SPIEGEL ONLINE: Bis Ende 20 waren Sie Apothekerin mit Reihenhaus. Eine gute Vorbereitung für die Unterhaltungskarriere?
Müller: Für mich war das genau richtig. Ich war ja eh eine Spätzünderin. Es war nützlich, als Apothekerin den Umgang mit Menschen zu lernen. Ich habe diesen Beruf geliebt. Es war auch nützlich, eine gewisse Disziplin zu entwickeln. Merkt man vielleicht nicht immer bei der leicht anarchisch wirkenden Sendung "Inas Nacht", aber die ist auf ihre Art ja sehr durchdacht.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das Prinzip Kollision? Der Restauranttester Rach und der Pop-Dichter Distelmeyer in einer Sendung ist eine gewagte Kombination.
Müller: Kollision ist vielleicht ein zu starkes Wort. Aber mir ist schon wichtig, dass da unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. Einer muss es schon krachen lassen können.
SPIEGEL ONLINE: Wer darf auf keinen Fall in Ihre Sendung kommen?
Müller: Sag' ich nicht. Nur so viel: Wir haben eine Arschloch-Liste und eine Doppel-Arschloch-Liste. Von der Doppel-Arschlochliste darf natürlich keiner kommen, von der anderen Liste schon. Man braucht ab und zu ein paar Arschlöcher in der Sendung - auch um dann festzustellen: Sind gar nicht so schlimm. Nur einmal wurde es brenzlig. Da merkte ich schon nachmittags bei der Probe, dass ich mit der Person abends bei der Aufzeichnung ein echtes Problem haben würde. Haben wir dann durchgezogen, haute auch hin. Allerdings hörte mich diese Person dann auch nicht sagen, wie toll ich sie doch fände.
SPIEGEL ONLINE: Der große Hugo Egon Balder, den Sie mal vor laufender Kamera wegen seiner Schwerhörigkeit fröhlich niedermachten, war das aber hoffentlich nicht?
Müller: Nein, um Gottes Willen! Der läuft ja in der Kategorie "obersympathisches Arschloch". Der kannte die Sendung gar nicht und hatte wohl gedacht, er käme in eine Art "Schaubude". Dann merkte er: Mensch, hier kann ich rauchen, hier ist echter Schnaps in den Gläsern. Der taute dann auf und riss wahnsinnig schlechte Witze. Herrlich!
SPIEGEL ONLINE: Ehrensache, dass bei Ihnen echter Alkohol ausgeschenkt wird?
Müller: Alkoholfreies Bier geht gar nicht. Aber sagen wir mal so: Ich finde es nicht so erstrebenswert, am Ende einer Sendung besoffen zu sein. War ich auch noch nie. Naja, einmal schon. Und das war, als Dagmar Koller merkte, dass ich Wasser in meinem Schnapsglas hatte und es mit ihrem vertauschte.
SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen eigentlich auch schon mal Zuschauerbeschwerden zu Ohren gekommen, dass Sie zu laut sind?
Müller: Bin ich laut?
SPIEGEL ONLINE: Gelegentlich.
Müller: Stimmt wohl. Deshalb bin ich bemüht, mich relativ rar zu machen. So eine wie ich geht den Leuten schnell auf die Nerven. Obwohl sich meines Wissens nach bislang noch keine Aktionsgruppe "Stoppt Ina Müller" gebildet hat. Übrigens glaube ich, dass vor allem Männer Probleme mit lauten Frauen haben. Nach dem Motto "Ist ja ganz lustig, aber bitte nicht als Freundin!". Ingrid von Bergen, die sehr laut ist und sehr viele Männer hatte, hat in meiner Sendung den vielleicht schönsten Satz überhaupt dazu gesagt: "Immer wenn ein Mann keine Angst vor mir hatte, habe ich ihn sofort geheiratet."
SPIEGEL ONLINE: Apropos laut: Hatten sie Angst vor der Sendung, bei der Sie die Freundin und Kollegin Barbara Schöneberger zu Gast hatten?
Müller: Klar, das war schon ein Experiment, wir sind uns ja in einigen Punkten sehr ähnlich. Obwohl sie eher eine singende Moderatorin ist und ich eine moderierende Sängerin. Es war eine tolle Sendung, aber es potenzierte sich nun mal unweigerlich auf Doppel-D - äh: Doppel-Laut.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie es bereuten, niemals Punk gewesen zu sein. Holen Sie da gerade etwas nach?
Müller: Ich glaube, da darf man sich nichts vormachen: ARD und Punk, das wird nie zusammenpassen. Die totale Anarchie kann es in so einem Apparat nicht geben. Man kriegt da höchstens ein paar Prozentpunkte Punk rein. Übrigens muss man aufpassen, dass man nicht in die Rolle des lustigen Nebendarstellers reingedrückt wird, der dann die eher biederen Primetime-Sendungen aufmischt. Aber ich bin kein Sidekick, ich bin die Chefin. Arrogant, ne?
SPIEGEL ONLINE: Nein, eher realistisch. Aber müssen Sie nicht gerade deshalb mal eine große Samstagabendshow übernehmen?
Müller: Aber wie soll die denn aussehen? Mal ganz ehrlich, mit meinem Regisseur und meinem Produzenten treffe ich mich demnächst und fahre drei Tage für ein Brainstorming ins schöne Scharbeutz. Um einfach mal alles zwanglos durchzuspielen, das machen wir öfter. Bei solchen Gelegenheiten wischen wir erst einmal alle Zweifel und Abgeklärtheit weg, aber am Ende ist alles nur so halb gut. Klar, "Inas Nacht" ist bei so einem Treffen entstanden, aber alles andere wurde begraben. Das Fernsehen lässt sich nicht neu erfinden, und schon gar nicht der Samstagabend.
Das Interview führten Christian Buß und Hannah Pilarczyk.
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