Gottschalk-Wechsel zur ARD: Quickie vor der "Tagesschau"

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Großer Mann ganz klein: Thomas Gottschalk wird nach seinem ZDF-Abgang für die ARD ein halbstündiges Vorabendformat moderieren. Was auf den ersten Blick wie eine Degradierung des Show-Giganten wirkt, ist ein mutiger Schritt in eine immer unübersichtlichere Fernsehzukunft.

Thomas Gottschalk: Vom Zweiten ins Erste Fotos
DPA

Wer kriegt Thomas Gottschalk rum? Für die Mächtigen der ARD war das offensichtlich gar keine Frage, in informellen Gesprächen erweckten sie stets den Eindruck, als sei die Sache längst zu ihren Gunsten gelaufen. Aber weshalb zeigten sie sich bei der Balz um Deutschlands prestigeträchtigsten Moderator in den letzten Wochen eigentlich so siegessicher?

Was sie dem Show-Giganten offerieren, scheint erst mal alles andere als attraktiv: ein Quickie vor der "Tagesschau", wo der Moderator ohne Live-Publikum im kleinen günstigen Studio über tagesaktuelle Dinge plaudern, twittern und skypen soll. Für Gottschalk, der seine Karriere als Radiomoderator bei der ARD begann und beim ZDF mit "Wetten, dass..?" in Sachen Länge, Produktionskosten und Quote immer wieder die Show-Grenzen sprengte, müsste sich so ein Low-Budget-Angebot nach "Zurück auf Los" anfühlen.

Von der großen Bühne in die Studio-Butze? Was auf den ersten Blick wie eine Degradierung des Unterhaltungsveterans wirkt, könnte sich als strategisch kluge Zukunftsinvestition auf einem immer schwierigeren und zersplitterteren Fernsehmarkt erweisen.

Internet rettet den TV-Star?

Vollkommen klar ist, dass Thomas Gottschalk mit einer neuen großen Samstagabend-Show niemals wieder an die legendären Quoten von "Wetten, dass..?" anschließen könnte. Die sich verändernden Maßstäbe bei der Quotenmessung haben ihm schon die letzten Jahre oft das Gewinnerlächeln aus dem Gesicht getrieben: Mochte er auch beim Gesamtmarktanteil stets der Tagessieger gewesen sein, bei der immer wichtiger werdenden Gruppe der 14- bis 49-Jährigen war er teilweise nur noch Zweiter. Gegen diesen Trend hätte Gottschalk in einer Primetime-Show nicht anstinken können.

Auch eine regelmäßige Show im späteren Abendprogramm, wie sie ihm das Zweite angeboten hat, wäre nicht besonders vielversprechend. Late-Night-Show, das klingt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer nach Sargnagel, siehe Harald Schmidt und seinen Abgang bei der ARD. Sich aus dem Ohrensessel heraus in die Rente zu moderieren, muss dem großen Blonden als unwürdiger Altersposten erscheinen - zumal er selbst sich in dem Genre schon bei RTL die Finger verbrannt hat.

Das interaktive Vorabendformat in der ARD, in dem Gottschalk ab Januar 2012 viermal die Woche via Twitter, Facebook und Skype über tagesaktuelle Belange vornehmlich aus dem Lifestyle- und Unterhaltungsbetrieb quatschen soll, ist da das genaue Gegenteil: ein Abenteuer. Freilich eines mit offenem Ende.

Allerdings kann Gottschalk sich dabei tatsächlich der vollen Unterstützung der ARD sicher sein. Denn für den Senderverbund ist er nicht nur eine prestigeträchtige Neuerwerbung - er ist auch das zentrale Element beim großen Umbau des Vorabendprogramms. Wo zuvor überwiegend günstige Quizshows und trashige Soaps liefen, will man ab diesem Herbst relativ hochwertig produzierte Lokalkrimis und prominent besetzte Unterhaltungssendungen platzieren. Zu dieser Image-Offensive gehört auch, dass die ARD-Neuerwerbung Kai Pflaume immer freitags zu seinem Quiz "Drei gegen Kai" antritt.

Für die ARD ist die Umstrukturierung von wichtiger wirtschaftlicher Bedeutung: Dem Vorabend soll ein neues, größeres und vor allem auch jüngeres Publikum erschlossen werden. Und weil die Vor-20-Uhr-Schiene nun mal die Zeit ist, wo die ARD den Großteil ihrer Werbeeinahmen verbucht, könnte man dort auch die Preise für Sendespots erhöhen. Schließlich schaut die Werbewirtschaft vor allem auf die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, die das Erste nun eben mit Gottschalk, Twitter und Facebook zu locken versucht.

Internet rettet den Fernsehstar? Bleibt die knifflige Frage, weshalb der 61-jährige Gottschalk, der beim ZDF in der jüngeren Zuschauergruppe immer mehr verloren hat, diese nun ausgerechnet für die ARD anlocken sollte. Respekt für seine Risikobereitschaft verdient er allemal.

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1. .
Claudia_D 15.07.2011
Zitat von sysopGroßer Mann ganz klein:*Thomas Gottschalk*wird nach seinem ZDF-Abgang für die ARD ein halbstündiges Vorabendformat moderieren. Was auf den ersten Blick wie eine Degradierung des Show-Giganten wirkt, ist ein*mutiger Schritt in eine immer unübersichtlichere Fernsehzukunft. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,774627,00.html
Na ja, wenigstens kann er da nicht viel Schaden anrichten :-). Ich werde das mit Sicherheit meiden wie die Pest, kann den Mann nicht ausstehen. Ist leider so, sorry...
2. Show-Titan
Wemhöner 15.07.2011
Der Show-Titan (so nennt ihn Bild) bekommt also die Bühne viermal die Woche zur besten Sendezeit. Ich frage mich, wie dieser vollkommen überschätzte Mann das schaffen soll. Er war ja merklich schon bei "Wetten das" überfordert. Naja, sie werden ja eine Probezeit vereinbart haben.
3. ...
philbird 15.07.2011
Dann dürfen wir uns bald täglich die Meinungen dieses konservativen Clowns ansehen. Super:( Wirklich toll was die öffentlichen für ein Programm machen. Sollten sie ihn doch lieber gleich in Rente schicken.
4. ...
Camarillo Brillo, 15.07.2011
Zitat von sysopGroßer Mann ganz klein:*Thomas Gottschalk*wird nach seinem ZDF-Abgang für die ARD ein halbstündiges Vorabendformat moderieren. Was auf den ersten Blick wie eine Degradierung des Show-Giganten wirkt, ist ein*mutiger Schritt in eine immer unübersichtlichere Fernsehzukunft. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,774627,00.html
Was zahlt Ihnen eigentlich die ARD, dass Sie das so ausgiebig berichten oder besser gesagt promoten ... ?
5. Schmidt/Pocher die zweite?
Monark™ 15.07.2011
Die Umstrukturierung des Vorabendprogramms klingt nach einem mutigen Experiment. Mutig deshalb, weil's wirklich schief gehen kann. Aber Gottschalk soll twittern und skypen? Das erwähnte "kleine Studio" steht nicht zufällig in Kalifornien?
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