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Goldene Kamera: Monica Lierhaus lässt Günter Netzer zittern

Von Peer Schader

Der Auftritt von Monica Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera war bewegend und irritierend zugleich: Sie hatte sich eine Sendung ausgesucht, in der sonst scheinbar zufällig ausgewählte Preisträger belanglose Reden hielten. Ihr Comeback war das überraschende Ende eines durchwachsenen Abends.

Um kurz nach elf war Günter Netzer auf der Bühne und sagte: "Ich würde jetzt lieber einen Elfmeter in der 90. Minute vor einer Milliarde Menschen schießen als hier zu stehen - so nervös bin ich." Es war wohl nicht übertrieben: Mit zittrigen Händen hielt er die Karten, von denen er ablas, und am Ende versagte ihm bei ihrer Ankündigung die Stimme.

Aber dann stand sie da vor dem Mikrofon, im blauen Abendkleid mit zusammengebundenen Haaren, blass, aber mit entschlossenem Blick: Netzers ARD-Kollegin Monica Lierhaus.

Zwei Jahre ist es her, dass die Sportjournalistin plötzlich vom Bildschirm verschwand, weil es bei einer Operation Komplikationen gegeben hatte. Bei der Verleihung der Goldenen Kamera zeigte sie sich am Samstagabend erstmals wieder ihrem Publikum.

Ein bewegender und zugleich irritierender Auftritt

"Das ist ein sehr emotionaler Moment für mich", sagte Lierhaus, nachdem ihr Lebensgefährte sie hereingeführt hatte. "Es ist schon sehr lange her, dass ich das letzte Mal auf einer Bühne stand - und unter diesen Voraussetzungen schon mal gar nicht."

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Goldene Kamera: Das Comeback der Monica Lierhaus
Im Saal hatten viele Gäste mit den Tränen zu kämpfen. Sichtlich angeschlagen erklärte die 40-Jährige, sie kämpfe sehr hart dafür, ihre Eigenständigkeit wiederzuerlangen und bedankte sich für den Ehrenpreis, den sie an diesem Abend verliehen bekam. "Ab heute möchte ich wieder an meiner Zukunft arbeiten", versprach sie und fing gleich damit an: Sie machte ihrem Lebensgefährten auf der Bühne einen Heiratsantrag.

Das war bewegend und irritierend zugleich - vielleicht, weil es so überraschend kam, vielleicht weil es eine ungewöhnliche Art und ein ungewöhnlicher Ort ist, sich nach schwerer Krankheit in der Öffentlichkeit zurückzumelden.

Auf jeden Fall war es ein unerwarteter Abschluss für einen eher durchwachsenen Abend, an dem der Axel-Springer-Verlag mit seiner Programmzeitschrift "Hörzu" zum 46. Mal die Goldene Kamera vergab - an Schauspieler, die sich um das deutsche Fernsehen besonders verdient gemacht haben, an Publikumslieblinge und Hollywoodgrößen, deren Management nicht schnell genug abgelehnt hat.

Gut möglich, dass die Stars abends in L.A. beim Bierchen zusammensitzen und sich gegenseitig fragen: Musstest du auch schon nach Deutschland, um dir einen dieser Verlegerpreise abzuholen? Dann geben die alten Hasen den Neulingen ein paar Tipps: Sag was Nettes über Berlin; lächle immer freundlich, auch wenn der Moderator Kauderwelsch redet und der Übersetzer aufgegeben hat; und vor allem, sag ein paar Worte auf Deutsch: "Ich bin glücklich und stolz hier zu sein."

Es ist unklar, mit welcher Zufallsauswahl die Preisträger ausgelost werden

Oder man macht's wie Eros Ramazotti, der in der Kategorie "Beste Musik International" ausgezeichnet wurde, auf die Bühne kam, einfach "Danke!" sagte und nach zehn Sekunden augenblicklich zu dem bestellten Medley überging, bei dem Verlegerin Friede Springer in der ersten Reihe fröhlich mitklatschte.

Überhaupt schleicht sich an so einem Abend ein bisschen der Verdacht ein, die Goldene Kamera könnte in erster Linie ein etwas überdimensioniertes Wohnzimmerkonzert für die sein, die es auch bezahlt - so enthusiastisch wie Frau Springer mitschunkelte und mitwippte, vor allem als Gloria Gaynor ihren Hit "I will survive" sang. Dafür gibt's Gold! Und endlich mal können die Frau Verlegerin und der Herr Vorstandsvorsitzende all die Leute live sehen, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen.

Die Auszeichnung an sich, so scheint's, ist eher Mittel zum Zweck. Was sonst soll die Goldene Kamera im Jahr 2011 darstellen? Einen Fernsehpreis? Einen Musikpreis? Einen Preis für 32 Jahre alte Charterfolge, die Thomas Hermanns gerne mitsingt?

