Grimme-Doku von Dominik Graf Stadt in Ruinen, TV in Trümmern

Wenn die Träume von einst in Trümmern liegen: In "Es werde Stadt" erklärt Dominik Graf, wie die Vorzeigestadt Marl und das deutsche Vorzeigefernsehen vor die Hunde gehen. Ein etwas anderer Glückwunsch zum 50. des Grimme-Preises.

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Wenn man im Februar auf Einladung des Grimme-Instituts in Marl sitzt, um als Mitglied der Jury im großen Sitzungssaal des Instituts sechs Tage lang je zwölf Stunden deutsches Fernsehen aus dem Vorjahr zu sichten, zu diskutieren und gegebenenfalls auszuzeichnen, dann streift selbst der Blick des Vielguckers und Vielquatschers irgendwann durch die großen Panoramafenster. Da steht es, verlockend: ein riesiges Schwimmbad, mit hohem geschwungenen Dach, einer Millionenstadt würdig, womöglich Olympia-tauglich. Leider ist es schon seit Jahren geschlossen.

In dem Essayfilm "Es werde Stadt", einer Hommage an den Grimme-Preis, der am Freitag zum 50. Mal vergeben wird, bekommt man jetzt einen Einblick in das Bad mit seinen kaputten Kacheln und vermoosten Becken. Ein Sinnbild für den Verfall der einstigen Vorzeigestadt Marl - ein Sinnbild aber auch, so legt der Film nahe, für den Verfall des einstigen Vorzeigefernsehens aus Deutschland.

Der Grundstein für die Retortenstadt Marl wurde 1954 gelegt; mit einer Architektur aus viel Glas und noch mehr Beton schuf man am Rande des Ruhrpotts eine Parallelwelt der Nachkriegsmoderne, relativ freundlich im Antlitz, aber so großteilig und so großflächig, dass der Mensch darin leicht verlorengehen konnte. Mit der ARD war kurz zuvor der erste öffentlich-rechtliche Sender Deutschlands gegründet worden. Auch das Fernsehen hatte ein freundliches Antlitz, nach der Nazi-Diktatur sollte es auch ein Instrument der demokratischen Aufklärung und politischen Debatte sein.

Lustvoll durch die Trümmer der Moderne

Doch wie Marl sind auch die öffentlich-rechtlichen Sender modrige Klötze geworden, Apparate, in denen die Menschen so viel Zeit mit der Verwaltung und Verteidigung dieser modrigen Klötze verbringen, dass sie kaum noch welche finden, um wahres, schönes, diskurs- und also auch demokratietaugliches Fernsehen zu machen.

Das könnte jedenfalls eine Lesart des Films "Und es werde Stadt" sein, den der TV-Starregisseur Dominik Graf zusammen mit Martin Farkas gedreht hat. Als Geschenk zum 50. ein Pamphlet? Nicht ganz. Graf ist jemand, der sich in Trümmern ganz wohl fühlt. Immer wieder hat er die Architektur der Nachkriegsmoderne und die Geschichten, die in ihren Ruinen begraben sind, zum Thema gemacht, zuletzt in seinem kontrovers diskutierten Münchner Gentrifizierungs-"Tatort".

Hier nun streunt er lustvoll durch die renovierungsbedürftigen Betonschmuckstücke der Grimme-Heimat, dieser "sterbenden und noch immer schönen Stadt". Lässt die Kamera über die Marler Hügelhäuser segeln, diese riesigen, weich aufgeworfenen bewohnbaren Maulwurfshügel, irrt zwischen den Betonstiegen und -stelen des Rathauses herum, feiert die berühmte, freundlich verwinkelte Sharoun-Schule als Beispiel einer modernen pädagogischen Architektur. Und genauso lustvoll taucht er in die deutsche Fernsehgeschichte mit ihren großen Momenten ein.

Doch irgendwann, so die Quintessenz des 105-Minüters, ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen eben zu einem nur noch sich selbst erhaltenden Monstrum mutiert. Für Graf, der übrigens ganz gut klarkommt mit diesem Monstrum und selbst fast ausschließlich öffentlich-rechtlich dreht, war das ungefähr 1989. Da feierte der Grimme-Preis seinen 25. Der viermalige Grimme-Preisträger Heinrich Breloer hatte damals unter dem Titel "Jährliche Ermahnung" einen Jubiläumsfilm gedreht. Graf, der zehnfache Grimme-Preisträger, zeigt reichlich Szenen vom Vorgänger, lässt noch einmal Hanns Joachim Friedrichs, Wolfgang Menge, Günter Gaus sprechen. Große, kritische, unbestechliche Geister des deutschen Fernsehens. Nach Graf-Lesart aber eben auch Geister einer vergangenen Epoche.

