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Goldene Kamera: "Wahrheit braucht Zeit"

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Goldene Kamera 2016: Gruppen-Selfies und Gesangseinlagen Fotos
DPA

Licht und Schatten, Freude und Pein: Die Verleihung der "Goldenen Kamera" bot am Samstagabend reichlich von beidem. Und fand erstaunlich klare Worte zur Flüchtlingsdebatte.

Solch starke Temperaturschwankungen kennt man sonst nur von der Kneipp-gerechten Krampfadernbehandlung mit Heiß-kalt-Wechselgüssen: Beim Betrachten der "Goldenen Kamera" hätte man sich gestern eine hübsche, akkurat symmetrische Perlenkette aus schönen und eher unguten Momenten auffädeln können, so gleichmäßig verteilt waren beide Extreme bei der Preisverleihung. Oder, um es vielleicht etwas wertneutraler zu formulieren, so rein Yin-und-Yang-mäßig war alles im Lot.

Yin: Anscheinend bleibt man beim ZDF auch mal länger auf, wenn zum Beispiel Neil Patrick Harris bei seinen regelmäßigen Gala-Eröffnungen im US-TV singend durch die TV-Welt stolpert. Comedian Michael Kessler und Schauspieler Matthias Maschke begannen den Abend mit einer deutlich davon inspirierten, aber durchaus witzigen Nummer, bei der sie zu "TV Was My First Love" durch einen Fernseh-Albtraum wanken: Kessler muss für Smudo bei "The Voice" vorsingen, mit Hans Sarpei um die Wette Paso Doble tanzen und eine Helene-Fischer-Flugnummer absolvieren.

Hätte das Duo diesen Humor nicht auch auf Gala-Länge halten können, fragt man sich betrübt, als Moderator Thomas Gottschalk auf die Bühne kommt? Natürlich mit "Jetzt bin ich's doch wieder, wer soll's denn auch machen"-Scherzen und einer Brokathose, die zwischen Schlafanzug und "aus der Tapete eines schwülen Etablissements geschnitten" changierte. Tatsächlich machte er seinen Job dann gut, mit der Routine eines Kummer gewohnten Resolut-Onkels, der auch potenziell grenzwertige Familienfeiern auf den Gleisen halten kann.

Die Hölle der Dankesreden

Yang: Cordula Stratmann riss das zarte Witzgerüst gleich wieder ein - mit einer faden Endlos-Verzettel-Laudatio für die Kategorie "bester Schauspieler" (die Jörg Hartmann für Weissensee gewann).

Yin: Unverwüstliche TV-Gala-Gucker wissen: Die Hölle, das sind die Dankesreden. Ein netter Einfall, dies im Bühnenbild auch optisch umzusetzen: War die Redezeit vorbei, begann der Bühnenboden rund um den Schwadroneur oder die Plapperantin langsam immer mehr zu lodern. Sehr nützlich, zumal es einem beim Zuschauen so vorkam, als ob das Lebenswerk mancher Preisträger da in Echtzeit nacherzählt werden sollte.

"Was wiegt mehr, ein Tonne Eisen oder eine Tonne Federn?", lautet eine alte, staubige Scherzfrage, und natürlich sind beide gleich schwer, haha. Wie auch viele Laudationes oder Dankesreden gestern gleich lang waren, und doch Unterschiedliches beim Zuhörer bewirkten: Manche waren nur enervierend-ausführliche Federwirbelei, andere trafen einen tatsächlich mit massiver Wucht.

Dank auch an den Hund

Allen voran schaffte das die für ihre journalistische Arbeit ausgezeichnete Dunja Hayali. Sie fand offene und unpathetische Worte zum Flüchtlingsthema, mit zitierwürdigen Aussagen wie: "Glaubt eigentlich irgendjemand, dass es etwas bringt, dieser ganze Hass?", "Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie gottverdammt ein Rassist", "Bitte bleiben Sie offen", "Wahrheit braucht Zeit".

Wie gut, dass sie knapp vor der gefühlten Heiligsprechung auch noch ihrem Hund dankte, besser und sympathischer kann man so eine Rede nicht halten. "Ich weiß, das war zu lang", flüsterte sie danach Gottschalk zu - und ins offene Mikro. Er wisperte zurück: "Aber das musste gesagt werden."

Yang: Schon zuvor hatte man versucht, das schwere politische Thema in den leichten Flirrstoff einzuweben, indem Gottschalk versicherte, auch die Glamour-Menschen aus der Fernsehwelt seien davon betroffen: "Wir sehen zu Hause dieselben Nachrichten und machen uns dieselben Sorgen", moderierte er eine "Everybody Hurts"-Coverversion von Max Mutzke an. Im Hintergrund zerstob dazu in einer Videoanimation alles Schlimme in kleine Feuerwerksfunken, die Bilder waren vorsichtshalber jeweils in dicken, völlig überflüssigen Lettern überschrieben: "Charlie Hebdo", "Syrien", "Flucht". Da knirschte das "Jeder hat mal Schmerzen" doch gewaltig.

