Pegida-Talk bei Günther Jauch Wohltuende Klarheit

Günther Jauch war in dieser Woche der Dritte, der zum Pegida-Talk bat. Dass dabei tatsächlich etwas Neues herauskam, hat die Runde Gesine Schwan zu verdanken. Sie stellte fest: "Soziale Mitte heißt nicht zwingend auch demokratisch."

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Fast wäre sie Bundespräsidentin geworden: Gesine Schwan
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Fast wäre sie Bundespräsidentin geworden: Gesine Schwan


Eine Woche hatten Medien und Politik Zeit, den Schock über die Ausmaße der letzten Montagsdemo in Dresden zu verkraften. Und diskutiert und analysiert wurde in dieser Woche reichlich. Pegida war Thema bei Anne Will und bei Maybrit Illner - und nun auch bei Günther Jauch. Der Sendeplatz bringt es mit sich, dass Jauchs Talkshow manchmal zu spät kommt, um Neues zu bringen - und manchmal genau zur richtigen Zeit, um mit Abstand die Geschehnisse einordnen zu können. Diesmal war letzteres der Fall.

Die Pegida-Vertreter wollten auch in dieser Sendung nicht diskutieren, was die Vorwürfe, ihnen würde keiner zuhören, langsam aber sicher ad absurdum führt, wofür Jauch deutliche Worte fand: Mehr als die Organisatoren einladen und ihnen ein Forum in einer Livesendung bieten, könne man als Redaktion nicht.

Aber Jauch hatte stattdessen hochkarätige Gäste zum Thema versammelt: Den AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke, den jüngst in ungeahnte CDU-Parteihöhen aufgestiegenen Jens Spahn und die Fast-Bundespräsidentin Gesine Schwan. Sie sollten nun den ARD-Zuschauern erklären, ob die Demonstranten gefährlich sind oder nicht.

Die AfD freut sich über den Rückenwind

In der Politik hat diese Frage für Wirbel gesorgt. Die Innenminister der Bundesländer haben beraten, wie mit den Aufmüpfigen am besten umzugehen sei, die CSU lehnte sich mit ihrer Forderung nach einer Deutschpflicht für Migranten einmal weit aus dem Fenster und wieder zurück, und auch SPD und Grüne nutzten schließlich die Gelegenheit, um sich deutlich zu positionieren. Die Medien kommentierten ausgiebig, betrieben Ursachenforschung, stellten Zukunftsprognosen auf und gaben Pegida-Anhängern weiteres Futter für ihre Theorie, dass sie alle gleichgeschaltet und ihnen sowieso unfreundlich gesonnen seien.

Bei alldem stand die AfD daneben und freute sich über den Rückenwind. Doch auch die Neue Alternative muss letztlich einen Kurs fahren, der die bürgerlichen Wähler nicht zu sehr verschreckt. Das war Lucke in der Sendung deutlich anzumerken, denn schon geriert sich sein Parteikollege Olaf Henkel als Stimme der Vernunft.

Jens Spahn nutzte das Jauch-Podium dann auch direkt, um seine CDU von der AfD abzugrenzen und Lucke ein wenig ins Schwitzen zu bringen. Er rückte die Union als Vorreiter in Sachen Minderheitenschutz und Gleichstellung in ein bisher unbekanntes historisches Licht. Spahn verstieg sich sogar zum ungewohnten CDU-Statement: "Zuwanderung tut uns im Großen und Ganzen gut."

Neue Strategie im konservativen Lager

So scheint sich im konservativen Lager nach einem aufgeregten Rechtsschwenk eine neue Strategie zu entwickeln. Selbst Lucke wollte sich nie deutlich pro Pegida ausgesprochen haben. Aber die Runde schoss sich auch so gerne auf ihn ein - bis Gesine Schwan Einspruch gegen die Fokussierung auf die AfD erhob: Diese würde sich an inneren Streitereien ohnehin selbst demontieren.

