TV-Film "Grzimek" Tiere, Frauen, Dramen

Bernhard Grzimek erklärte den Deutschen die Tierwelt. Die ARD widmet ihm nun ein 165-Minuten-Epos zwischen Heldenrevue und einem Privatleben als Saustall.

ARD Degeto/ UFA Fiction/ Roland Suso Richter

Von Thomas Andre


An manchen Stellen der aufwendig produzierten Drei-Stunden-Filmbio spricht Ulrich Tukur als Bernhard Grzimek mit erzseriösem Timbre aus dem Off und referiert seine Erlebnisse zwischen Afrika und Frankfurt, Familie und Berufsleben. In jenen Augenblicken ist Grzimek wieder der Erkläronkel aus den Tierdokumentationen und TV-Sendungen, der ein Umweltschutzpionier und Tierforscher war und die Deutschen in vielerlei Hinsicht alphabetisierte - nur dass der Film-Grzimek nun sein eigenes Leben beleuchtet, als wäre er eine eigene Spezies.

Grzimek selbst gehört, wie dieser Film ausführlich zeigt, tatsächlich zu einer besonderen Art von Mensch; Macher und Durchsetzer, Egoist, der die Wirklichkeit nach seinen Vorstellungen formt. Im Berufsleben idealistisch bis zum Äußersten, darüber hinaus aber Lebemann mit Hang zum Chaos.

Das Privatleben als Saustall: Grzimek ist notorisch untreu und zeugt zwei außereheliche Kinder. Einige Jahre nach dem Unfalltod seines Sohns Michael in Afrika im Jahr 1959 heiratet er dessen Witwe und adoptiert seine Enkel. Der jüngste Sohn Thomas, ein Adoptivkind, begeht Suizid. Über Privates redet die TV-Bekanntheit Grzimek nie, aber sie setzt sich freigeistig und rücksichtslos über alle Konventionen hinweg.

Grzimek starb 1987 als Oscar-Gewinner ("Serengeti darf nicht sterben"), TV-Moderator ("Ein Platz für Tiere"), Bestsellerautor, langjähriger Direktor des Frankfurter Zoos, weltweit anerkannter Forscher - und hinterließ eine Familie, die sich jahrelang um sein Erbe stritt. Wie die übervolle Biografie dieses bis in die Achtzigerjahre hinein berühmten Mannes abbilden, den in bestimmten Alterskohorten jeder Deutsche kennt?

Nun, jedenfalls nicht in den üblichen anderthalb Stunden. Aber eben auch nicht als Zweiteiler: Die ARD zeigt 165 Minuten Tiere, Frauen, Dramen en bloc. In einem Film, der sich üppige Kamerafahrten über die Serengeti gönnt, vorzüglich besetzt ist - und der mithilfe seiner Hauptfigur die Geschichte der Bundesrepublik auch aus der Perspektive des Abenteurers erzählt.

Das moralische Gewissen der Nation

Eines Abenteurers, den das Skript an einer Stelle seinen Traum formulieren lässt: keine Zoos mehr und nur noch Tiere, die in freier Wildbahn leben. Er selbst lässt sich auch nicht einhegen, was seine Frau zunehmend verbittert. Hilde Grzimek (Barbara Auer) muss erleben, wie ihr 24 Jahre alter Sohn Michael (Jan Krauter), der seinen Vater bei dessen Reisen in die Savanne begleitet, bei einem Flugzeugabsturz stirbt. Sie wird ihrem Mann den frühen Tod des Kindes nie verzeihen.

Ganz sicher ist es das katastrophale Familienleben, das der Grzimek-Vita ihre entschieden dramatische Note gibt. Es hält den Zuschauer in diesem Film bei Laune, wenn die Saga des Forschers und Schützers zu sehr den Charakter einer Denkmalpflege annimmt. Denn zwischenzeitlich wird immer wieder gezeigt, wie er im eigenen Flieger nach Tansania fliegt und trotz seiner habituellen Spießigkeit (jenseits amouröser Eskapaden) immer wieder Risiken eingeht.

Die erste Hälfte zeigt den leuchtenden Grzimek, der von Tukur mit Kippe in der Hand als zupackend-charismatischer, sendungsbewusster und bisweilen unangenehm paternalistischer Tierschützer gespielt wird. In der zweiten Hälfte verdunkelt sich das Leben Grzimeks. Sie setzt einen Mann in Szene, der als moralisches Gewissen der Nation selbst moralisch scheitert und zum Menschenverachter wird, der nur noch bei den Tieren Ruhe findet. Der Mensch, das ist für ihn spätestens nach Tschernobyl ein hoffnungsloses Geschöpf, das seine eigene Lebensgrundlage vernichtet.

Pointiertes Zeitbild

Während der Film das Verhältnis von Familiendrama und Heldenrevue leidlich geschickt austariert, nimmt er sich manche gestalterische Freiheit. So kommt Grzimeks erstgeborener Sohn Rochus im Film gar nicht vor. Die angebliche NS-Verstrickung Grzimeks wird in Roland Suso Richters Film nur angedeutet. Richter ("Mogadischu", "Die Spiegel-Affäre") hat sich schon öfters historischer Stoffe angenommen.

