"Goldene Kamera": Willkommen im Fernsehen der Achtziger

Von Arno Frank

Goldene Kamera: Mutter Beimer trifft Al Pacino Fotos
DPA

Deutsche Showprovinz trifft auf globale Prominenz: Mutter Beimer auf Al Pacino, der Blonde vom "Dschungelcamp" auf Clive Owen - die "Goldene Kamera" hat alle Erwartungen erfüllt, auf die Piefigkeit des ZDF ist Verlass. Daran konnte auch die Rückkehr von Hape Kerkeling nichts ändern.

Neulich hat sich die "New York Times" so ihre Gedanken gemacht. Über die deutsche Fernsehkultur und ihr beunruhigendstes Symptom, "Wetten, dass.. ?". Die Lage sei ernst und die Frage drängend, "warum Deutschland mit seinen großartigen Traditionen in Literatur, Theater und Film" kein "herausforderndes, komplexes Fernsehen" zuwege bringe.

Nun kränkt kaum etwas den Deutschen so sehr wie der Verdacht, er könnte in irgendwas "international nicht konkurrenzfähig" sein. Wer federt also gleich beim nächstbesten deutschen Fernsehereignis auf die Bühne? Markus Lanz. Die Leser der Programmzeitschrift "Hörzu" haben "Wetten, dass.. ?" zur besten Unterhaltungsshow gewählt. Knapp, aber doch vor "Frag doch mal die Maus" mit Eckart von Hirschhausen. Lanz ergreift die Goldene Kamera, tritt ans Mikro ("Weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll!") und sagt mit Blick auf seine Trophäe: "Jetzt ist die Frage, wie erklären wir das jetzt der 'New York Times'?".

Tja, wie erklären wir das? Rituale wie die "Goldene Kamera" sind für uns, als wohnten wir dem feierlichen Fest einer Familie bei, der wir, die Zuschauer, auch irgendwie angehören. Um uns überall Gesichter, die man schon lange kennt oder doch kennen müsste. Weil man ihnen hin und wieder um 20.15 Uhr und manchmal auch im Kino begegnet ist.

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Da ist doch Tante Iris, hat sich gut gehalten! Dort drüben Onkel Axel, ganz schön alt geworden. Tante Christine sieht mal wieder blendend aus, wobei, die soll ja gespritzt sein, aber… pssst. Und wer sitzt denn da eigentlich den ganzen Abend neben Oma Friede? Wir tragen alle schwarz und sind ein bisschen beschwipst, wie im Gasthaus nach einer guten Beerdigung.

Was dagegen? Müssen wir immer alles gleich der "New York Times" erklären? Was sind wir denn? Fleißige Schuljungen? Generöse Gastgeber sind wir! Da sitzt zum Beispiel Sigourney Weaver. Total natürlich geblieben, ein echter Star. Bei jedem Auftritt eines ebenfalls prominenten Gastes (Clive Owen! Al Pacino! Boy George!) geht die Kamera ganz nah ran an Sigourney Weaver, damit wir erfahren, ob Sigourney Weaver auch ausreichend beeindruckt ist davon, was das deutsche Fernsehen so an Prominenz aufzufahren in der Lage ist.

Gerne hätte man ihr Gesicht gesehen, als der verstorbene Dirk Bach geehrt wurde. Mit einem Lied. Gesungen von Birgit Schrowange, Jürgen von der Lippe, Isabel Varell, Guildo Horn, diesem Mädchen aus dieser Telenovela, dem Alten aus der "Lindenstraße" und einem kleinen Blonden aus dem "Dschungelcamp". Es ist ein sehr rührendes Lied: "Tränen sind wie Rauch, sie vergeh'n", aber niemand geht so ganz, "etwas bleibt besteh'n".

