TV-Auszeichnung Xavier-Naidoo-Show für Grimme-Preis nominiert

Gute TV-Filme und Dokus? Haben wir. Im Bereich "Unterhaltung" musste die Jury dagegen lange suchen: Für den Grimme-Preis ist Olli Dittrichs "TalkGespräch" im Rennen - und "Sing meinen Song" mit der Reizfigur Xavier Naidoo.

VOX

Marl - Es ist die renommierteste Auszeichnung für deutsche Fernsehproduktionen: Das Grimme-Institut hat in Marl die Nominierungen für den Grimme-Preis bekannt gegeben. Dabei habe das globale und politische Zeitgeschehen noch stärker als in den Vorjahren das Programm bestimmt - "teilweise bis in die Unterhaltungs- und Kabarettformate", so Instituts-Direktorin Frauke Gerlach.

Im Wettbewerbsbereich "Fiktion" sind 20 TV-Produktionen nominiert. Dabei liegen Krimistoffe und historische Ereignisse wie der Mauerfall 1989 ("Bornholmer Straße", MDR/Degeto/rbb), die "Spiegel-Affäre" (BR/ARD Degeto/WDR/ARTE) oder die Konfrontation von Opfern und Tätern des NS-Regimes ("Das Zeugenhaus", ZDF) weiter hoch im Kurs. Filme wie "Be my Baby" (ZDF), "Monsoon Baby" (BR) oder "Neufeld, mitkommen" (WDR) spiegeln daneben die familienpolitische Debatte zu Themen wie Behinderung, Adoption und Mobbing.

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Gewaltdrama in der ARD: Mobbing ohne Ende

Bei den "Serien und Mehrteiler", ebenfalls zum Wettbewerb "Fiktion" gehörig, hat die Nominierungskommission das Integrations-Mockumentary "Endliche Deutsch" (WDR), die fiktive Aufarbeitung der Pleite der Drogeriekette Schlecker ("Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab", ZDF) sowie den historischen deutsch-deutsche Dreiteiler "Tannbach" (ZDF) vorgeschlagen. Für Sonderpreise ist neben den Schauspielern Christina Große (u.a. "Spreewaldkrimi", "Be my Baby") und Alexander Held (u.a. "Die Spiegel-Affäre", "Tatort: Im Schmerz geboren") auch der Drehbuchautor Jürgen Werner für die Bücher zu den ersten vier Dortmund-"Tatorten" nominiert.

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ZDF-Nachkriegsepos: Innerdeutscher Tunnelblick

Im Wettbewerb "Information & Kultur" wurden ebenfalls 20 Produktionen benannt. Darunter fallen unter anderem "Sterben für Allah" (HR/BR/SWR), "Die Kinder von Aleppo" (ZDF/Arte/Channel 4), "Leaving Greece - Fluchtpunkt Griechenland" (BR), "Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K." (NDR/SWR), "Die Wunderpille der Wehrmacht" (RB), "Camp 14 - Total Control Zone" (WDR/BR/Arte) und Bouchbennersch Otto (WDR). An Serien und Mehrteilern sind u.a. "Akte D" (WDR/MDR/BR), "Die Ostdeutschen" (RBB) und "Verschwörung gegen die Freiheit" (ZDF) nominiert.

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Fußball-Doku: Folter, Mord, Freundschaftsspiel

Nicht vollständig ausgeschöpft wurde das Kontingent im Wettbewerb "Unterhaltung". Hier nominierte die Kommission u.a. das Mockumentary "Fraktus" (NDR/ARTE), "Auf 3 Sofas durch..." (EinsPlus/SWR), "Habe die Ehre" (BR), "Das TalkGespräch" mit Olli Dittrich (WDR), "Soulkitchen - Die Geschichte eines Abends" (NDR) sowie den "Tatortreiniger" (NDR).

Im Gegensatz zu den anderen Wettbewerben sind in der Unterhaltung auch Privatsender im Rennen: Vox ist mit "Die Höhle der Löwen" dabei sowie mit der Musikshow "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert", bei der der aus politischen Gründen zuletzt umstrittene Sänger Xavier Naidoo und einige Musikerkollegen wechselseitig ihre Lieder nachspielen. Über seine allererste Nominierung kann sich das Cartoon Network freuen: Der Spartensender wurde für "Cartoon Network Spurensuche - Schnitzeljagd war gestern" in die engste Auswahl aufgenommen.

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"Das TalkGespräch" von Olli Dittrich: "So gut wie wahr"

Hoffnung auf Spezialpreise können sich die Autoren und Künstler der ZDF-Kabarettreihe "Die Anstalt" für die Sendung vom 18. November 2014 zur Flüchtlingsproblematik machen. Unter den Anwärtern auf einen Spezialpreis ist erneut Stefan Raab für eine Einzelleistung: das Intro zum Bundesvision Song Contest (ProSieben).

