"Gottschalk Live" Strahlen, bis der Kiefer schmerzt

Die ersten beiden Wochen von "Gottschalk Live" waren katastrophal: Der Moderator holperte, verkrampfte, jammerte - und wurde dann auch noch übellaunig. Erst in der jüngsten Sendung schien sich Thomas Gottschalk zu fangen. Jetzt könnte er endlich beginnen, gute Stimmung zu verbreiten.

ARD

Von


Erst mal was anderes.

Als Thomas Gottschalk als junger Mann beim Bayerischen Rundfunk eine tägliche Sendung bekam, da machte er vorher noch ein wenig Urlaub auf den Kanaren. Am Montag sollte es losgehen, am Samstag ging der Flieger, und am Freitag fragte Thea ihren Thomas: "Sag mal, was machst du da eigentlich ab Montag?" Und Gottschalk antwortete: "Gute Frage, das werde ich mir dann mal am Sonntag überlegen." Und ab Montag marschierte er jeden Abend ins Studio, mit nichts im Gepäck als seinen Platten und dem Bewusstsein, dass ihm dann schon etwas einfallen werde, wenn er da am Mikrofon sitzt, etwas Spontanes, etwas Lustiges, irgendwas. Und so kam es. Und die bayerischen Zuhörer liebten ihn dafür, und später die deutschen Fernsehzuschauer, und dann die Fernsehzuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Seit zwei Wochen kann man Thomas Gottschalk täglich in der ARD-Sendung "Gottschalk Live" dabei beobachten, wie er versucht, sich wieder in den Zustand zu bringen, in dem er sich befand, als er damals die bayerischen Radiohörer für sich gewann. Es war seine "beste Zeit", erzählt der Entertainer, und wenn man ihn davon schwärmen hört, klingt es wie sein persönliches Nirwana.

Entspann Dich doch mal!

Ins Nirwana gelangt man nur durch vollkommene Entspannung, aber wer jemals versucht hat, sich unter Zwang und vorsätzlich und am besten jetzt sofort zu entspannen, der kennt das Problem, das Thomas Gottschalk gerade hat: Es geht einfach nicht. Und es geht noch weniger, wenn ständig Leute kommen und sagen, man solle sich doch mal entspannen. Dann wird's krampfig.

Von Montag bis Donnerstag war in den vergangenen beiden Wochen also ein zunehmend verkrampfter Thomas Gottschalk zu sehen, der an Kleinigkeiten scheiterte, von denen man niemals gedacht hätte, dass sie ihm jemals Probleme bereiten könnten: Er scheiterte daran, ein lustiges Gespräch mit Kinderdarstellern aus dem Film "Fünf Freunde" zu führen. Er scheiterte daran, mit der wunderbaren Anke Engelke herumzublödeln. Er scheiterte daran, einen coolen Umgang mit den Werbeunterbrechungen zu finden. Und es wurde noch schlimmer.

Thomas Gottschalk begann zu jammern. So wie in seinen schlechtesten "Wetten, dass..?"-Sendungen, als er es nicht lassen konnte, auch nur eine Viertelstunde ohne einen Hinweis auf sein fortgeschrittenes Lebensalter zu moderieren, verpasste er nun keine Gelegenheit mehr, auf die schlechten Quoten seiner Sendung einzugehen. Mit Witzen, die nur bitter wirkten, vor allem, wenn er seine junge Redaktion einbezog: Wenn die Sendung eingestellt werde, könne man ja gemeinsam auf Jobsuche gehen. Da konnte der Politikredakteur nur dünn lächeln. Auf den wartet kein Ruhesitz in Malibu.

Alles andere als heimelig

Und dann die Katastrophe: Gottschalk wurde übellaunig. Man kann das bei Thomas Gottschalk nicht an den üblichen Merkmalen erkennen, sein strahlendes Lächeln weicht ihm auch in finsteren Stunden kaum von den Lippen, aber mit den schlechten Quotenmeldungen häuften sich die verbissenen Einwürfe, mit denen er jeden Gesprächsansatz seiner Gäste im Keim erstickte: "So, nein, aber jetzt" - und wieder nächstes Thema. Und der Gast reagiert, und Gottschalk unterbricht: "So, aber jetzt pass einmal auf!" Und nächstes Thema.

Diese Gesprächsführung ist alles andere als heimelig, und für eine Sendung, die das erklärte Ziel hat, aus einem als Wohnzimmer getarnten Studio gute Nachrichten und positive Stimmung zu verbreiten, ist sie verheerend. Gottschalk hat versprochen, die Zuschauer in sein Wohnzimmer einzuladen - aber wer wollte in einer so ungemütlichen Atmosphäre verweilen? Kaum jemand.

Die offensichtlich noch nicht ausgebügelten konzeptionellen Schwächen von "Gottschalk Live" sind da eigentlich nur noch Nebensache - auch wenn sie völlig unverständlich bleiben.

Der Einsatz des Internet rumpelt gewaltig, einerseits will Gottschalk ältere ARD-Zuschauer an das Medium heranführen, macht aber andererseits beständig den Eindruck, dieser neumodische Quatsch sei nicht wirklich ernst zu nehmen. Warum nutzt er es nicht einfach als Werkzeug, ohne ein großes Gewese darum zu machen? Gottschalk will aber auch die jungen Twitterer gewinnen - mit dieser Haltung kann das kaum gelingen. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass seiner Facebook-Redakteurin die Idee käme, sich "Gottschalk Live" anzusehen, wenn sie nicht zufällig dort arbeiten würde.