In ihrer Rede verkündet Weaver ungerührt, ihr Lieblingsregisseur sei Ernst Lubitsch. Und falls es einen neuen Lubitsch oder eine neue Lubitschin in Deutschland gäbe, sollten die einfach mal bei ihr, Weaver, in Hollywood anrufen, wo doch der alte Lubitsch bereits 1947 das Zeitliche gesegnet hat. Anders als Joe Cocker, der prompt dafür ausgezeichnet wurde, noch am Leben zu sein ("Lebenswerk Musik"). Onkel Joe, total normal geblieben. Singt uns einmal mehr den unsterblichen Klassiker "Up Where We Belong". Im Duett mit Jennifer Warnes. In Zeitlupe, weil's gar so schön ist. Das ist er womöglich, der aktuelle Stand der deutschen Fernsehunterhaltung. 1982. Ein guter Jahrgang!

"Sind Sie Schauspieler?"

Beim "Hörzu"-Leserpreis konnte am Telefon, im Internet oder per Feldpost, pardon, Postkarte abgestimmt werden. Über diese banalen Modalitäten wurde in epischer Breite und mit Hilfe ausgeklügelter Infografiken informiert. Und dann als Zugabe ein Satz, der die urdeutsche Hingabe an Showbiz und Entertainment präzise auf den Punkt bringt: "An dieser Stelle auch herzlichen Dank an unsere zuverlässigen Partner von der Deutschen Post." Das ZDF - dein (zuverlässiger) Partner in Sachen Piefigkeit. Alles Hohe muss gekrümmt, alles Große heimgebogen werden. Und wenn ein Al Pacino seine Rede hält, müssen wir Mutter Beimer groß im Bild sehen. That's Entertainment!

Enttäuschend auch Hape Kerkeling, als Moderator sonst eine Bank. Bei seiner Rückkehr nach einem Jahr Auszeit stakste er leicht angerostet über die Bühne, begnügte sich mit einem zombiehaften Best-of seiner Karriere. Eingangsscherzchen über den Berliner Flughafen und Rainer Brüderle verhallten unbelacht. Am Anfang spielte er lieblos auf seine Rolle als Königin Beatrix an, am Ende verabschiedete er sich mit "Ich bin dann mal weg". Dazwischen zitierte er seinen eigenen "Hurz"-Sketch, dies immerhin mit dem Klassik-Superstar Lang Lang am Flügel. Dessen Mutter machte im Publikum mit einer kleinen Digitalkamera ungeniert Fotos. Fürs Familienalbum daheim, für später. Schau mal, Lang Lang, damals, im deutschen Fernsehen. Weißt du noch?

Anklänge seiner früheren Form zeigte Kerkeling, als er mit gezücktem Reclam-Heftchen und scheinbar wahllos herausgepickten Gästen aus Shakespeares "Romeo und Julia" zitierte. Sein zweites Opfer ("Sind Sie Schauspieler?") war Max von der Groeben, der dann wirklich mit dem Nachwuchspreis überrascht wurde. Der junge Mann ging völlig unvorbereitet auf die Bühne und zog sich, selbst als er einen Mercedes geschenkt bekam, charmant aus der Affäre: "Ich hab' noch keinen Führerschein."

"Was machen Sie hier? Ich will eine Insel kaufen"

Überraschend unpiefig auch Charlie Hübner (Kategorie: "Bester Schauspieler"), der immer mehr dem jungen Orson Welles ähnelt und auf der Bühne angenehm wirr über "den Song 'Go With The Flow' von den Queens Of The Stone Age" sprach. Hier rockte das ZDF mal.

Hans-Dietrich Genscher schließlich widmet Dieter Hallervorden eine Laudatio von vollendeter Eleganz. Mensch, Künstler, Leben, Sinn, alles drin. Man träumt noch vor sich hin, wie diese Begegnung wohl 1975 ausgesehen hätte, da erzählt Genscher schon die Anekdote vom gemeinsamen Frühstück in Kanada: "Fragt er: Was machen Sie hier? Ich sage: Nato. Und was machen Sie hier? Sagt er: Ich will eine Insel kaufen." Das hat ciceronisches Format, das treibt selbst "Didi" einen Fremdkörper ins Auge, den er sich verstohlen rauswischen muss.

