Zum Tod von Götz George Der Selbstbezwinger

Götz gegen George: im Kampf mit der Welt und sich selbst hat er unerhörte Energien freigesetzt. Jetzt ist der größte deutsche Schauspieler der Gegenwart im Alter von 77 Jahren gestorben.

Götz George (am 7.11.2013)
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Götz George (am 7.11.2013)

Ein Nachruf von


Ein Gespräch mit Götz George war schwierig. Äußerte man einen Hauch von Kritik, gab es Ärger. Machte man ein Kompliment, gab es noch größeren Ärger. Der Mann war in ständiger Opposition. Zu den Medien, denen er misstraute. Zu den Sendern, von denen er sich hintergangen fühlte. Und vor allem war Götz George zu Götz George in Opposition. Wie oft er unzufrieden mit sich war.

Wenn Kunst von Quälen kommt, dann ist George, der in seiner Paraderolle als Schimanski mit unkaputtbarem Schnauzergrinsen Blondinen klar- und Bonzen plattmachte, als wäre das das Leichteste der Welt, sowieso der größte Star der deutschen Filmkunst gewesen.

Woher dieser Schmerz? Sein Biograf Torsten Körner hat in dem wunderbaren Lebensbericht "Mit dem Leben gespielt" einmal als wichtigste Triebkraft Georges eine ödipale Kränkung herausgearbeitet, zugefügt durch den Volksschauspieler und Vater Heinrich George, der 1946 in Sowjetischer Haft starb, als der Junge acht Jahre alt war. Der Vater galt als Nazi-Mitläufer, hatte in dem antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" mitgewirkt.

Vor drei Jahren verkörperte George seinen Vater in dem Dokudrama "George". Natürlich war er danach wieder erzürnt über alle. Über die Journalisten, die das Werk zum Großteil verrissen, über den Sender, der den Film zusammengedampft hatte. Und über sich selbst, weil er zweifelte, dem großen Vater gerecht geworden zu sein.

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Schauspieler: Götz George ist tot

"Da war ich out."

Ein Spätwerk, das zeigte, wie der Mensch in ganz frühen Jahren geprägt wird. Der Alte warf einen langen schwarzen Schatten über den Jungen. Heinrich George war wohl auch einer der Gründe, weshalb Götz George in den Sechzigerjahren nichts mit dem Abrechnungsmodus der jungen Wilden vom Neuen Deutschen Film anfangen konnte. Als die pauschal Papas Kino für tot erklärten und Papas Leben in Nazi-Deutschland zum Verbrechen, blieb Götz George still.

In der Sechzigern spielte er bei der Karl-May-Verfilmung "Unter Geiern" mit, in den Siebzigern Episodenrollen bei "Der Alte" oder "Derrick". Während das deutsche Kino um Fassbinder und Wenders mit seinem radikalen Chic auch international für Furore sorgte, spielte George in der Provinz Tschechow und Shaw.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte er einmal: "Mir war dieses Anti-Theater von Fassbinder und seinen Leuten zu albern. Da war ich out." Die Einsamkeit hat ihn geprägt, sie hat seine Sensibilität und Sensorik geschärft. Und so war es tatsächlich George, der 1977 schließlich das erste große moderne Nazi-Psychogramm verantwortete: In Theodor Kotullas "Aus einem deutschen Leben" verkörperte er den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß; statt NS-Finstermann-Folklore lieferte er mit leiser Präzision die Darstellung eines Leistungsträgers in Hitlers Tötungsindustrie.

Deutschland, deine Täter. Sie sollten George nicht ruhen lassen. 1995 spielte er in Romuald Karmakars "Der Totmacher" den berüchtigten Serienmörder Fritz Haarmann, der unbekümmert von der vermeintlichen Natürlichkeit des Tötens spricht. In Roland Suso Richters Faschismusparabel "Nichts als die Wahrheit" schwadronierte er 1999 als greiser KZ-Arzt Josef Mengele über die Banalität des Bösen. In Nico Hofmanns "Der Sandmann" gab er 1995 einen zum Bestsellerautor avancierten Frauenmörder. Geliebter Killer.