Von Hollywood geträumt, RTL bekommen

Was ist passiert? Was hat das kritische, bewegliche deutsche Fernsehen in einen ängstlichen, selbstbezüglichen Abfütterungsbetrieb verwandelt? Für die Ursachenforschung entfernt sich Graf nicht weit von Marl. Schuld sind für ihn die politischen Entscheidungsträger der achtziger und neunziger Jahre, die gerade das Land Nordrhein-Westfalen mit öffentlichen Geldern in ein privatwirtschaftliches Medienwunderland verwandeln wollten. Hämisch fährt Graf noch mal großsprechende Exponenten von einst auf, etwa den ehemaligen Filmstiftung-NRW-Boss und heutigen Berlinale-Leiter Dieter Kosslick oder den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement, der bei seinen Mediaparkexpansionsträumen etwas von "international immer auf Nummer eins" schwafelte. Doch Köln ist niemals Hollywood geworden, auch wenn viele Millionen Steuergeld verprasst worden sind. Vom großen Kino geträumt, RTL bekommen, bitter.

Für Graf, der übrigens genau in dieser Zeit des Prassens und des Träumens für kostenintensive Thriller wie "Die Sieger" als Deutschlands Mann für Hollywood gehandelt wurde, ist die Sache klar: Mit der Unterstützung einer auf Rendite ausgerichteten Filmproduktion samt privater Fernsehanbieter wollte man das als linksliberal empfundene gebührenfinanzierte Fernsehen schwächen: "Die Politik unterminierte bewusst das öffentlich-rechtliche System und destabilisierte damit die bis dahin krisenfeste Fernsehbranche."

Man gab vor, so der Tenor des Films, Profis von internationalem Rang zu produzieren - und löschte doch nur sämtliches kritisches Bewusstsein. Die Folge laut Graf: "Flexibilisierung, Verunsicherung, Instabilisierung." Oder noch schöner gebrüllt: "Es beginnt das Elend der deutschen Praktikantenkultur."

Eine tolle, zuweilen melancholisch gebrochene Tirade auf die zerstörten Träume von Teilnahme und Diskurs, von Mitsprache und Medienmoderne ist "Es werde Stadt" geworden. Man muss ihr nicht komplett folgen, um viel Wahres darin zu erkennen. Erstmals gesendet wird der Film Freitagnacht im WDR, wenn die Gäste zur Jubelgala zum 50. Geburtstag des Grimme-Preises im grauen Beton des Marler Rathauses auf der Aftershowparty feiern. Vielleicht ist da doch noch Leben in den Ruinen.


"50 Jahre Adolf Grimme-Preis" (Gala), Freitag, 19.00 Uhr, 3sat
"Es werde Stadt!" (Graf-Doku), Freitag, 23.15 Uhr, WDR, Dienstag, 8. April 0.00, NDR und Mittwoch, 9. April, 23.30, SWR

Der Autor ist Mitglied der Grimme-Jury.

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Olaf 03.04.2014
1.
Zitat von sysopWDRWenn die Träume von einst in Trümmern liegen: In "Es werde Stadt" erklärt Dominik Graf, wie die Vorzeigestadt Marl und das deutsche Vorzeigefernsehen vor die Hunde gehen. Ein etwas anderer Glückwunsch zum 50. des Grimme-Preises. http://www.spiegel.de/kultur/tv/grimme-preis-filmessay-es-werde-stadt-von-dominik-graf-a-961629.html
Die Trauer eines Beamten um seine Zuständigkeiten, könnte man auch sagen. Und RTL ist Schuld am Zustand der Städte im Ruhrpott? Wie gut das es noch den Grimme Preis gibt.
Nebhrid 03.04.2014
2. Wenn die
Rechte zuschlägt bleiben nur noch Trümmer, nichts Neues.
GyrosPita 03.04.2014
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von sysopWDRWenn die Träume von einst in Trümmern liegen: In "Es werde Stadt" erklärt Dominik Graf, wie die Vorzeigestadt Marl und das deutsche Vorzeigefernsehen vor die Hunde gehen. Ein etwas anderer Glückwunsch zum 50. des Grimme-Preises. http://www.spiegel.de/kultur/tv/grimme-preis-filmessay-es-werde-stadt-von-dominik-graf-a-961629.html
Solange noch Geld da ist um überschätzte Möchtegerns wie Graf mit durchzuschleppen kann es dem deutschen Fernsehen nicht so furchtbar schlecht gehen...
yast2000 03.04.2014
4. Es war ungefähr 1989...
1989 war, neben anderen historischen Ereignissen, vor allem der historische Komplettabsturz der westdeutschen Linken. Er war so erbärmlich, dass selbst ein abgesetzter NVA-Offizier oder eine entlassene Pionierleiterin wie revolutionäre Opfer einer umstürzlerischen Zeit erschienen, während sich der Wohlstandsfuzzi genüsslich in seiner Opportunität suhlte. Das wollen wir erst mal so festhalten, und anschließend irritiert fragen: Wo zum Teufel liegt die Millionenstadt Marl?
mxdoc 03.04.2014
5. Alles, was die Welt nicht braucht.
Der Mensch kann sich den obengenannten "Ermahnungsfilm" alljährlich in seinen "gentrifizierten Tatort" der "pädagogischen Sharoun-Architektur" schieben.
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