Jauch-Talk über Sterbehilfe Eine Stunde voller Missverständnisse

"Mein Tod gehört mir", fordert der frühere MDR-Intendant Udo Reiter und provoziert damit. Franz Müntefering widerspricht vehement. Beim ARD-Talk von Günther Jauch ging es zum Thema Sterbehilfe sehr kontrovers zu - allerdings nicht sonderlich ergiebig.

Franz Müntefering: "Was können wir tun, damit die Menschen gut an ihr Ende kommen?"
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Franz Müntefering: "Was können wir tun, damit die Menschen gut an ihr Ende kommen?"


Ein Mann fordert sein Recht und beruft sich dabei auf seine Freiheit, die grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmung, die Menschenwürde. Widerspruch schlägt ihm entgegen, und auch dabei werden hohe Werte wie die Menschenwürde ins Spiel gebracht. Kein klarer Fall also - und das, obschon es um das Gegensätzlichste schlechthin geht, um Leben und Tod nämlich, um Sterbehilfe, genauer gesagt.

Es ist eines jener Themen, die eher in den rechtlichen und moralischen Grenz- und Grauzonen einer Gesellschaft angesiedelt sind, die gern alles geregelt sieht, und mit denen sich niemand leichttut. Dass es jetzt - wieder einmal - auf die Tagesordnung gerückt ist, dafür gibt es Gründe vor allem in Gestalt zweier älterer Männer. Sie haben ihren Disput bereits in Beiträgen in der "Süddeutschen Zeitung" ausgetragen und sitzen nun bei Günther Jauch - der eine im Rollstuhl, der andere gewappnet mit Empörung. Und was dann folgt, ist eine nicht nur des Gesprächsstoffes wegen recht schwierige Veranstaltung, eine Stunde voller Missverständnisse.

Am wenigsten ist das Udo Reiter anzulasten, dem ehemaligen MDR-Intendanten, querschnittsgelähmt seit nahezu einem halben Jahrhundert, der seine Position hinlänglich klar formuliert hat. "Mein Tod gehört mir", lautet sein Credo, und damit meint er, dass die Option auf den freiwillig gewählten Abschied aus dem Leben jedem zustehen soll, egal ob verzweifelt und krank oder lediglich "lebenssatt", gleich ob jung oder alt - mit dem eigenen Bild eines dementen Siechenden vor Augen, der anderen als Pflegefall zur Last wird und auch sich selbst, weil er nicht mehr er selbst ist. Und wer nicht mehr leben will, der soll die notwendige, auch aktive Hilfe von ärztlicher Seite erhalten.

"Was können wir tun?"

Das ist ziemlich exakt das Gegenteil dessen, was in der Sache dieser Tage von der neuen Bundesregierung zu hören ist, die nach den Worten des Gesundheitsministers Hermann Gröhe die bislang straffreie Beihilfe zur Selbsttötung unterbinden will, womit das Problem auch auf die politische Agenda gelangt. Und für Franz Müntefering ist das, was Reiter fordert, eine schiere Provokation, fast so groß wie der Tod selbst, diese denkbar schwerste Zumutung für den Menschen, die er meist aus dem Alltag verdrängt. Man merkt es ihm an, wie sehr ihn das umtreibt, dass da jemand das "Lied vom süßen Freitod" angestimmt hat, ihn, der um der Pflege seiner krebskranken Frau willen einst seine hohen Ämter in der SPD aufgab ("Zeit, die gut für uns war"), dem das Kümmern und die Solidarität so wichtig sind, auch mit demjenigen, für den es ans Sterben geht und dem man helfen muss, solange es nur möglich ist.

"Helfen beim Sterben - ja", sagt er, mit Fürsorge und allen verfügbaren palliativen Mitteln, auch dem, die Apparate nicht bis zum Ende eingeschaltet zu lassen, aber doch nicht so, dass dieses fatale, falsche Signal der Beliebigkeit gesetzt werde: "Wenn du nicht mehr willst, sag nur Bescheid." Vielmehr sei zu fragen: "Was können wir tun, damit die Menschen gut an ihr Ende kommen?"

