Ultrabrutale Mafia-Serie "Gomorrha" Italien verspeist sich selbst

Zurück im Elend: Die dritte Staffel der meisterhaften Mafia-Serie "Gomorrha" geht an die Schmerzgrenze - und zeigt eine Gesellschaft zwischen extremem Reichtum und extremer Armut.

Sky/ Betafilm

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Don Pietro ist tot, ermordet von seinem eigenen Sohn. Am Anfang der dritten Staffel von "Gomorrha" sehen wir, wie die Leiche des Mafiapaten in einem gläsernen Leichenwagen durch das Elendsviertel Scampia eskortiert wird. Als der Zug der Trauernden zum Stehen kommt, wird an den berüchtigten verwitterten Fassaden der Sozialbausiedlung Vele di Scampia ein fünf Stockwerke hohes Billboard vom Don der Savastanos entrollt.

Ein Moment der Strahlkraft, der Anbetung und der über alle gesellschaftlichen Institutionen erhabenen Macht. Es soll der letzte Moment dieser Art in "Gomorrha" sein. Danach ist die Ära der Savastanos endgültig vorbei. Das Trauerspektakel für den Clanchef war sowieso eine Lüge, sein Sohn Genny (Salvatore Esposito) hatte die Leiche des Alten, sie war noch nicht ganz kalt, zuvor in einem Schlachthof zwischen Schweinehälften zwischengelagert.

Später wird Genny vor seiner Ehefrau das Prinzip der Familie, das bei der Camorra doch eigentlich alles bestimmt, infrage stellen: "Wenn ich eins gelernt habe: Du kannst der Familie nicht trauen." Die dritte Staffel von "Gomorrha" ist der definitive Mafia-Abgesang geworden, es geht darin um den Endpunkt der Paranoia, um den absoluten Bedeutungsverlust, um die Selbstzerfleischung der Familie.

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Mafia-Serie auf Sky: Leben im Schlachthof

Das mit der Selbstzerfleischung ist nicht im übertragenen Sinne gemeint: In einer der scheußlichsten Szenen sehen wir, wie Genny mit seinem Handlanger auf dem Fleischtresen eines Supermarkts einen Gegner zerlegt; wie er in einer unendlich langen Prozedur Gliedmaßen zersägt und in Plastiktüten steckt. So, als wäre der Mensch eben nichts anderes als eine Schweinhälfte.

Die Camorra und der Kannibalismus

Das ist die fast schon kannibalistische Wendung, die das Morden in "Gomorrha" nimmt. Es geht um eine Gesellschaft, die sich selbst frisst. Hier muss die Geschichte, die jetzt schon mehr als zehn Jahre andauert, vielleicht aufhören.

2006 hatte der Italiener Roberto Saviano eine aufsehenerregende, dokumentarische Studie über die Umtriebe der neapolitanischen Mafia veröffentlicht, kurz danach wurde er wegen Drohungen der Camorra unter Polizeischutz gestellt. 2008 kam der Film zum Buch ins Kino, in dem der Stoff als Gangsterdrama aus den eher prekären Regionen des organisierten Verbrechens umgesetzt wurde.

In den ersten beiden Staffeln der Serie erzählte Saviano dann davon, wie das Drogengeld aus Scampia in die Immobilienbranche und in die Finanzindustrie wanderte, wie die Mafiosi zu seriösen Unternehmern wurden, wie ihre Söhne und Töchter in höhere gesellschaftliche Kreise aufrückten. Ein Verbürgerlichungsprozess, der jetzt brutal zurückgedreht wird.

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Roberto Saviano:
Der Clan der Kinder

Der neue Roman der Autors von "Gomorrha"

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

Carl Hanser; 416 Seiten; gebunden; 24,00 Euro

Saviano ist wieder in den Elendszonen Neapels angekommen - und das nicht nur in der neuen Staffel von "Gomorrha", sondern auch in einem neuen Buch, das zeitgleich zum Start der neuen Staffel bei Sky erscheint: In "Der Clan der Kinder" - am Dienstag wird Saviano den Roman bei einer öffentlichen Veranstaltung im SPIEGEL-Haus vorstellen - folgt er einer Gang Halbwüchsiger, die auf ihren Motorrollern durch die verwahrlosten Gassen der Stadt kurven und mit Schusswaffen experimentieren.