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"Sing meinen Song": Entreißen und enteignen

Alle Nominierten finden Sie auf der Homepage des Grimme-Instituts. Mit dem Grimme-Preis werden laut Eigendefinition des Instituts "Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind". Der Preis ist die wohl prestigereichste Fernsehauszeichnung Deutschlands, steht aber auch im Ruf, die elitärste zu sein. Verliehen werden die Preise am 27. März in Marl.

feb

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Steve70 20.01.2015
1. Naidoo für Grimme-Preis nominiert?!!!!
Der reinste Hohn. Ich konnte damals 2008 gut verstehen, als Reich-Ranicki (RIP) den deutschen Fernsehpreis unter ungläubigen Gesichtern ablehnte. Die deutsche Fernsehlandschaft ist bis auf einige wenige Ausnahmen an Langeweile und Spießerei nicht zu überbieten... S.H.
ihatezensur 20.01.2015
2. Ein Hoch auf uns
anders kann man diese Anhäufung von unterdurchschnittlicher Mittelmäßigkeit und Geschichtsrevison wohl nicht titulieren. Es hilft nur English zu lernen und die Dokus auf BBC zu schauen.
überholspur 20.01.2015
3. Xavier Naidoo
War da nicht was? Oder hat der "aus politischen Gründen zuletzt umstrittene Sänger" den Reichsbürgern und Verschwörungstheorien bereits abgeschworen und ich hab's nur verpasst? Oder soll die zu erwartende Erregung über diese Nominierung diesem völlig nebensächlicher Preis einfach nur etwas Publicity verpassen? So ein richtiger Shitstorm ist ja doch immer noch besser, als wenn gar kein Schwein mehr zuckt.
franz.v.trotta 20.01.2015
4. The winner is
das Mittelmaß, die Belanglosigkeit. Der Grimme-Preis hat sich durch lächerliche Entscheidungen selbst ins Abseits gekickt.
catherina 21.01.2015
5. ich stimme #3 überholspur voll zu
2014 hat Xavier Naidoo noch den Skeptikerpreis "Das Goldene Brett vorm Kopf" verliehen bekommen. Aus der Begründung: Die Bundesrepublik Deutschland gibt es gar nicht – stattdessen besteht das Deutsche Reich in Wirklichkeit bis heute. Von dieser merkwürdigen Verschwörungstheorie ist die „Reichsbürgerbewegung“ überzeugt, für deren Ideen sich Xavier Naidoo mehrfach öffentlich ausgesprochen hat. Würde er auf diese Weise bloß seine mangelnde politische Bildung unter Beweis stellen, wäre das harmlos. Doch Naidoo wird mit seinem Engagement zur Einstiegsdroge in ein ganzes Geflecht an abstrusen Verschwörungstheorien, die sehr gefährlich werden können. .../... Bereits in der Nominierungsphase gehörte Xavier Naidoo zu den Kandidaten, die von der Online-Community am häufigsten vorgeschlagen wurden. Er machte nicht nur mit seiner Nähe zur Reichsbürgerbewegung auf sich aufmerksam, sondern auch mit Aussagen über die Terroranschläge von 9/11, von Madrid und London. Damit hat sich Xavier Naidoo in die Gedankenwelt der sogenannten „Truther-Szene“ begeben, die im Internet eine große Verbreitung findet, an Weltverschwörungen glaubt und sich als äußerst resistent gegen rationale Gegenargumente erweist. Naidoo steht nicht für klassische Pseudowissenschaft (wie etwa Wünschelrutengeher oder Wunderheiler, mit denen sich die Skeptikerbewegung sonst so oft beschäftigt), doch die Gefährlichkeit von Verschwörungstheorien ist mindestens so groß – daher wurde ihm der diesjährige Preis zugesprochen. Mit einigen Mausklicks kommt man heute von einer wirren Behauptung zur nächsten, und wenn ein prominenter Popstar einer solchen Theorie den Anschein von Legitimität verleiht, glauben beeinflussbare Fans oft auch gleich noch ein paar andere. Xavier Naidoos große Popularität führt insbesondere junge Menschen in eine abstruse Gedankenwelt aus unhaltbaren Behauptungen, in denen Hass und Angst mehr zählen als Fakten. Ein waches Hinterfragen politischer Geschehnisse, auch von Terroranschlägen und der Berichterstattung darüber, könnte ja sinnvoll sein. Doch eine rationale Diskussion über tatsächliche politische Missstände wird durch plumpe Verschwörungstheorien unmöglich. Xavier Naidoo wird zur Einstiegsdroge der Irrationalität, die mit pathetischer Musik beginnt und bei Chemtrails und Weltverschwörungs-Paranoia endet. Dass Xavier Naidoo bei manchen Interviews außerdem eine recht merkwürdige Auffassung von Naturgesetzen vertritt, fällt angesichts dessen kaum noch ins Gewicht – etwa, wenn er es problematisch findet, dass der Mond heute auch tagsüber sichtbar ist, oder sich zuversichtlich zeigt, dass die Abgase seines Autos schon durch das Ozonloch ins All entweichen werden.
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