Götz George in seinem letzten Film Scheiß Globalisierung!

In seiner letzten Filmrolle schlägt sich Götz George als Bergbauberserker mit Investoren und Robotern herum. "Böse Wetter" ist ein kleines knorriges Grubendrama - mit einem großen zornigen George.

ARD/ Maria Krumwiede

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Kein Berg ist tief genug, als dass du dich darin vor der Globalisierung verstecken könntest. Am besten also, du trittst raus aus dem Schacht, wischst dir den Ruß aus dem Gesicht und stellst dich deinen Widersachern.

Den Chinesen, die überall auf der Welt Eisenerze aus dem Boden holen, sodass du mit deiner kleinen Mine im Harz eigentlich nur einpacken kannst. Den Holländern, die das deutsche Mittelgebirge als Ferienidyll entdeckt haben und aus deiner Grube ein Ferienparadies mit Biergarten und Bergbaumuseum machen wollen. Den jungen deutschen Ingenieuren, die mit kleinen hoch entwickelten Robotern anrücken, weil sie glauben, in den von dir schon lange ausgebeuteten Stollen Silbervorkommen zu finden.

Der Wüterich, der sich gegen Investoren und Invasoren stemmt - das ist natürlich eine Paraderolle für Götz George. Es ist seine letzte geworden, sie ist ihm würdig. Im Juni dieses Jahres, genau ein Jahr nach den Dreharbeiten zu "Böse Wetter" im Sommer 2015, ist der Schauspieler im Alter von 77 Jahren verstorben.

Immer wieder spielte George Rollen, in denen er sich für die Verlierer und die Verlorengegangen des Landes schlug. Gegen alles, was als böse Macht empfunden wurde. Gerne stellt man sich vor, wie der Schauspieler in Interviews zu der Fernsehausstrahlung von "Böse Wetter" gegen Bonzen und Politiker gewettert hätte, wenn er noch am Leben wäre. Scheiß Globalisierung!

Zum Tod von Götz George

Schon in den frühen "Tatorten" engagierte er sich als Kommissar Schimanski, in den Achtzigerjahren bei den großen Arbeitskämpfen im Pott. In einem der brutalsten und besten Filme seiner späteren Phase, Andreas Kleinerts Stahlarbeiterdrama "Als der Fremde kam" von 2006, spielte er dann einen Gewerkschaftsführer, der während eines Streiks seine Kumpel verrät.

Kann Silber den Harz retten?

Die Möglichkeit des Verrats ist nun auch in "Böse Wetter" immer präsent. George spielt den Bergbaubaron Ferdinand Türnitz, der eine Mine im Ostteil des Harzes nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze leitet, und bei dem man nicht so recht weiß, ob er ein gnadenloser Egoist oder ein unverbesserlicher Gemeinschaftsmensch ist. Seine Leute fährt er immer wieder harsch an, wenn die sich in den Schächten rumtreiben, die er eigentlich schon geschlossen hat. Schlummert tief im Berg ein Geheimnis?

Über Kreuz liegt Türnitz auch erst einmal mit dem jungen Geologen Leonard Gehra (Matthias Koeberlin), der hier mit einem Mini-Roboter im Gepäck auftaucht, um in den einsturzgefährdeten Schächten nach Silbervorkommen zu forschen, durch die möglicherweise die ganze Region gerettet werden könnte. Doch Gehra schleppt auch seine eigene Vergangenheit an: Er stammt aus dem Bergarbeiterort, sein Vater ist bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen, als er noch ein kleiner Junge war.

In diesem Glauben ist Gehra zumindest aufgewachsen. Wie er nach seiner Rückkehr herausfindet, könnte sein Vater aber auch bei einem Versuch getötet worden sein, aus der DDR durch einen der Stollen in den Westen zu flüchten. Nicht ganz klar ist, welche Rolle der alte Türnitz dabei gespielt haben könnte.

"Böse Wetter" ist ein knorriges kleines Grubendrama, das man nicht mehr häufig im Fernsehen zu sehen bekommt - eben weil es solche knorrigen kleinen Gruben wie im Film kaum mehr gibt. Der (fiktive) Handlungsort trägt den schönen knarzigen Namen Buchenrode, die stillgelegten Schächte werden hier zärtlich-resigniert "die Regina" oder "der Hubert" genannt, als ob es alte, sieche Freunde wären.

Die Dramaturgie des Malocher-Opus um Erz und Schmerz (Regie: Johannes Grieser, Buch: Nicholas Hause und Michael Gebhart) ist konventionell, streckenweise ein bisschen athritisch steif. Aber das macht nichts, umso ehrlicher abgerungen scheinen Schweiß und Ruß auf der Stirn des körperbetont aufspielenden Darstellerensembles.

Götz George jedenfalls läuft in diesem Film, dessen Ausstrahlung angemessen staatstragend auf den Tag der deutschen Wiedervereinigung programmiert wurde, noch einmal zu großer Form auf. Auch weil er für den schlichten Generationenkonflikt im Schatten der deutsch-deutschen Geschichte ein weiteres Mal sein Gespür für ambivalente Figuren zeigt. Man weiß nicht so recht, ob man es bei seinem Türnitz mit einem halsstarrigen Patriarchen zu tun hat, der gegen all die Fragen der Jungen wütet, weil er sich selbst vor der Wahrheit schützen will. Oder weil er die anderen schützen will.

Der Mann im Berg, der Berg von Mann, so wollen wir Götz George in Erinnerung behalten.


"Böse Wetter", Montag, 3. Oktober, 20.15 Uhr, ARD

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Europa! 03.10.2016
1. Klingt gut
Das werd ich mir ansehen.
Ruhrgirl 03.10.2016
2. Ich freue mich
auf einen unterhaltsamen Fernsehabend mit dem großen Götz George und bin gleichzeitig traurig, dass es der letzte sein wird (von Wiederholungen mal abgesehen). Mehr als schade!
kaiserudo 03.10.2016
3. Wir haben nicht mehr so viele gute Schauspieler.
Götz George fehlt sehr. Mir fallen nicht mehr viele große Schauspieler ein. Hardy Krüger noch, auch wenn der schon im Ruhestand ist. Matthias Brandt Willys Sohn. Und noch Henry hübchen. Dann hört es aber auch schon auf mit "Groß". An Götz kommen heutzutage nicht mehr viele heran. Es ist traurig aber man wird wohl auch Götz George erst nach seinem Tode so richtig vermissen, als er noch lebte hat man ihn ja vielerorts gnadenlos runtergeschrieben. Er fehlt. Mir fehlt er. Ich bin mit schimanski aufgewachsen. Und habe praktisch alles von Götz George angesehen weil er im Film eine solche Präsenz hatte. Was da sonst heutzutage im TV läuft ist sehr beliebig. George war ein garant für Qualität.
woswoistndu 03.10.2016
4. Man braucht
den Film eigentlich nicht gesehen zu haben, um auch vorher schon zu wissen, dass George glänzen wird und wieder bewusst wird, wie sehr er uns fehlt.
betonklotz 03.10.2016
5. Hört sich interessant an.
Es klingt auf jeden Fall deutlich besser als vieles, was einem sonst so vorgesetzt wird. Zu Götz George, er war unbestritten gut, aber auch begrenzt. Die Rollen, die im lagen spielte er gut. Aber die Wandlungsfähigkeit, die die ganz großen haben die hatte er nur eingeschränkt.
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