Erst am Ende unterläuft Genscher scheinbar der stilistische Fauxpas, noch einmal auf die bereits von ihm erwähnte Katharina die Große zurückzukommen. Die war wie Hallervorden ein Kind Sachsen-Anhalts. Anlasslos schwärmt Genscher plötzlich von der Zarin als "ewig Junge, ewig Charmante …", bevor er sich selbst ins Wort fällt: "Oh, da bin ich schon zu weit gegangen nach den neuen Regeln." Wohlwollendes, warmes und damit wahrscheinlich auch politisches Gelächter.

Endlich, endlich: Al Pacino. Der 72-Jährige hat, wie wir, mehr als zwei Stunden alles diszipliniert über sich ergehen lassen ("Palim, palim!") und dabei teilnahmslose Miene zum bizarren Spiel gemacht. Nicht auszuschließen, dass er manchmal die "New York Times" liest. Und sich auch so seine Gedanken macht, die er aber für sich behält. Profi halt. Er sagt, ohne den leisesten Hauch von Ironie: "Wow, what a show it is!" Er meint damit vor allem, wie er gleich erklärt, dass es in der öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehkultur keine Werbeblöcke gibt: "Dadurch bleiben die Dinge am Laufen." So kann man es auch sagen.

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insgesamt 138 Beiträge
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1. Schwachsinn
helgamaus 03.02.2013
Was für eine dämliche Selbstbeweihräucherung der sogenannten Stars. Schade um das Geld, was es gekostet hat, damit hätte man viel Gutes tun können.
2.
outsider-realist 03.02.2013
Zitat von sysopdapdDeutsche Showprovinz trifft auf globale Prominenz: Mutter Beimer auf Al Pacino, der Blonde vom "Dschungelcamp" auf Clive Owen - die "Goldene Kamera" hat alle Erwartungen erfüllt, auf die Piefigkeit des ZDF ist Verlass. Daran konnte auch die Rückkehr von Hape Kerkeling nichts ändern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/goldene-kamera-wenn-al-pacino-auf-mutter-beimer-trifft-a-881171.html
Kerkeling ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Einer der schlechtesten Moderatoren im TV. Ich kann es immer noch nicht glauben, das er so eine große fangemeinde hat und er Topfavorit für die Nachfolge bei Wetten Dass war. Fremdschämen pur auf ganzer Linie. Ich habe mir die Show wegen Al Pacino und s. Weaver angetan. Musste manchmal vor Scham aufs Klo.
3. Hörzu?
mummiscii 03.02.2013
Wer liest denn sowas? Und die deutsche Post ( wahlweise Audi und gestern Mercedes) macht dem Staatsfernsehen ebenfalls die Taschen voll? Ich glaube Al Pacino kennt das DDR Fernsehen nicht..., sonst würden ihm die Parallelen aufgefallen sein. Wenn der wüßte, daß die Werbeblöcke nicht notwendig sind, weil wir staatsverordnet diesen Mist zwangsfinanzieren müssen. Schlimme Zustände!
4. Wenn wir eins können...
franks meinung 03.02.2013
...dann ist es die Selbstkasteiung. Würde man uns Deutschen glauben, dann wären wir ein Volk von Nichtskönnern, Spinnern und Möchtegerns. Zum Glück sieht man uns im Ausland anders und schätzt uns. Kommt mal etwas Kritik (z.B. in der NYT), dann wird das von Pseudokritikern gleich als Maß aller Dinge genommen. Uns fehlt einfach die Leichtigkeit des Seins.
5. Schielen nach USA
Danilowitsch 03.02.2013
Dieses Schielen nach Amerika ist völlig überflüssig. Bald gibt es ja wieder das beste Beispiel für langatmige und spießige Preisverleihungen überhaupt: der "Oscar". Zum Glück kommt das ja bei uns zu nachtschlafender Zeit ...
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