Die Einbindung der Redaktion beschränkt sich bisher auf mäßig interessante Frage-Antwort-Runden, wobei noch nicht ganz klar zu sein scheint, wo sich die befragten Redakteure denn aufhalten sollen, wenn Gottschalk etwas von ihnen wissen will: Mal sitzen sie an ihrem Arbeitsplatz, mal stehen sie in Habachtstellung daneben, mal sitzt der Redakteur im Gästestuhl und wirkt dabei wie ein neuer Rechtsanwaltsdarsteller aus "Ein Fall für zwei". Rätselhaft ist, warum Gottschalk nicht mehr selbstbewusste junge Frauen aus der Redaktion ins Gespräch bringt, die ihm Schlagfertigkeiten entgegenhalten könnten und nicht nur Wikipedia-Wissen abspulen.

Manchmal sogar unhöflich

Schließlich leidet "Gottschalk Live" paradoxerweise unter dem Star-Status des Moderators: Thomas Gottschalk kann jeden Gast bekommen, den er haben will, aus Deutschland sowieso, aber auch aus Hollywood, aus Indien, und wahrscheinlich auch aus China. Weil er aber immer mindestens zwei (eher noch drei) internationale Top-Gäste pro Sendung unterbringen will, muss er auch hier wieder aufs Tempo drücken, kann sich nicht einlassen und wird manchmal sogar unhöflich.

Am Montag, in der jüngsten Ausgabe der Show, hatte Gottschalk die US-Schauspielerin Katherine Heigl zu Gast, vorher war Helge Schneider da, begrüßt unglaublich einfallslos zu den Klängen von "Katzeklo". Damit nicht genug: Gottschalk scheuchte den Musiker ans Klavier, denn vorstellen wollte er ihn der Heigl nicht: "Bevor ich jetzt lange erkläre, wer du bist..." So durfte der große Jazzmusiker und überragende Künstler Helge Schneider im Hintergrund klimpern, während Gottschalk mit Heigl parlierte. Und als er ihn dann doch noch vorstellte, dann als "Comedian und Schauspieler". Unverschämtheit.

Man könnte jetzt sagen, dass es auch einen Reiz haben könnte, Gottschalk bei der Selbstdemontage zu beobachten, in einer Art täglicher Doku-Soap um einen abgehalfterten Show-Star. Aber da kommen wir zum Eigentlichen: Thomas Gottschalk beleidigte zwar Helge Schneider (ohne es überhaupt zu bemerken), aber er beleidigte ihn gut gelaunt.

Es mag an der Berliner Kälte liegen, die ihm den Kopf frei gemacht hat, möglicherweise hatte er übers Wochenende auch lieben Besuch - der Moderator schien an diesem Montag jedenfalls wie ausgewechselt. Man traut es sich kaum zu sagen, doch Thomas Gottschalk wirkte entspannt. Er sprach ruhiger. Er entschuldigte sich sogar dafür, der Heigl-Dolmetscherin ins Wort gefallen zu sein. Er lieferte die erste "Gottschalk Live"-Sendung ab, die erkennen lässt, dass aus diesem Format noch etwas anderes werden könnte als die traurige Abwicklung einer Showlegende. Und wie vom Himmel geschickt stiegen die Quoten - wenn auch nur leicht: 1,89 Millionen Zuschauer (6,6 Prozent) schalteten ein. Die Probephase ist hoffentlich vorbei.

Die Schonzeit aber auch.



insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
manta 07.02.2012
1.
Ich habe die Sendung nun einmal angesehen und..nein das war echt abartig. Die Sendung ist ungefähr so lustig wie ein Hirntumor. Flachste Witze, Klatschnachrichten, halbsenile Weisheiten, etc. Mein Großvater ist 95 und selbst der konnte nur die Stirn runzeln. Man kann nur froh sein wenn die Einschaltquoten unten bleiben, das gibt Hoffnung. Gottschalk ist eben so langweilig wie nichts anderes. Wenn er wirklich meint dass er an einen Harald Schmidt, Jimmy Kimmel oder Conan O'Brien rankommt, dann hat er sich derbe geschnitten. Selbst Stefan Raab kann es weit besser.
falmine 07.02.2012
2. Abschalten!
Gottschalk im Vorabendprogramm ist so attraktiv wie eingeschlafene Füße. Und "Wetten, dass ...?" habe ich zuletzt vor ca. 15 bis 20 jhren geguckt. Ärgerlich finde ich nur das exorbitante Honorar und die Frechheit der ARD, die GEZ-Gebühren für solchen Schwachsinn zu verbrennen!
BettyB. 07.02.2012
3. Wetten dass...
bei einer Außentemperatur von -26° C am Nachmittag die 1,9 Milionengrenze geknackt wir? Aber wehe, es wird wärmer, denn da geht man doch lieber einen Kaffe trinken...
pförtner 07.02.2012
4. ungeschminkt
Zitat von sysopDie ersten beiden Wochen von "Gottschalk Live" waren katastrophal: Der Moderator holperte, verkrampfte, jammerte - und wurde dann auch noch übellaunig. Erst in der jüngsten Sendung schien sich Thomas Gottschalk zu fangen. Jetzt könnte er endlich anfangen, gute Stimmung zu verbreiten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,813660,00.html
Was man (n) selbst nicht mehr hat,kann man(n) auch nicht mehr verbreiten. Alles ungeschminkt jetzt!
zberg 07.02.2012
5. fanTHOMAS
solang gottschalk selbst sein allergrößter fan is,wird sich nix bessern. die atemlosigkeit im auftreten,der eigenen unsicherheit geschuldet,sollte nicht die gäste,die meist interessanter sind als der seichte meister himself,dauernd unterbrechen und übertönen vom GOTTSCHALK zum HEIDENSCHALK menetekelt im studio quotendruck ade und es wird laufen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.