"Einfach auf den Welpen schauen"

Yin: Welch prächtiger Einfall, Laudator Florian David Fitz mit einem Welpen auf dem Arm auf die Bühne zu schicken, um Quotendellen vorzubeugen: "Wenn Ihnen bei meiner Rede langweilig wird: einfach auf den Welpen schauen." Ein Kind war vorsichtshalber auch noch da, um Maria Simon als beste Schauspielerin auszuzeichnen. "Als Mensch in der Öffentlichkeit ist es wichtig, ein Statement zu machen", sagte sie, gut und richtig so weit.

Yang: Dann entschied sie sich allerdings für die mittelbizarre Darbietung eines mutmaßlich selbst geschriebenen Liedes. Angetan mit einem festlichen Morgenrock sang sie viel "dudiduduuu dudiduuuduuuu" und "Du bist the center dieser Welt." Vielleicht sang sie auch "the Sender dieser Welt" - also Medienkritik? Oder "the Santa", also Weihnachtskritik? Oder meinte sie center im Sinne von Einkaufszentrum, so Gesundbrunnen-Center-mäßig?

Denn falls sie doch center im Sinne von "Mittelpunkt" sang: Ist das nicht gerade das Dilemma, dass viele Menschen sich fälschlicherweise für das Zentrum des Universums halten? Die Schwenks ins fassungslose Publikum während des Gesangs waren jedenfalls hervorragend. Und Barbara Schöneberger hätte man allein für ihre Lachverbeißungsversuche kurz vorm Prustauswurf den Publikumspreis als bester Showmaster gewünscht (wurde dann aber doch Günther Jauch).

Kniefall für die Synchronstimme

Yin: Zwecks Glamoursteigerung wurden wie immer auch internationale Schauspiel-Stars geehrt, die sich allesamt als wahren Sympathiebolzen erwiesen. Julianne Moore (in herrlicher Rabenrobe) packte ihr Teenager-Deutsch aus ihren Frankfurter Jahren aus: "Mein Deutsch ist kaputt." Gerard Butler erzählte ausführlich, wie er mal, bestrahlt von Nachttischlampen, einen Geburtstags-Handyvideogruß für seinen Freund, den laudatierenden Til Schweiger, aufgenommen habe. Und Helen Mirren sagte: "Ich stehe hier als Tochter eines Flüchtlings. Nothing stays the same." Am Ende ging sie noch mit dem im Boden versinkenden Mikro in die Knie, um ihrer deutschen Synchronstimme zu danken.

Yang: Trotz internationalem Glitz ist die heimische Provinz dann doch immer nur eine Johannes-B.-Kerner-Schalte weit entfernt: Live vom "Ball des Sports" sang die deutsche Handball-Nationalmannschaft ein Ständchen für Helene Fischer (ausgezeichnet als bester deutscher Musik-Act), und zwar fatalerweise selbst Gereimtes zur Melodie von "Atemlos": "Du bist cool / und ein Schatz / hast wie wir / den ersten Platz".

Echter Irrsinn

Yin: Schön, dass auch Platz für echten Irrsinn war: Der ausgezeichnete Nachwuchsschauspieler Edin Hasanovi freute sich über alle Maßen, "weil ich so brenne für den Job, ich habe so Bock!". Er schrie, schnaubte, heulte und fand alles geil, da wollte man direkt mitmachen. Auch er schlug den politischen Bogen: "Ich bin 1992 als Flüchtling nach Deutschland gekommen, viele, die jetzt kommen, haben auch Potenzial."

Irrer und wilder war dann nur der fabelhafte Max Giermann als Klaus Kinski, der die Drehbücher für den Film des Jahres verriss, an passenden Stellen "Hier hast du was zu fressen, Schlampe" und "Du dumme Sau, du" reinredigierte und mit einem "Los, Gottschalk, moderier den Scheiß runter, du Arschloch" abging. Lag es an dieser vorsorglich eingebauten kollektiven Triebabfuhr? Am Ende überwogen jedenfalls tatsächlich die guten Schnipsel.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Eigentlich reicht
pratter 07.02.2016
eine Kritik von Ihnen zu einer Sendung, Frau Rützel, um auf die Sendung selbst zu verzichten. tausendmal besser. Das erinnert mich daran, als vor vielen Jahren meine fernsehverrückte Tochter (damals 6 Jahre) im Auto einen Fußballkommentar vom legendären Werner Hansch mit anhören mußte und so davon begeistert war, dass von Stund an diese Veranstaltung Pflicht war.
2. Klasse auch im seriösen Fach
henrich.wilckens 07.02.2016
Sehr gute Rezension von unserer Dschungelcamp Kult-Berichterstatterin! Danke, daß keine Haarfarbe mehr als labradorig beschrieben wurde...
3.
goethestrasse 07.02.2016
.. dem ist nichts hinzuzufügen. Außervielleicht "viele die jetzt kommen, haben auch Potenzial".
4. die arme frau rützel
uksubs 07.02.2016
nun muss sie nicht mehr dschungekcamp gucken un anstatt sich eine auszeit zu gönnen, dann eben jetzt goldene kamera. allein - es ist sehr unterhaltsam, es zu lesen.
5. peinlich-tv at its best
the great sparky 07.02.2016
gnadenlose selbstbeweihräucherungs-show der tv-kaste mit vor mainstream triefenden "anspruchs-botschaften". wer ist zielgruppe für derartigen schmonz bzw. wer tut ... äh ... schaut sich so etwas freiwillig an? unfassbar, da geht vergleichsweise dsds noch als hochwertig durch.
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