Gottschalk bei Jauch: Anzug einpacken, Pause machen!

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Langsam wird es Zeit, Abschied zu nehmen vom Abschiednehmen: Bei Günther Jauchs Jahresrückblick ließ sich Thomas Gottschalk noch mal zum "Wetten, dass..?"-Ende kondolieren - und vom Kollegen eine Absage für die ZDF-Nachfolge erteilen. Ein zweifelhafter Werbecoup der Show-Titanen.

Jauchs RTL-Jahresrückblick: Scheußlicher Anzug, schlechte Moderation Fotos
dapd

Da hing er nun drei Stunden an einer Kleiderpuppe, der alte Anzug von Thomas Gottschalk: groß, grell, scheußlich geschnitten. Wie eine Mahnung aus den schrecklichen und doch so wunderschönen achtziger Jahren, als eine Fernsehsendung wie "Wetten, dass..?" noch als gemeinschaftsstiftendes Ereignis funktionierte, als das Privatfernsehen noch nicht ganz so arg für Quotenkonkurrenz sorgte.

Wer Günther Jauchs leicht angeekelten Blick auf das quietschblaue Ausstellungsstück sah, der konnte sich kaum vorstellen, dass er dauerhaft in die geschmacklose Hülle seines Kollegen und Freundes schlüpfen wolle. Und doch: Gottschalk hatte Jauch in der letzten Ausgabe von "Wetten, dass..?" am Samstag angeboten, die Nachfolge beim ZDF-Show-Klassiker anzutreten. Jauch bat sich 24 Stunden Bedenkzeit aus, die Antwort wollte er dann ebenfalls live vor der Kamera in seinem Jahresrückblick "Menschen, Bilder, Emotionen" am Sonntag bei RTL verkünden.

Dass sich Jauch neben seinen umfassenden Verpflichtungen für die ARD und RTL auch noch den inzwischen als schwierig geltenden ZDF-Klotz ans Bein binden würde, war allerdings nicht anzunehmen. Der Deal zwischen den beiden alten Unterhaltungsschlachtrössern war klar: Gottschalk, der größte Egomane des deutschen Fernsehens, konnte noch ein bisschen seine "Wetten, dass..?"-Abschiedstournee ausdehnen; Jauch, der größte Stratege im hiesigen Moderatorengeschäft, hatte die Möglichkeit, ein Stückchen der medialen Aufmerksamkeit für sich und sein auch nicht mehr ganz taufrisches RTL-Format abzuzwacken.

Klingt wie ein gutes Geschäft - war es aber nicht. Denn Gottschalk läuft nach dem Medien-Overkill anlässlich seines "Wetten, dass..?"-Abschieds inzwischen Gefahr, dass ihn die Zuschauer so schnell nicht mehr sehen wollen, obwohl doch schon am 23. Januar in der ARD sein neuer Talk startet. Jauchs Rückblicksreigen wiederum fand angesichts der drohenden Anzugübergabe nicht die nötige Bedeutungsebene für die wichtigsten Geschehnisse des ausklingenden Jahres.

Hexenjagd auf die Atomindustrie?

Ob es nun um die Katastrophe von Fukushima oder die Anschläge von Norwegen ging - der Schwere der Ereignisse wurde der ungewohnt fahrige Jauch in keinem Moment gerecht. Im Sauseschritt ging es durch die Desaster und Terrorakte der letzten zwölf Monate, ohne dass sich der Moderator sonderlich beeindruckt gab.

Zum GAU in Japan hatte Jauch zwei deutsche AKW-Techniker eingeladen, die Zeugen der Explosionen in den Reaktoren von Fukushima waren. Die beiden sind trotzdem noch immer Atomlobbyisten für ihre Branche. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber man hätte sich doch gewünscht, dass der Fernsehprofi Jauch, der in der ARD ja immerhin auch eine politische Talkshow betreut, einmal nachgefragt hätte, als einer der beiden in Bezug auf den Atomausstieg Deutschlands von einer "Hexenjagd" auf seine Branche sprach.

Jauch schaute jedoch die ganze Zeit nur gebannt auf den geschmacklosen blauen Anzug und verwies vor den gefühlten 30 Werbeunterbrechungen immer wieder darauf, dass ja gleich sein alter Freund Thomas Gottschalk komme und er selbst ihm dann eine Antwort darauf gebe, ob er "Wetten, dass..?" übernehme. Beinahe kam man sich vor wie in einer ZDF-Sendung - wären nicht immer wieder kleine Auftritte von Sternchen und verglühten Sternschnuppen aus dem RTL-Starlet-System dazwischengeschoben worden. Natürlich musste "Let's Dance"-Gewinnerin Maite Kelly noch mal auftreten und auch "Deutschland sucht den Superstar"-Sänger Pietro Lombardi.

Kurz nach 23 Uhr hatte Günther Jauch dann endlich das Pflichtprogramm hinter sich gebracht. Er schmiss sich in den Anzug von Gottschalk, zupfte bedröppelt an dem Ding, während ihm die Hose in die Kniekehlen zu rutschen drohte - die perfekte Metapher, um höflich darzulegen, dass ihm die Aufgabe, "Wetten, dass..?" zu retten, dann doch zu groß erscheine.

So geriet Jauchs Jahresrückblick in zweifacher Hinsicht zur Kapitulationserklärung - im ironischen Sinne vor der "Wetten, dass..?"-Moderation, im gänzlich unironischen Sinne vor der Aufgabe, der Welt außerhalb seiner Fernsehwelt noch Wichtigkeit abzuringen. Und Gottschalk, das ist die bittere Wahrheit nach diesem Wochenende, mag man nun wirklich nicht mehr dabei zuschauen, wie er sich zu seinem selbstauferlegten ZDF-Abgang wieder und wieder kondolieren lässt. Anfang des Jahres wird die ARD im großen Stil sein neues Talk-Format bewerben. Wenn er nicht bald Abschied nimmt vom Abschiednehmen, wird ihn niemand mehr sehen wollen.

Am 11. Dezember wird übrigens "Wetten, dass..?"-Beinahe-Nachfolger Hape Kerkeling im ZDF seinen Jahresrückblick präsentieren. Kaum anzunehmen, dass Thomas Gottschalk sich die Chance entgehen lässt, dort noch mal sein Gesicht in die Kamera zu halten.

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