Es ist von allem ein bisschen was und deshalb nicht ganz klar, mit welcher Zufallsauswahl vor allem die internationalen Preisträger ausgelost werden. John Travolta war da, redete ein paar - selbst auf Englisch - wirre Worte über seine ehemalige Deutschlehrerin und musste mitansehen, wie sich Moderator Hape Kerkeling im Frauenkostüm digital in seinem Film "Pulp Fiction" hineingeschmuggelt hatte. Ob's ihm gefallen habe, fragte Kerkeling nachher - und Travolta reagierte so cool wie sonst an diesem Abend keiner mehr: "Horst Schlämmer ist besser."

Eine recyclebare Rede von Renée Zellweger

Davor hatte Danny DeVito bereits eine mehrstündige Laudatio auf Michael J. Fox gehalten, den er in seinem Leben zuvor offensichtlich erst einmal gesehen hat, und nutzte die Gelegenheit, seine deutschen Kollegen zur Benutzung von Twitter aufzufordern ("Ich krieg da enorm viel Feedback!").

Renée Zellweger lieferte eine vorbildliche Dankesrede ab, die so allgemein und so höflich war, dass sie sie locker auch noch bei der nächsten Preisverleihung im Ausland einsetzen kann. Macht sie wahrscheinlich auch.

Und national? Anna Loos und Jan-Josef Liefers brauchen sich nicht zu streiten, auf welchem Nachttisch die Goldene Kamera ab sofort steht, sie haben beide eine bekommen - sie als beste Schauspielerin, er in der Publikumswahl für den Münsteraner "Tatort". Iris Berben nannte ihren fürs Lebenswerk bepreisten Kollegen "Armin Müller-Stahl-Träger". Günther Jauch wurde bester TV-Moderator und ist laut Kerkeling "der lebende Beweis, dass man mit einem Radiogesicht auch im Fernsehen Erfolg haben kann", und hatte seine Frau mitgebracht, die nicht besonders zufrieden aussah. Lena hat auch einen Preis gekriegt, der Vollständigkeit wegen.

Ach ja, und Ulrich Tukur hat bei seiner Dankesrede gleich am Anfang das Mikrofon kaputt gemacht. Mehr hätte man nicht wissen müssen von diesem Abend. Doch dann kam Monica Lierhaus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Es tut gut!
tiwole 06.02.2011
Zitat von sysopDer Auftritt von Monica Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera war bewegend und*irritierend zugleich: Sie hatte sich eine Sendung ausgesucht, in der sonst scheinbar zufällig ausgewählte Preisträger belanglose Reden*hielten. Ihr Comeback war das überraschende Ende eines durchwachsenen Abends. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,743804,00.html
Wie schön, dass ab und zu ein Mensch Herzen bewegt! Ich drücke Monica alle Daumen!
2. ich fand es geschmacklos
Meckerliese 06.02.2011
Warum nur hat sie sich das angetan? Ich fand es geschmacklos sie so vorzuführen. Mir kamen die Tränen......
3. Theater?
sam clemens, 06.02.2011
Das Theater um Monica Lierhaus zeigt mMn vor allem, dass der Medienzirkus ein geschlossener Betrieb ist. - Klar - die Frau ist schwer krank und ihre Anstrengungen sind bewundernswert, aber: Solche Sachen passieren täglich vielen Menschen, nur dass die Betroffenen eben nicht "dazugehören". Viele leben von Hartz IV und müssen lange, mit großer persönlicher Unsicherheit verbunndene Rentenverfahren durchlaufen, viele bleiben geistig und seelisch behindert, viele leben elend. Für den Medienzirkus sind sie nicht interessant - das alles ist ja "normal", also kein Skandal, es betrifft keinen der Ihren. Ich will das Leiden von M. Lierhaus nicht relativieren, doch die Branche sollte sich mal Gedanken über ihr Selbstverständnis machen und darüber, ob "eigene" Krankheiten mehr "wert" sind als die anderer.
4. reingezappt und rausgezappt
jujo 06.02.2011
Zitat von sysopDer Auftritt von Monica Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera war bewegend und*irritierend zugleich: Sie hatte sich eine Sendung ausgesucht, in der sonst scheinbar zufällig ausgewählte Preisträger belanglose Reden*hielten. Ihr Comeback war das überraschende Ende eines durchwachsenen Abends. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,743804,00.html
nach dem Tatort im WDR kurz reingezappt, hatte das Gefühl eine Wiederholung von 2010 oder 2009 oder zu sehen.
5. Diskussion?
Selvan, 06.02.2011
Zitat von sysopDer Auftritt von Monica Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera war bewegend und*irritierend zugleich: Sie hatte sich eine Sendung ausgesucht, in der sonst scheinbar zufällig ausgewählte Preisträger belanglose Reden*hielten. Ihr Comeback war das überraschende Ende eines durchwachsenen Abends. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,743804,00.html
Was gibt es da groß zu diskutieren? Wir wünschen ihr einfach weiterhin alles Gute.
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