Von Peer Schader
Ganz zum Schluss steht Thomas Gottschalk allein im Glitzerregen vor dem Ausgang der Stierkampfarena in Palma de Mallorca und winkt ins Publikum, während auf der Bühne Status Quo die letzten Takte von "Rockin' all over the world" spielen und die Showgäste blumenbeschenkt vor der Couch mitwippen. Dann muss die Kamera schnell auf die Luftaufnahme der Arena umschalten, um das Feuerwerk ins Bild zu kriegen - und der Mann im sandfarbenen Beduinen-Outfit ist einfach weg.
Große Abschiedsworte hat er sich gespart. Er ist einmal durch die Arena gestürmt, hat die Zuschauer zum Mitklatschen aufgefordert und am Mikrofon selbst ein paar Takte mitgesungen. Kurz vorher schlug er vor: "Wir sollten mit der Nummer auf Tour gehen." Aber die Tour geht jetzt ohne ihn weiter.
Und, wenn nicht alles täuscht, ist es vor allem Erleichterung, die sich da am Ende in Gottschalks Gesicht spiegelt: Uff, geschafft.
Und zwar mit derselben Souveränität wie in den vielen Ausgaben zuvor: Ein Wettkandidat ist mit seinem Fahrrad über Hürden gesprungen, einer hat Kokosnüsse mit den Zähnen geschält, ein anderer Bierfässer in einen Basketballkorb geschleudert. Zwei Baggerfahrer haben mit ihren Maschinen Tennis gespielt, fünf Schwimmbadmitarbeiter quetschten sich in eine Badekappe - und Gottschalk hat seine Scherze dazu gemacht.
In die Sendung kam er auf der Harley Davidson eingefahren, ausnahmsweise ohne den traditionellen Sommer-Vollbart. Und der Status-Quo-Auftritt ist quasi ein Geschenk an sich selbst gewesen.
Insofern war es ein angemessener Abschied von "Wetten, dass..?", der Sendung, die Gottschalk zum bekanntesten Showmaster des Landes gemacht hat. Vor allem aber war es ein Abschied, der um jeden Preis das Risiko vermeiden wollte - nicht nur das Risiko potentiell gefährlicher Wetten, sondern auch das, die Zuschauer noch in irgendeiner Form zu überraschen.
So wie viele Deutsche es lieben, jedes Jahr wieder dorthin in den Urlaub zu fahren, wo sie vorher schon waren, verlässt sich "Wetten dass..?" mit seiner Sommerausgabe einfach auf das, was schon beim letzten Mal geklappt hat.
Es ist klug, dass er Schluss macht
Dieter Bohlen war wieder da - wie vor einem Jahr. Cindy aus Marzahn durfte wieder Gottschalks aufdringlichen Sidekick spielen - wie vor einem Jahr. Zwischendurch ließ sich Gottschalk vom La-Ola-begeisterten Publikum kurz aus dem Konzept bringen - wie in jedem Jahr zuvor. Und wenn mittendrin wegen eines technischen Fehlers die Leitung zusammengebrochen wäre, hätte das ZDF ganz einfach die Mallorca-Sendung aus 2010 über den Sender schicken können. Es wäre nicht weiter aufgefallen.
Gottschalk weiß das sehr genau, und deshalb ist es klug, dass er Schluss macht, so lange sein Publikum ihm noch selbstgemalte Schilder hochhält, auf denen steht: "Danke, Thommy!"
Selbst wenn sein Abschied vom Samstagabend nun allerorts bedauert wird (und noch durch drei Rückblickausgaben im Herbst hinausgezögert wird), ist es keine schlechte Entscheidung. In der Mallorca-Sendung hatte Gottschalk bereits sichtlich Mühe, die langen Umbaupausen für die Wetten im Gespräch mit seinen Stargästen zu überbrücken - weil auf seinen Moderationskärtchen offenbar nicht mehr als eine Frage pro Promi stand.
Mit Jennifer Lopez ist das noch gut gegangen, weil die eh gleich wieder wegwollte. Cameron Diaz durfte erzählen, wie sie Dirk Nowitzki findet. Und bei Kevin James hat's gerade noch dafür gereicht, sich in die Vorschau für dessen neuen Kinofilm zu retten, in dem auch Gottschalk irgendeine dämliche Rolle spielt.
Aber manchmal geht Gottschalks Interviewschwäche auch grandios schief. Kurz nachdem sich Heidi Klum zu ihm auf die Couch gesetzt hatte, wusste er schon nicht mehr, was er mit ihr reden sollte - und quatschte stattdessen einfach noch mal mit Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, der direkt daneben saß.
Ohne seine Co-Moderatorin Michelle Hunziker wäre er diesmal völlig aufgeschmissen gewesen, weil er die Details der Wetten und die Namen der Kandidaten, kaum dass sie vorgelesen waren, schon wieder vergessen hatte. Und als er später "Wetten dass..?"-Erfinder Frank Elstner sehr charmant aus dem Publikum zu sich in die Arena bat, um die letzte Wette für ihn zu moderieren ("Da wo alles angefangen hat, soll auch alles aufhören"), übernahm dieser mit einer Souveränität als hätte er die Sendung nie abgegeben - und mit einer Konzentriertheit, die sein offizieller Nachfolger schon lange nicht mehr hingekriegt hat.
Gottschalk ist zu wünschen, dass er die Gelassenheit wiederfindet
Was hätte aus der Show werden können, wenn Elstner dabei geblieben wäre, scherzte Gottschalk daraufhin. Und Elstner meinte geistesgegenwärtig: "Sie wäre nie so lustig gewesen. Ich hatte nie so eine Schnauze wie du." Stimmt genau.
Dass er diese Schwäche von seinen Kritikern immer wieder vorgehalten bekam, hat ihn geschmerzt - und dadurch, dass er das in den vergangenen Jahren bei jedem nur erdenklichen Anlass thematisieren musste, hat er sich selbst klein gemacht. So sehr Gottschalk den großen Auftritt beherrscht und brenzlige Live-Situationen zu meistern weiß, so sehr ist ihm zu wünschen, dass er bei seinen künftigen Aufgaben im Fernsehen, sei es nun in der ARD oder weiter beim ZDF, vor allem seine Gelassenheit wiederentdeckt.
Das Publikum auf Mallorca schien dennoch zufrieden mit dem dreistündigen Spektakel, und zu Hause vor dem Fernseher gab's noch die phantastischen Bilder der Sonne dazu, die das Abendrot über der Stierkampfarena zeigten. Es ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, zu behaupten, dass "Wetten dass..?" wahrscheinlich nie wieder so groß sein wird. Egal, wer jetzt das Steuer übernimmt.
Vor drei Jahren, als vom Aufhören noch keine Rede war, sagte Gottschalk in einem Interview über sein Verhältnis zur Show: "Der Spaß ist noch da, aber die Wurschtigkeit ist weg."
Jetzt ist die Show weg. Vielleicht kommt ja bald die Wurschtigkeit zurück.
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