Es ist teilweise anrührend, dem Mann aus dem katholischen Sauerland zuzuhören, der die Dinge gern einfach sagt. Aber irgendwann ist es das dann auch nicht mehr, weil man das Gefühl nicht los wird, dass er es sich hier einerseits zu einfach macht und andererseits ein Problem konstruiert, das so gar nicht existiert - als lasse sich durch Restriktionen jemand vom Suizid abhalten und als würde das, was Reiter fordert, zwangsläufig mehr Menschen in den Freitod treiben.

Viel aneinander vorbeigeredet

Der Mann im Rollstuhl, der sich nach seinem Unfall einmal umzubringen versuchte, aber dann feststellte, dass seine Vitalität stärker war, wirkt sehr entspannt, spricht von seinem erfüllten Leben. Er weiß pointiert zu argumentieren, manchmal auch derb, sagt Sätze wie den, dass niemand in den Tod gedrängt, aber auch nicht zum Leben gezwungen werden solle. Er möchte eben einfach nicht, dass ihm eines Tages "jemand den Hintern abwischen muss". Und wenn denn das Leben tatsächlich ein Geschenk des Schöpfers sei, dann habe der Mensch auch das Recht, dieses Geschenk zurückzugeben.

So etwas mag die evangelische Theologin und Publizistin Petra Bahr wohl lieber gar nicht hören, genauso wenig wie die Zitate eines Wolfgang Herrndorf, der die Zeitspanne, bis er sich selbst tötete, zu Literatur verarbeitete und davon schrieb, dass er eine "Exit-Strategie" brauche, um Herr im eigenen Haus zu bleiben, und der auf seine eigene Weise betete: "Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube." Frau Bahr, die sich fast rigoroser noch als Müntefering äußert, vertritt konsequent "die Position des Christenmenschen", redet vom Tod als Geschick und stößt sich bereits an der Bezeichnung "Cocktail" für den letzten tödlichen Trunk, weil das "nach Party klingt".

Als Fachmann für dessen Beschaffung hält ihr der Arzt Uwe-Christian Arnold, der als Sterbehelfer mehr als 200 Menschen in den Tod begleitet hat, entgegen, dass dies nun wahrlich eine schwere Aufgabe sei, bei der zudem das Gespräch eine entscheidende Rolle spiele. Psychisch Kranke seien von der Erfüllung des Todeswunsches ohnehin ausgenommen, die bräuchten ärztliche Hilfe. Die von Reiter angestoßene Debatte sei jedenfalls "Gold wert".

Das lässt sich von dieser Talkrunde nicht unbedingt sagen. Da wurde zu viel aneinander vorbeigeredet und beharrt und zu wenig verstanden, zum Teil, wie es schien, mit Absicht. Man kann nur hoffen, dass die politischen Debatten, wenn sie nun in Gang kommen, ergiebiger sind und mehr Klarheit schaffen.