Klare Worte fand Schwan auch für einen weiteren Irrtum der Debatte: "Soziale Mitte heißt nicht zwingend auch demokratisch." Und genau mit diesem scheinbaren Widerspruch tat sich der öffentliche Diskurs in dieser Woche so schwer- die Diskrepanz aus rechtem Gedankengut gegenüber bürgerlicher Mitte ist eigentlich keine. Ressentiments gibt es überall.

Den Antrieb dieser "Frustbürger" macht Schwan folglich nicht an einer tatsächlich prekären Lage der Demonstranten fest, sondern an einer Abstiegs- und Verlustangst, die sich in Fremdenfeindlichkeit manifestiert. Nach einer Woche der Verunsicherung eine wohltuende Klarheit, die auch einer Bundespräsidentin gut zu Gesichte gestanden hätte. Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Pegida-Welle nun weiter wächst oder schon wieder im Vorweihnachtsgetümmel zusammenfällt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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vetris_molaud 15.12.2014
1.
Bernd Lucke hatte gezappelt und sich gewunden wie ein Aal, musste sich jedoch auf offenkundig getätigte Aussagen festnageln lassen. Schön blöd, wenn die "Systemmedien" alle Interwiews und Posts dokumentieren ... Da die vier anderen Talkgäste einhellig kontra Lucke waren und Frau Schwan stellenweise die Moderation der Sendung übernahm, konnte Jauch beim Lucke-Denontieren beinahe glänzen ...
Chatzi 15.12.2014
2. Herrlich!
Das zu lesen, was Gesine Schwan in der Sendung gesagt hat, stimmt mich sehr froh! Endlich hat mal einer Klartext geredet. Rechtes Gedankengut gibt es auch in der Mitte, und auch -vor allem - in der CSU, und auch in der CDU. Und weil es schick ist, damit Wählern vorzugaukeln, man tue etwas gegen die angebliche Islamisierung Deutschlands, laufen alle Vollidioten, die auf diesen Nepp auch noch hereinfallen, dem Rattenfängern von der AfD und Pegida hinterher. Schade, dass Gauck diese Klarstellung nicht geprägt hat.
m_scholz11@web.de 15.12.2014
3. wohltuende Klarheit nur von Lucke
Haben sie ne andere Sendung gesehen? Bei Schwan hatte man den Eindruck, die wusste gar nicht, worum es geht. Aber ja, die hat genau das gesagt, was man auch von einem Spiegel-Autor zu dem Thema vermuten würde: Alles verkappte Nazis! Dass das Probleme weder zutreffend beschreibt, geschweige denn löst, kapiert der Spiegel ja seit 10 Jahren nicht. Gesine Schwan hat sich völlig undifferenziert mit der ganzen Thematik auseinandergesetzt. Und zwar so undifferenziert, dass es nicht mal Applaus aus dem Studio gab - und den gibt es normalerweise für alles, was irgendwie in die Richtung "böse Nazis" geht. Anstatt "Klarheit" wurde dem Zuschauer das übliche Zerrbild präsentiert. Ein Armutszeugnis für Jauch.
Herr Hold 15.12.2014
4. Klarheit?
"Den Antrieb dieser "Frustbürger" macht Schwan folglich nicht an einer tatsächlich prekären Lage der Demonstranten fest, sondern an einer Abstiegs- und Verlustangst, die sich in Fremdenfeindlichkeit manifestiert." Warum soll es "wohltuend" sein, zu wissen, dass dort nicht gegen eine bereits vorhandene Lage, sondern eine befürchtete demonstriert wird? Die Auswirkungen unterscheiden sich nicht.
anton_otto 15.12.2014
5. Wohltuend?
Klarheit gibt es - die etablierten Parteien und Medien sind wild entschlossen, diese Demonstrationen als rechts abzutun. Daran ist nichts wohltuend, zeigt es doch, daß die großen Demokraten sich nicht ums Volk scheren, wenn es nicht zur vorgegebenen Meinung paßt. Mal sehen, wie lange sie das durchhalten.
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