendung würdiger wären. Aber wer "ab ins Bett" oder die "Superchefs" oder ähnlichen Blödsinn verkraften, können sich auch diesen Pausenclown ansehen! Der Typ sollte wirklich Eintritt nehmen >müssen< eventuell schaft er dann den Rücksprung in die Normalität!
Hank Hill 03.07.2012
4. Dem Fernsehen faellt schon lange nichts mehr ein.
Warum sollte man sich langweilige Existenzen in ihrer ganzen Popeligkeit angucken ? Ich habe versucht mir eine Folge von Matthaeus anzusehen und nach 20 Minuten das Handtuch geworfen. Er lief mit seinem "Freund und Manager" durch einen Markt in Budapest um eine Flasche Ketchup zu kaufen, und ich sah ihn in einem Restaurant bei "Maennergespraechen". Dieser Modemacher sieht aus wie ein Pubertaetsinvalide, hab noch nie etwas von dem gehoert. Da kann sich dann die VOX Gemeinde trefflich ueber ihn und seinen schwulen Freund aufregen. LOL
Na Sigoreng 03.07.2012
5. Wird von seriösen Couturiers maliziös belächelt: ....
Klar ! Futterneid ! Es geht um's Geldverdienen - das tut er jetzt wohl. Über Geschmack lässt sich streiten, also kann mann's sein lassen. Der Mann hat seine Nische gefunden und grast sie ab.
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