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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 20.01.2014
1. Thema verfehlt
Zitat von sysopDPA"Mein Tod gehört mir", fordert der frühere MDR-Intendant Udo Reiter und provoziert damit. Franz Müntefering widerspricht vehement. Beim ARD-Talk von Günther Jauch ging es zum Thema Sterbehilfe sehr kontrovers zu - allerdings nicht sonderlich ergiebig. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-ard-talk-ueber-sterbehilfe-a-944374.html
Meines Erachtens hat Müntefering da etwas völlig falsch verstanden: niemand möchte eine Beliebigkeit bei der Sterbehilfe, dass jeder aus einer Laune heraus sagen kann, dass er nicht mehr möchte. Es geht doch tatsächlich darum, dass Leute, die todkrank sind, ihrem Leben selbst ein Ende setzen können. Ich fand Münteferings Beiträge ein wenig daneben.
Demokrator2007 20.01.2014
2. Warum sollen psychisch Kranke vom Todeswunsch ausgenommen sein...
...und andere Kranke nicht? Aktive Sterbehilfe ist in meinen Augen immer Beihilfe zum Selbstmord, egal ob nun körperlich oder seelisch krank. Insofern finde ich es vermessen, hier zweierlei Maß anzusetzen. Niemand hat das Recht "Herr über Leben und Tod zu spielen", was zwangsläufig bei aktiver Sterbehilfe der Fall ist-wobei es noch keinem Wissenschaftler der Welt gelungen ist, wirkliches Leben herzustellen, sondern nur ein Cocktail anzurichten, das unter Umständen zu einer veränderten Form von Leben wird, Tier oder Mensch sei in dieser Frage erst mal unwichtig. Das an sich ist zwar grandios, aber eben nicht dasselbe wie die Schöpfung. Das einzige was der Mensch gottähnlich beherrscht ist Leben zu nehmen und das in allen Arten und Varianten. Hieraus abzuleiten dies auch zu dürfen finde ich obszön, allerdings genauso ekelhaft wie ein zuende gehendes Leben aus wirtschaftlichen Gründen heraus künstlich zu verlängern. Aber auch Abtreibung und die moderne Eizellenschwangerschaft die zur Zeit immer stärker um sich greift, greift in einen Naturprozeß ein der jeglichen Respekt vor der Natur und der Schöpfung vermissen lässt. Daran ungeborenes Leben abzutöten wenn es uns nicht paßt, wir es für unwert halten, oder was auch sonst Gründe für eine Abtreibung sein mögen, es sei denn das Leben von Mutter und/oder Kind sind in Gefahr, daran haben wir uns gewöhnt wie an Vergewaltigung, Mord und Totschlag. Aber das nächste Tor sollte keinesfalls auch noch durchschritten werden. Es ist ja bereits geschehen, aber die, die das taten waren Mörder und das sollten sie in ihrer Abscheulichkeit immer bleiben ohne ihre Verbrechen jemals zu relativieren. P.S. Jeder Mensch soll das Recht haben an sich selbst Hand anzulegen, aber nicht das, andere dabei zum Komplizen zu machen.
schluea2a 20.01.2014
3.
Zitat von sysopDPA"Mein Tod gehört mir", fordert der frühere MDR-Intendant Udo Reiter und provoziert damit. Franz Müntefering widerspricht vehement. Beim ARD-Talk von Günther Jauch ging es zum Thema Sterbehilfe sehr kontrovers zu - allerdings nicht sonderlich ergiebig. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-ard-talk-ueber-sterbehilfe-a-944374.html
schluea2a 20.01.2014
4. Hintern abwischen
Er (Udo Reiter) möchte eben einfach nicht, dass ihm eines Tages "jemand den Hintern abwischen muss." Diesen Ausspruch finde ich schlimm und sendet eine völlig falsche Signalwirkung. Reiter macht denjenigen Leuten ein schlechtes Gewissen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind und die sich ohnehin schon nutzlos fühlen in unserer Gesellschaft. Ich fand die Position von Müntefering klar und verständlich. Sterbehilfe sollte so definiert werden, dass man todkranken Menschen hilft, die letzten Tage mit ihren Angehörigen und Freunden in Würde zu verbringen. Der Tod gehört zum Leben mit dazu!
albrechtstorz 20.01.2014
5.
Zitat von sysopDPA"Mein Tod gehört mir", fordert der frühere MDR-Intendant Udo Reiter und provoziert damit. Franz Müntefering widerspricht vehement. Beim ARD-Talk von Günther Jauch ging es zum Thema Sterbehilfe sehr kontrovers zu - allerdings nicht sonderlich ergiebig. http://www.spiegel.de/kultur/tv/guenther-jauch-ard-talk-ueber-sterbehilfe-a-944374.html
Vielleicht gibt es auf gewisse Fragen einfach keine eindeutigen Antworten und es hat jeder irgendwie recht. Eigentlich auch kein Wunder: hier stößt Individuum (Selbstbestimmung) auf Gesellschaft und damit Reglementierung und Normung (man darf nicht Signalisieren, dass der, der anderen zur Last fällt eine Alternative hätte). Fakt ist: wer sterben will und noch einigermaßen bei Kräften ist, kann dies auch - mit oder ohne gesellschaftlichem Konsens. Ärzte, die solchen Menschen helfen wollen, in eine kriminelle Ecke zu stellen, ist aber eine Ungeheuerlichkeit.
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