Überhaupt: dieser Körper!

Im tiefsten Abgrund lief er zu Hochform auf: In Andreas Kleinerts "Nacht ohne Morgen" von 2011 spielte George einen bieder-bürgerlichen Staatsanwalt, der ein Doppelleben im Strichermilieu führt. Ein Film über Einsamkeit und Selbstverleugnung, der einem das Herz zerreißt.

Was sehen wir, wenn wir einen Film mit Götz George sehen? Eigentlich fast immer einen Mann im Kampf mit sich selbst. Götz gegen George. Er war ein Selbstbezwinger, aus dem Widerspruch zu sich selbst produzierte er diese unglaubliche Energie, so erkämpfte er aber auch Raum für Ambivalenzen, die bei einem Body Actor wie ihm selten sind.

Überhaupt: dieser Körper! Ein, zwei Filme drehte George noch im Jahr. Dann ging es immer wieder schnell weit weg von dem als Zumutung empfundenen Film- und Fernsehbetrieb nach Sardinien, wo er den Tag mit Schwimmen und Fahrradfahren verbrachte. Kein blödes Pumpen, keine Personal-Trainer-Kaspereien.

So hielt sich George auch für seinen Schimanski fit, den er alle paar Jahre auf den Bildschirm zurückholte. 1981 sah man diesen Schimanski erstmals in einem "Tatort". In der ersten Szene soff er ein rohes Ei, kurz darauf fiel das Wort "Scheiße", das deutsche Fernsehen war neu erfunden. Inzwischen hat es sich fast ein paar Mal selbst zerlegt, aber George und Schimanski hatten das alles überlebt.

Noch 2013, da war George 75 Jahre alt, vermöbelte sein Duisburger Proll-Cop mit Pommes rot-weiß auf der Hand Zuhälter. Alle Action-Szenen hatte der Schauspieler selbst gespielt, er sah verdammt gut aus, es knackten nur die Knochen der anderen.

George hatte den Kampf gegen sich selbst mal wieder haushoch gewonnen! Wir träumten davon, das würde noch ewig so weitergehen.

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Götz George bereits am 19. Juni verstorben. Es wird keinen Zweiten wie ihn geben. Der deutsche Film hat seinen mächtigsten Gegner und größten Star verloren.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE mit dem Schwerpunkt Medien und Gesellschaft.

E-Mail: Christian_Buss@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
querdenker13 27.06.2016
1. Ein großer ist gegangen
Ein der besten und großartigsten deutschen Schauspieler hat uns leider verlassen. Ich werde ihn, nicht nur wegen Schimanski, vermissen. Ruhe in Frieden.
f-rust 27.06.2016
2. Wunderbare Würdigung.
Frage: der "größte" der Gegenwart? Mario Adorf? M. Schell (war aber wohl Österreicher). Dennoch: Das Leben von G.G. entsteht so im Kopf noch einmal ... Danke.
arch.aisch 27.06.2016
3. Guter Artikel
Dennoch eine kleine Anmerkung: Auch wenn´s heute ohne Superlative kaum noch geht: Es ist nicht automatisch jeder der Größte, nur weil er gerade gestorben ist. (Keine Frage dass er herausragte)
brotherandrew 27.06.2016
4. Götz ...
... George war noch ein richtiger Typ, authentisch und so ehrlich wie möglich. Er war kein Abziehbild wie z.B. Til Schweiger. Ausserdem war er ein sehr guter Schauspieler, der sein Handwerk beherrschte. Gibt es in Deutschland noch eine/n aktive/n Schauspieler/in, der/die auch nur annähernd in dieser Liga spielt? Mir fällt keine/r ein. Schade, daß auch er jetzt nicht mehr unter uns ist.
odapiel 27.06.2016
5. Dieses Jahr
kostet uns die Besten. RIP
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