SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. Juni 2012, 14:05 Uhr

Erinnerungen an Gottschalk

Die Sache mit den Eierstöcken

Von Arno Frank

Vielleicht wird es so schön wie früher: Mit einem exklusiven Live-Auftritt verabschiedet sich Thomas Gottschalk ab 19.15 Uhr bei SPIEGEL ONLINE erst mal vom TV. Was der Mann drauf hat, wird beim Rückblick auf seine besten Fernsehmomente klar. Erinnern Sie sich noch an die Szene mit der Akrobatin?

Fernsehen war früher immer eine Angelegenheit zwischen mir und meiner Oma. Nachmittags hockte ich oft stundenlang in ihrem Esszimmer und studierte Heftchen wie "Das goldene Blatt", am frühen Abend ging's dann aufs Sofa im Wohnzimmer. Ich durfte umschalten, was damals noch bedeutete: aufstehen, zum Gerät hingehen, auf Knöpfchen drücken, zurück aufs warme Sofa. So was prägt.

Zu meinen kostbarsten Erinnerungen zählen denn auch gemeinsam geschaute Sendungen, darunter Abseitiges wie "Die Rebellen vom Liang Shan Po", wo wir uns gegenseitig kichernd die Namen im Abspann vorlasen. Aber auch Populäres wie "Na sowas!" mit Thomas Gottschalk. Mit Gästen wie dem irren Klaus Nomi, dem noch irreren Klaus Kinski oder der allerirrsten Alice Schwarzer, zwei Blondinen im aufgeregt schnatternden Zwiegespräch. Und einmal rief der aufgekratzte Tommy einer betagten Akrobatin zu: "Passen Sie auf! In Ihrem Alter verkühlt man sich schnell die Eierstöcke!" Ich hielt vor Schreck die Luft an, aber meine Oma brach in ein wieherndes Gelächter aus.

Instinktiv, sinnfrei und anarchisch - so war der frühe Gottschalk. Der "Liebling der Großmütter und Teenager", wie die FAZ leicht mokiert notierte. Einer, der das Medium nicht so ernst nahm und wirkte, als könnte er jederzeit auch etwas anderes machen. Einer, der allein durch seine physische und psychische Präsenz das Fernsehen von seiner hüftsteifen Onkeligkeit befreite. Gottschalk redete gewissermaßen aus der Hüfte, anstatt seine Sätze vom inneren Teleprompter abzulesen. Dabei kam auch viel fröhlicher Unsinn heraus. "Die weißen Trauben sind müde", kommentierte Gottschalk einmal in "Wetten, dass..?" die misslungenen Trauben-Weitwurfversuche eines Kandidaten.

Zwanglosigkeit als Prinzip

Gern unterschlagen und doch unvergessen sind in diesem Zusammenhang die "Supernasen"-Filme, in denen er mit Mike Krüger die deutsche Klamotte der sechziger Jahre wieder auferstehen ließ, mit idiotischen Trikes durch Bayern kurvte und die Zwanglosigkeit zum Prinzip erhob. Das war so blöd, dass es keineswegs "schon wieder gut" war, sondern blöd blieb.

Comedy avant la lettre, sozusagen. Dafür liebten wir sie auf dem Schulhof alle beide, Gottschalk wie Krüger. Letzterer befreite den Berufsstand des Liedermachers vom Gewicht der Wichtigkeit, wie Gottschalk das Fernsehen befreit hatte: "Der Nippel", "Mein Gott Walter", "Bodo mit dem Bagger", ganz große Kunst.

Das erste Interview meines Lebens führte ich dann nicht mit Gottschalk, sondern mit Krüger. Meine Frage, ob er unserer Schülerzeitung nicht seinen Lieblingswitz erzählen könnte, antwortete er kühl: "Nee, nee, Junge. Fürs Witzemachen lasse ich mich bezahlen." Unwahrscheinlich, dass ein Gottschalk ähnlich reagiert hätte. Dessen fröhliche Wachsamkeit war nie nur professionell, sondern auch persönlich. Eine Charakterfrage.