Als pointiertes Zeitbild mag auch "Grzimek" herhalten: Der Film zeichnet nicht nur das Beziehungsdreieck des zweifachen Ehemannes, der verlassenen Ehefrau und der ehemaligen Schwiegertochter (Katharina Schüttler), sondern auch das Umfeld, in dem sich jene komplizierte Familienkonstellation entfaltet. So muss es gewesen sein, als die neuen sozialen Bewegungen der Achtzigerjahre den Umweltschutz entdeckten: Meinungsstarke Langhaarträger springen in Professor Grzimeks Vorlesung auf und fordern die Rettung der Welt oder wenigstens der Legehennen auf dem Geflügelhof.

Und weil - netter Gag - Heinz Sielmann, der andere große deutsche Tierenthusiast, nicht helfen will, steigt dann der schon alte Grzimek illegalerweise in die Legebatterie ein, um seine Kamera auf das Elend zu richten. Vielleicht sind es solche Aktionen, wegen derer Grzimek knapp drei Jahrzehnte nach seinem Tod ein ganzer Abend in der ARD gebührt. Der Mann war bereits zu Lebzeiten das, was man eine Legende nennt.

"Grzimek", 3. April, 20:15 Uhr, ARD. Im Anschluss läuft "Grzimek - Die Doku zum Film"

insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
io_gbg 02.04.2015
1. Steinlaus
Nicht zu vergessen seine Präsentation der Steinlaus (Petrophagus lorioti), die sogar in den Pschyrembel, das medizinische Lexikon, Eingang gefunden hat. https://de.wikipedia.org/wiki/Steinlaus
horsteddy 02.04.2015
2. Verschwendung
von GEZ Zwangsgebühren. Worin besteht die angebliche Leistung des Herrn Gritzmek? Meiner Ansicht nach in gar nichts. Dass er im Privatleben ein Ferkel war ist allgemein bekannt. Also auch nichts besonderes, einfach ein Deutscher mit Doppelmoral. Eigentlich gefiel mir seine Arbeit nur, als er die sensationellen Berichte über die Steinlaus veröffentlichte.
Mertrager 02.04.2015
3. Vielleicht könnte man einfach anerkennen,
... dasz er sich konsequent für den Naturschutz und den Erhalt der Tierrassen eingesetzt hat. Und man sollte das auch vor dem Hintergund des 2. Weltkriegs betrachten. Erwähnenswert ist, dass er den Posten eines Ministers ausschlug. Und sonst wird doch immer jeder Verdacht bzgl. Antisemitismus breitgetreten. - Er hat bekanntermassen sich selbst in Gefahr gebracht, um Juden zu helfen. Und für Tiere gab er sein letztes Hemd. Da gab es schon mal Krokodile in der heimischen Badewanne. Seine privaten Exkapaden sind im Vergleich zu dem, was sich manche Leute heute erlauben, nicht wirklich aufregend. Für damals allerdings schon. Er hinterläßt ein beachtenswertes Erbe.
Stäffelesrutscher 03.04.2015
4.
So sehr ich Ulrich Tukur auch schätze - der beste Grzimek-Darsteller ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=QYuew2M27wc
thinking_about 03.04.2015
5. Ich bin gespannt auf den Film
ich habe ja die Zeit aktiv erlebt, in der er eine "Institution" war, quasi das Gewissen der Nation. Er kam sehr glaubwürdig und seriös rüber, aber auch etwas fanatisch, aber man glaubte ihm und seinen Anliegen. Er brachte eine fremde Welt zu uns. Was sein Privatleben betrifft, davon war kaum etwas bekannt. Eine große Nachricht war viel später der Tod seines Sohnes, den er als seinen Nachfolger seiner Bestrebungen betrachtet hatte. Man darf allerdings die Nachrichtenlage damals nicht mit heute vergleichen wollen, aber Grzimek kannte jeder und die vielen TV Kanäle gab es auch noch nicht. Man konsumierte, was geboten wurde. Gegen die Informationsflut heutzutage waren diese Dinge deshalb allerdings prägend und man schaute eben hin auf das Wenige. Genauso war der internat. Presseclub unter Höfer eine Institution. Man richtete sein Mittagessen danach ein und es ging virulent kontrovers zu, das Glas Wein war dort sogar dabei und man rauchte gemütlich dazu und man hatte das Gefühl, man lernt die Weltenmeinung kennen, die einem bisher verschlossen war in den Ansichten. Heute wissen wir manchmal mehr, als die Leute im Presseclub verkünden. Das war eben zu der Zeit alles ganz neu und lief parallel mit der Entwicklung des TV, das in jeden Haushalt kommen konnte, falls man es sich leisten konnte. Da war zuvor noch die Anfangszeit, wo man sich vor Elektrogeschäften am Schaufenster versammelte, um wichtige Ereignisse ( leider meist Fußball) verfolgen zu können. Rückblicke in vergangene Zeiten sind immer ein schwieriges Unterfangen, denn wie die Wirkungen auf die Menschen unter den zeitgemäß gegebenen Umständen waren, können eigentlich nur von Zeitzeugen richtig bewertet werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.