Eine Bande grauenvoll tätowierter und hanebüchen frisierter Nichtsnutze, die wie ein Rudel Straßenköter durch Neapel tobt, wird nun auch zur letzten Hoffnung für den ins Straucheln geratenen Genny in "Gomorrha": Nach eigenwilligen Transaktionen mit dem Geld seines wohlhabenden Schwiegervaters lässt dieser ihn zu einem blutigen Klumpen schlagen und aus der neobarocken Familienvilla zurück auf die vermüllten Straße von Scampi werfen. Genny versucht, aus den jungen Lumpenkriminellen eine neue Kampftruppe zusammenzustellen.

Durch die Rückkehr nach Scampia wird der Zuschauer mit der düsteren Seite Italiens konfrontiert. Durch die Wahlen am Sonntag ist noch einmal das extreme wirtschaftliche Auseinanderklaffen innerhalb der Bevölkerung ins internationale Bewusstsein gerückt worden: 8,4 Millionen Italiener leben in Armut, davon sind fast fünf Millionen vollkommen verarmt. Und viele von ihnen leben in Scampia, wo die Mafia ihren Nachschub rekrutiert. Früher, so heißt es einmal in der Serie, habe man hier an Drogen verdient, jetzt verdiene man am Hunger.

Das ist das unbarmherzige Schlaglicht, das die Serie auf die italienische Gesellschaft und ihr grausames Wohlstandsgefälle wirft: Hier verspeist ein Land sich selbst.


"Gomorrha", 3. Staffel, ab Dienstag bei Sky
Robert Saviano im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Volker Weidermann, Dienstag, 19 Uhr, SPIEGEL-Haus.
Tickets gibt es hier.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
hersp58 06.03.2018
1. hervorragendes TV
Die ersten Staffeln waren brutal aber unheimlich gut erzählt. Dagegen ist ein "Tatort" ein Märchen für Kinder. Schade nur, dass die 3.Staffel bei Sky läuft. Die beiden ersten Staffeln waren im frei zugänglichen Privatfernsehen zu sehen.
halverhahn 06.03.2018
2. Sehenswerte Serie!
Freue mich, dass ab heute die 3. Staffel auf sky zu sehen ist. Obwohl insb in der 2 Staffel einige „Längen“ drin waren, fesselt mich die Serie ungemein. Als etwas ungereimt erachte ich in der Serie das einfache überwechseln-können von Gangmitgliedern von einer Mafia-Familie in einen anderen Clan sowie dass die ital Polizei in deren Stadtviertel(n) quasi nie zu sehen ist oder nur mal max auf nahen Umgehungsstraßen Pkw-Kontrollen durchführt. Das ist imho sehr realitätsfern. Aber ok, damit kann ich leben. Ansonsten fühle ich mich bestens unterhalten!
evacorona 06.03.2018
3. #
Zitat von hersp58Die ersten Staffeln waren brutal aber unheimlich gut erzählt. Dagegen ist ein "Tatort" ein Märchen für Kinder. Schade nur, dass die 3.Staffel bei Sky läuft. Die beiden ersten Staffeln waren im frei zugänglichen Privatfernsehen zu sehen.
Die ersten beiden Staffeln wurden auch zuerst auf Sky gezeigt.
fuxxxxx 06.03.2018
4. Fehler im ersten Satz
Der Mafiaboss wird nicht von seinem Sohn getötet, sondern von Ciro.
zebey2000 06.03.2018
5. Gomorrha
ist eine herausragende europäische Serie. Ich hoffe, die 3. Staffel wird so gut wie die ersten beiden. Daran können sich ARD/ZDF echt mal ein Beispiel nehmen. Wenn wir schon gezwungen werden, Gebühren für Informationen UND Unterhaltung zu zahlen, möchte ich solche Serien sehen und nicht weichgespülte Nachmittags-Soaps und die immer gleichen todlangweiligen Tatorte und Quizshows.
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