Bürgerliches Wohnzimmer der Republik

Irgendwann kühlte meine Begeisterung für Gottschalk ab. Vermutlich im gleichen Maße, wie auch das Fernsehen als Herdfeuer der Familie allmählich erkaltete. Da hatte er mit der großen Samstagabendshow "Wetten, dass..?" längst das Zepter von Leuten wie Hans-Joachim Kulenkampff übernommen und seine berufliche Reiseflughöhe erreicht. Leider war ich kein Teenager mehr. Aber meine Oma war noch immer Großmutter. Inzwischen besaß sie sogar eine Fernbedienung, mit der sie umschaltete, als würde sie eine Angel auswerfen.

"Wetten, dass..?" wurde unter Gottschalks Regie zum bürgerlichen Meta-Wohnzimmer der Republik. Er selbst aber blieb auf beinahe unheimliche Weise jung, während ringsum alles andere alterte. Alles Anarchische schnurrte auf seine Person zusammen. Statt zum gravitätischen Grandseigneur zu reifen, reifte er zum Paradiesvogel. Mit Unterstützung seiner Frau Thea, einer ehemaligen Boutiquenbesitzerin, flüchtete er sich in die zeitlos schillernde Flamboyanz modischer Geschmacklosigkeiten.

Zugleich hielt er den größtmöglichen Sicherheitsabstand zu Deutschland. Und entrückte - wie Fuchsberger nach Australien - ins ferne Los Angeles, aus dem er für seine Auftritte engelsgleich einschwebte. Was einmal lässig war, konnte ihm nun als Wurschtigkeit ausgelegt werden. "Wetten, dass..?" trug schwer und schwerer an seiner Bedeutung, und irgendwann wirkte er wie ein Gefangener im allzu prunkvollen Mausoleum seines Talents. Ein Sonnenkönig in einem allzu weiten Mantel, in dessen Schutz er hätte fett werden können. Haribo, die immergleichen Gäste und Wetten. Umso nobler die Geste, diesen Mantel abzustreifen. Markus Lanz wird sich darin pudelwohl fühlen, keine Frage.

Immer zu haben für eine Schnapsidee

Anzeichen gab es genug, Versuche, den goldenen Käfig zu verlassen. "What Happened To Rock'n'Roll" beispielsweise, diesen rührenden Hilferuf in Songform: "Ich hab' die Schnauze voll/ Bring back some Rock'n'Roll/ Wenn meine Kinder Musik machen/ Gibt's für mich nichts mehr zu lachen". Er scheiterte spät in der Nacht bei RTL, und nun ist er auch früh am Abend bei der ARD gescheitert.

Dabei hätte "Gottschalk Live" ein neues "Na sowas!" werden können, dessen Prinzip Gottschalk einmal so schilderte: "Da haben die Redakteure irgendeinen Menschen eingeladen, der behauptet hatte, seine Vögel könnten sprechen. Dann kam ein freundlicher, älterer Langweiler, der vier Piepmätze dabeihatte, die überhaupt nichts konnten. Der eine hat mir auf den Finger geschissen, das war der Höhepunkt der Sendung. Aber damit habe ich zwölf Minuten Programm gemacht und unglaubliche Quoten."

Wie man hörte, wurde er gegen Ende von "Gottschalk Live" wieder besser, und um ein Haar hätte sogar ich wieder eingeschaltet - da war er bereits abgesetzt. Ein kleiner Skandal im großen Skandal ist nun, dass ihm sogar die letzte Sendung verweigert wird: Die ARD versendet lieber einen EM-Vorbericht.

Wann seine Ära zuende geht, entscheidet freilich noch immer Gottschalk selbst. Und so kam ihm der verführerische Vorschlag sehr gelegen, die letzte Sendung doch einfach bei SPIEGEL ONLINE zu veranstalten. Diesmal aber richtig, nicht so wie im behäbigen Fernsehen. Sondern instinktiv, sinnfrei und anarchisch. Gottschalk: "Klingt wie eine Schnapsidee. Dafür bin ich immer zu haben".

Deshalb wird am diesem Donnerstagabend weltexklusiv ein kostbares Stück Fernsehgeschichte geschrieben werden - im Internet. Thomas Gottschalk unterhält sich ab 19.15 Uhr mit SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Stefan Kuzmany und der Alleskönner-Journalistin Jenni Zylka über Gott und die Welt, für die musikalische Unterhaltung sorgt eine Ein-Mann-Bigband. Eine intime Begegnung mit dem Größten, den das deutsche Fernsehen zu bieten hat. Ein einmaliges Experiment mit ungewissem Ende und offenem Ausgang.

Meiner Oma hätte das gefallen.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH